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Untersuchungsbericht
Die Akte Dieter Wedel

Dieter Wedel
Dieter Wedel FOTO: dpa / Swen Pförtner
Saarbrücken. Schauspielerinnen hatten dem Regisseur sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in einer SR-Produktion der 80er Jahre vorgeworfen. Der Sender hatte eine Untersuchung angekündigt. Jetzt hat er seinen vorläufigen Abschlussbericht vorgelegt. Von Iris Neu-Michalik
Iris Neu-Michalik

Januar 1980: Die 24-jährige Schauspielerin Esther Gemsch sitzt – mit Turmfrisur und in ein Rokoko-Kleid gehüllt – am Set für die SR-Produktion „Bretter, die die Welt bedeuten“ im Theater in Bad Kissingen. Über Stunden muss sie allein und unbeweglich auf der Bühne verharren. Der Härte nicht genug, hat Regisseur Dieter Wedel verfügt, dass das Theater nicht beheizt wird. Der bedeutende Inszenator lässt derweil diverse Kamerafahrten auf jeweils neu zusammengebauten Schienen proben. Irgendwann bricht die Schauspielerin auf der Bühne zusammen. Wie sie dort heruntergekommen ist, kann sie bis heute nicht sagen. So zumindest stellt Esther Christinat, wie Gemsch heute heißt, den endgültigen Bruch zwischen ihr und Wedel dar, dem sie eine Kündigung ihres Vertrags folgen ließ.


War es Rache, war es eine Machtdemonstration des eitlen Filmemachers? Glaubt man Christinats Darstellungen, handelte es sich wohl um den letzten Akt eines unappetitlichen, leider realen Dramas zwischen Schauspielerin und Regisseur. Einem Drama, das im Dezember 1980 mit Szenen sexueller Nötigung, Gewalttätigkeit und Schikanen begonnen haben soll, wie die Schweizerin der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ vor dem Hintergrund der MeToo-Debatte schilderte (wir berichteten). Wedel bestritt indes über seinen Anwalt alle Vorwürfe und sprach seinerseits von für ihn „peinlichen Annäherungsversuchen“ durch die junge Schauspielerin, die aus ihrer Begeisterung für ihn keinen Hehl gemacht habe.

Jedoch ist Christinat nicht die einzige Darstellerin, die Wedel der Schikanen, sexuellen Gewalt und des Machtmissbrauchs bezichtigt. Ihre Rollen-Nachfolgerin in „Bretter, die die Welt bedeuten“, Ute Christensen, sprach in der „Zeit“ ebenfalls von sexuellen Übergriffen und Demütigungen seitens des Star-Regisseurs – sie habe in der Folge gar eine Fehlgeburt erlitten. Drei weitere Schauspielerinnen erhoben ähnliche Vorwürfe gegen Wedel. Andere Prominente wie Ingrid Steeger und Dagmar Berghoff wiederum verteidigten den heute 75-Jährigen beharrlich.

SR-Intendant Thomas Kleist
SR-Intendant Thomas Kleist FOTO: obs / P. D'Angiolillo

Mit in den Strudel der Wedel-Affäre geriet der Saarländische Rundfunk, der zusammen mit seiner damaligen Filmproduktionsfirma Telefilm Saar für die Produktion der Serie „Bretter, die die Welt bedeuten“ verantwortlich zeichnete. Offenbar wussten die Verantwortlichen damals von den Vorwürfen, brachen die Dreharbeiten jedoch nicht ab. Und das, obwohl auch die Kosten durch Umbesetzungen und Drehbuchumschreibungen mächtig aus dem Ruder liefen.



SR-Intendant Thomas Kleist versprach im Januar eine schonungslose Untersuchung und Offenlegung der fast 40 Jahre zurückliegenden Vorfälle. Seit gestern liegt nun ein vorläufiger Abschluss-Bericht vor, für den eine von Kleist einberufene Arbeitsgruppe (Taskforce) alle noch zur Verfügung stehenden Akten gesichtet und ausgewertet habe. Auch die beiden mutmaßlichen Opfer hatten sich laut SR zu Gesprächen mit dem Sender bereit erklärt. Ebenso hatte Wedel dem Bericht zufolge angeboten, als Zeitzeuge zur Verfügung zu stehen. Einer Terminvereinbarung sei er allerdings unter Hinweis auf ärztliches Anraten ausgewichen.

Eine Antwort auf die Frage, ob die mutmaßlichen Übergriffe tatsächlich stattgefunden haben, könne man freilich nicht geben, räumt der SR ein – und weist darauf hin, dass es vielmehr darum gegangen sei, das Verhalten der damals Verantwortlichen aufzuklären. Dabei scheint sich bestätigt zu haben, dass der Vorwurf der versuchten Vergewaltigung der Geschäftsleitung der Telefilm Saar und damit mindestens auch dem SR-Fernsehdirektor, was – pikanterweise – ein und dieselbe Person war, schon nach kurzer Zeit bekannt gewesen sei. Der Bericht hält außerdem fest, dass spätestens im Herbst 1981 auch der Intendant und die übrigen Mitglieder der damaligen SR-Geschäftsleitung von den Vorfällen erfahren hätten. Ganz offensichtlich setzte man auch alles daran, einen „Presseskandal“ zu vermeiden. Umso bitterer also, dass die mutmaßlichen Opfer im Regen stehen gelassen wurden.

SR-Justiziar Bernd Radeck, der die Taskforce leitete, stellte gestern denn auch juristisch korrekt fest, dass die „damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach der Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wären, nicht gerecht geworden“ seien. SR-Intendant Thomas Kleist durfte da schon mit mehr Herzblut reagieren: „Es war hart, erfahren zu müssen, wie die damaligen Ereignisse als ,Privatsache’ behandelt worden sind und wie wenig nachhaltig den Betroffenen geholfen und Beistand geleistet wurde“, resümierte er.

Klar scheint aber zu sein, dass nach so langer Zeit keiner der SR-Verantwortlichen von damals mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann. Kleist sieht daher nur die Möglichkeit, Konsequenzen für das Regelwerk einer modernen Unternehmensführung zu ziehen: Um Macht- und Funktionsmissbrauch zu verhindern, gelte es, künftig noch mehr auf ein Management zu achten, das mit „Respekt, Wertschätzung und auf Augenhöhe“ mit Mitarbeitern agiert, sagte der SR-Intendant gegenüber der SZ. Das Thema sexuelle Belästigung und Übergriffe solle künftig auch bei Schulungen für SR-Führungskräfte eine größere Bedeutung spielen. „Hierarchien“, so betonte Kleist, „sind lediglich dazu da, Entscheidungen herbeizuführen, aber nicht, dass Chefinnen und Chefs sich ausleben können.“ Das, so wäre zu wünschen, sollten sich nicht nur Intendanten und Regisseure hinter die Ohren schreiben.