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"Die Alpträume werde ich nie los"

"Die Alpträume werde ich nie los"

Saarbrücken. Den 29. Mai 2011 wird Matthias Ott aus Habkirchen nie vergessen: Der Geschäftsführer aus dem Mandelbachtal feiert Silberhochzeit im Hessischen und erleidet direkt danach einen Zusammenbruch. Der Schwiegersohn bringt ihn in das Saarbrücker Winterbergklinikum. Sechs Wochen liegt er später im Koma. Diagnose: eine schwere Ehec-Infektion mit der Komplikation Nierenversagen

Saarbrücken. Den 29. Mai 2011 wird Matthias Ott aus Habkirchen nie vergessen: Der Geschäftsführer aus dem Mandelbachtal feiert Silberhochzeit im Hessischen und erleidet direkt danach einen Zusammenbruch. Der Schwiegersohn bringt ihn in das Saarbrücker Winterbergklinikum. Sechs Wochen liegt er später im Koma. Diagnose: eine schwere Ehec-Infektion mit der Komplikation Nierenversagen. Im Nachbarzimmer auf der Intensivstation liegt Julia von Oetinger-Witte aus Saarbrücken, sie ist ansprechbar, hat aber ebenfalls eine lebensgefährliche Ehec-Infektion.Heute sind beide körperlich gesund. Zusammen mit Chefarzt Prof. Dr. Daniel Grandt sprechen sie über die schweren Tage. "Auf der Intensivstation hatte ich schwere Alpträume, die werde ich nie wieder los", sagt Ott, der Ängste entwickelt hat, die er vorher nicht kannte. "Ich wäre fast gestorben. Meine Frau und die drei Mädchen haben nie das Vertrauen in das Klinikpersonal verloren und haben mir nachts Musik von den Beatles vorgespielt, um mich aus dem Koma zu bekommen. Aber wir alle haben die Todesangst erlebt und sind traumatisiert", sagt Ott. Eine Woche war er zuhause, da brauchte er erneut den Notarzt, weil seine Galle versagte - auch eine Ehec-Komplikation.

Nach Wochen der Reha geht es ihm heute gut, nur die Angst sitzt tief und es quält ihn die Befürchtung, dass nach Entlassung der letzten Ehec-Patienten die Mühen der Infektions-Spezialisten nachlassen. "Die EU gibt Gelder für die Bauern, die wegen Ehec keine Gurken verkaufen konnten, aber die Betroffenen werden vergessen", sagt von Oetinger-Witte.

Beide Patienten wollen diesen Missstand öffentlich machen, wollen, dass ihre schwere Krankheit nicht einfach zu den Akten gelegt wird. Grandt beruhigt: "Ehec war die größte schwere und lebensmittelübertragene Erkrankungswelle seit Kriegsende. Alle Behörden und Institute haben exzellent zusammengearbeitet. Noch nie wurde ein Erreger während der Erkrankungswelle genetisch so schnell isoliert und analysiert. Es wurde sehr professionell gearbeitet." Grandts Haus gehört zu den sieben Infektionszentren. Die Zentren stimmten die Therapien eng miteinander ab. "Wir können nur froh sein, in Saarbrücken so ein Zentrum zu haben", sagt Grandt. Er konnte mit seinen Kollegen allen Patienten das Leben retten.

Ott hatte sich an der Nordsee angesteckt, in einem Restaurant. Von Oetinger-Witte war im Lübecker Kartoffelkeller, der später als eine der Hauptinfektionsquellen ausgemacht wurde. Mit der Deutschen Steuergewerkschaft war sie dort bei einer Tagung, neun Kolleginnen steckten sich an, eine starb. Die anderen trafen sich nochmal, als das Robert-Koch-Institut Blutproben für eine Studie wollte. Geforscht wird also weiter. Grandt ist sicher, dass das nötig ist: "Bedrohliche Infektionen sind kontinuierlich da. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass das ein Stück Lebensrisiko ist und wir uns anstecken können, ohne dass jemand was falsch gemacht hat." Mit fehlender Hygiene habe das nicht immer etwas zu tun.

 Matthias Ott, Julia von Oetinger-Witte und Klinik-Chefarzt Prof. Dr. Daniel Grandt (v.l.) Foto: Becker&Bredel
Matthias Ott, Julia von Oetinger-Witte und Klinik-Chefarzt Prof. Dr. Daniel Grandt (v.l.) Foto: Becker&Bredel

Von Oetinger-Witte erzählt, dass sich bei ihrer Familie während ihres Klinikaufenthalts keine Gesundheitsbehörde gemeldet habe, um Tipps zu geben, wie zuhause desinfiziert werden muss. Erst nach der Entlassung habe es Anweisungen gegeben. Heute lebt sie angstfrei, ist wieder gesund. "Ich esse sogar beim Thailänder", sagt sie. Von dieser Unbeschwertheit ist Ex-Zimmernachbar Ott noch weit entfernt.