Deutschland-Tour mit Bike Aid: Das etwas andere Radteam aus dem Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Bike Aid bei der Deutschland-Tour : Das etwas andere Radteam aus dem Saarland

Bei der Deutschland-Tour fährt mit Bike Aid ein Rennstall aus Blieskastel mit. Hinter ihm steht ein Großverein mit sozialer Ader.

Niko Holler muss die anderen ziehen lassen. Den Radprofi verlassen die Kräfte. Die Fernsehkamera zeigt ihn in Großaufnahme. Im Hintergrund zieht sich das Muster abgeernteter Felder bis zum Horizont. 25 Kilometer vor dem Ziel in Halberstadt. Auf der ersten Etappe der Deutschland-Tour, die am Sonntag in Erfurt enden wird, hatte Holler sich vor zwei Tagen mit drei Ausreißern nach vorne gewagt. Er radelte Topfahrern wie dem Franzosen Julian Alaphilippe, bei der Tour de France zwei Wochen im Gelben Trikot, oder der deutschen Tour-Überraschung Emanuel Buchmann einfach davon. Seiner Mannschaft, dem Team Bike Aid aus Blieskastel, sicherte Holler zum Auftakt der Rundfahrt durch vier Bundesländer so reichlich Aufmerksamkeit. Im Saarland dürfte sich der ein oder andere gefragt haben: Bike Aid – machen die nicht nur Charity?

„Was die Leute von uns wissen, hängt davon ab, wie sie mit uns in Kontakt kommen“, sagt Matthias Schnapka, der Teamkoordinator von Bike Aid. Es gibt den gleichnamigen Breitensportverein, 1200 Mitglieder, eine große „Mountainbike-Community“, wie Schnapka sagt. Dazu muss man wissen: Der gesamte Saarländische Radfahrer-Bund zählte 2017 etwas mehr als 4400 Mitglieder. Seit der Vereinsgründung sammelt Bike Aid auch Spenden, bisher 754 000 Euro. Während andere Clubs jeden Euro für die Jugendarbeit zwei Mal umdrehen müssen, überall nach Sponsoren gesucht wird.

Als sich Luca Biwer, ein talentierter Mountainbiker aus Gerlfangen, vor zwei Jahren bei einem Sturz in den Vogesen die Halswirbelsäule brach, gelähmt war, startete Bike Aid die Hilfsaktion „Bewegung für Luca“. 22 000 Einzelspenden für Biwer gingen bis zum Frühjahr ein. Ohne Abzug reichte Bike Aid alles Geld weiter – mehr als 105 000 Euro. Dafür zeichnete der Marketing Club Saar die Radsportler vor wenigen Tagen mit einem Preis in der Kategorie „Best of Charity“ aus.

Seit fünf Jahren existiert auch ein Profi-Rennstall, der Bike Aid heißt – und derzeit mit Fahrern wie Holler auf guten Sendeplätzen bundesweit in die Öffentlichkeit drängt. Im Kräftemessen mit der Weltelite will Teamkoordinator Schnapka am eigenen Anspruch festhalten: „Wir wollen im Radsport etwas anders machen.“

Bei der Deutschland-Tour wirkt das Team wie der FC St. Pauli der Straße. Bike Aid will Gutes tun mit Hilfe eines Sports, in dem viele nur noch das Schlechte sehen – nach etlichen Doping-Skandalen.

Während andere Mannschaften ihre Namen für teures Geld an Sponsoren verkauft haben, wirbt man im Saarland weiterhin für den gemeinnützigen Verein im Hintergrund. Dadurch habe man finanziell einen Nachteil, sagt Schnapka. Aber: „Mit der kurzfristigen Abhängigkeit von Sponsoren verbinden wir viele Probleme des Radsports.“

Eine Besonderheit des Rennstalls lässt sich an der Startliste der Deutschland-Tour ablesen. Zur Equipe gehören der Äthiopier Hafetab Weldu und Afrikameister Mekseb Debesay aus Eritrea. „Unser Team ist gegründet worden, um afrikanische Radsportler zu fördern“, erklärt Schnapka. „Das ist meine Motivation.“ Fahrer aus Europa kosten den Rennstall ein Drittel dessen, was er für die Profis vom anderen Kontinent aufwenden muss. „Einen Sportler aus Afrika hierherzuholen, damit er mit uns fahren kann, ist der Wendepunkt seines Lebens“, ist Schnapka jedoch überzeugt.

Überhaupt hat Bike Aid als Radteam mehr als Europa im Blick. Da stechen vier Tage bei der Deutschland-Tour für Schnapka kaum heraus. „Wir haben einen globalen Rennkalender mit 120 Renntagen“, sagt er. Phänomene wie die Tour de France existierten auf allen Kontinenten, Radsport funktioniere überall. In diesem Monat startete Bike Aid zum sechsten Mal bei der zweiwöchigen Tour of Qinghai Lake in China, für den Teamkoordinator ein „Höhepunkt“ im Terminplan seiner Mannschaft. Die internationale Ausrichtung hat auch damit zu tun, dass das Ansehen des Profisports hierzulande über Jahre so gelitten hat. „In Deutschland hatte der Radsport seine Bedeutung verloren“, so Schnapka. „Das ist zu Recht passiert.“

Mehr als 100 000 Euro sammelte Bike Aid mit dem LC Rehlingen und dem Verein Nippelspanner für den gelähmten Luca Biwer. Foto: Johannes A. Bodwing

Daher entdeckten die Macher von Bike Aid für sich eine andere „Mission“, wie er sagt: „Wenn die Öffentlichkeit sich nicht für den klassischen Rennsport interessiert, gehen wir diesen Weg, um andere Geschichten zu erzählen.“ Geschichten aus aller Welt. Nur in dieser Woche handelt die Erzählung von Niko Holler kurz vor Halberstadt.

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