Deutschland und Frankreich – ein entfremdetes Liebespaar?

Deutschland und Frankreich – ein entfremdetes Liebespaar?

Anlässlich des 50. Jubiläums des Élysée-Vertrags werden in einer Ringvorlesung die deutsch-französischen Beziehungen beleuchtet. Zum Auftakt erläuterte Professor Hans-Jürgen Lüsebrink von der Saar-Uni die emotionale Seite des Verhältnisses – und kam zu einem ernüchternden Ergebnis.

Die deutsch-französische Freundschaft ist tot. Sie ist wohlwollender Nichtbeachtung gewichen. Eine provokante These, die der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Essay 2008 aufstellte, und der Professor Hans-Jürgen Lüsebrink von der Universität des Saarlandes am Mittwoch im Saarbrücker Rathaus nachging. Sein Vortrag "Entfaszinierte Freundschaft? Zur emotionalen Dimension der deutsch-französischen (Kultur-)Beziehungen" bildete den Auftakt zu der Ringvorlesung "Élysée 63-13: Neue Perspektiven". Anlässlich des Jubiläums des Élysée-Vertrags werden dabei die politischen und kulturellen Beziehungen der beiden Länder beleuchtet - immer mittwochs um 19 Uhr in der Stadtbibliothek. Veranstalter sind die Saar-Uni und die Stadt Saarbrücken.

Seit Jahrhunderten verbindet die Deutschen mit dem Nachbarland eine Art Hassliebe. Bereits im 17. Jahrhundert kam der Begriff der Erbfeindschaft auf. Ganz anders war die Stimmung hierzulande nach der Französischen Revolution 1789: So grenzte die Begeisterung einiger linker Intellektueller für Frankreich fast an religiöse Verehrung. Der Nachbar wurde als Vorbild einer demokratischen Republik gesehen.

Dieses starke emotionale Interesse gibt es heute nicht mehr. Die beiden Nationen haben sich entfremdet, ähnlich wie ein ehemaliges Liebespaar, so Sloterdijks These. Lüsebrink stützte diese Annahme. So habe etwa die Zahl der Schüler, die Französisch lernten, deutlich abgenommen. "Das Interesse an der Kultur des anderen ist - abgesehen von Ausnahmen wie Tokio Hotel - zurückgegangen", erklärte er. Der Grund: Die Generation, die den Krieg miterlebte und sich in den Folgejahren für die deutsch-französische Freundschaft einsetzte, sei spätestens in den 80er Jahren abgelöst worden. Lüsebrink plädierte dafür, das Jubiläumsjahr zum Anlass zu nehmen, um den alten Enthusiasmus wieder aufleben zu lassen. Der erste Schritt: das Erlernen der Sprache.

Der nächste Vortrag findet am 8. Mai statt.

uni-saarland.de/rv-elysee

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