1. Saarland

Deutsche und Franzosen helfen sich gegenseitig

Deutsche und Franzosen helfen sich gegenseitig

Spichern. "Was heißt Teich auf Französisch?" fragt die Grundschullehrerin Claudia Kawandt ihre Klasse, die in einem Sitzkreis um ein Plakat versammelt ist, das Tiere und einen Teich zeigt. Etang lautet die Antwort. Sie zeigt auf einen Storch - "was ist das?" Ein Dutzend Hände geht in die Höhe, ein paar Kinder rufen "Isch, isch"

Spichern. "Was heißt Teich auf Französisch?" fragt die Grundschullehrerin Claudia Kawandt ihre Klasse, die in einem Sitzkreis um ein Plakat versammelt ist, das Tiere und einen Teich zeigt. Etang lautet die Antwort. Sie zeigt auf einen Storch - "was ist das?" Ein Dutzend Hände geht in die Höhe, ein paar Kinder rufen "Isch, isch". Clément antwortet: "Das ist ein Storch, der klaut Fische". Und welche Tiere leben noch am Teich? Luc fällt es nicht auf Deutsch ein. "Sag es doch auf Französisch", schlägt Kawandt vor. Serpent, meint Luc, eine Schlange. Zu den französischen Kindern sagt die Lehrerin: "Wenn ihr etwas nicht wisst, könnt ihr die deutschen Kinder fragen". Die Hälfte der Schüler dieser zweiten Klasse der Grundschule im Dorf Spichern ist französisch. Sie lernen Deutsch - und das zügig. "Für die Kinder ist das zum Lernen ideal, sie profitieren voneinander", sagt Kawandt. Seit 2006 unterrichtet die 35-Jährige Deutsch in drei Klassen. Der Anfang sei nicht leicht gewesen. "Da haben die französischen Schüler mich nur angeguckt, weil sie mich nicht verstanden haben. Aber sie hören sich schnell rein". Auch musste sie sich an den französischen Lehrplan anpassen und vieles übersetzen. "Es gibt keine deutsche Fibel dafür, wie man Deutsch als Fremdsprache unterrichtet", sagt Kawandt. Deswegen arbeitet sie viel mit Kopien. Dafür hat sie, wie in Frankreich üblich, ihren eigenen Raum - es sind nicht die Lehrer, die die Räume wechseln, sondern die Schüler. Vor der Tür hängt ein Plakat mit handgeschriebenen Verhaltensregeln. "Ich hebe die Hand, bevor ich etwas sage. Ich laufe nicht auf dem Gang". In einem anderen Klassenzimmer schreit eine Lehrerin. Ist das französische Schulsystem strenger als das deutsche? "Die französischen Lehrer greifen viel schneller ein als die deutschen", sagt Kawandt. Auch hätten die Eltern eine ganz andere Erwartung an Schule und Kinder. "Deutsche Eltern wünschen ihren Kindern morgens viel Spaß und fragen abends: War's schön? Französische Eltern sagen: Sei tüchtig (Travaille bien) und fragen: Warst du auch brav (Tu étais sage)?". Der Unterricht in Frankreich sei oft frontal, die Kinder müssten viel mehr abschreiben. "Alles muss dokumentiert werden". Im Nebengebäude arbeitet die deutsche Erzieherin Andrea Franzen mit zwei deutschen und zwei französischen Vorschul-Kindern. Seit knapp vier Jahren ist die 25-Jährige an der Schule angestellt. "Das französische Schulsystem ist strukturierter, der Tag detailliert geplant", sagt Franzen. Zwar blieben dadurch Spontaneität und Selbstständigkeit auf der Strecke. Aber: "Ein fester Rahmen gibt den Kindern Sicherheit, sie sind disziplinierter und werden besser auf die Schule vorbereitet". Im deutschen Kindergarten würden die Kinder mehr selbst entscheiden und hätten oft keine Lust. Während die Bildungspläne für französische Vorschulen vom Staat vorgegeben und kontrolliert werden, sind deutsche Kindergärten in der Hand verschiedener Träger. "Dadurch driften die Konzepte auseinander und es ist schwierig, etwas Sinnvolles zu machen". Um 11.30 Uhr bringt ein Bus die Kinder zur Kantine. Um halb zwei geht der Unterricht bis halb fünf weiter. "Das ist schon lang, aber man gewöhnt sich dran", sagt Claudia Kawandt. Sie findet die Mittagspause gut. "Dadurch wird der Biorhythmus respektiert - ich kann in Ruhe Mittag essen und muss nicht schnell ein Sandwich runterschlingen". "Die Kinder hören sich schnell in die Sprache rein."Claudia Kawandt, Grundschullehrerin

HintergrundDie Grundschule Spichern (Ecole biculturelle de Spicheren) bietet seit 2006 einen zweisprachigen Unterricht in der Vor- und Grundschule an. In der Vorschule (école maternelle, Drei- bis Fünfjährige) werden 73 Kinder jeweils 12 Stunden auf Deutsch und Französisch unterrichtet. In der Grundschule (école élémentaire) bekommen 100 Schüler zwischen 6 bis 10 Stunden deutschen Sprach- und Sachunterricht von einer deutschen Grundschullehrerin. Als öffentliche Dorfschule werden Kinder aus dem Ort Spichern vorrangig aufgenommen. Da in Spichern sehr viele deutsche Familien leben, ist rund ein Viertel der Schüler deutsch, in manchen Klassen beträgt der Anteil bis zu 40 Prozent. mwi