| 21:48 Uhr

Türkei-Wahl
Deutsche Autokorsos für Erdogan

Nein, keine Fußballfans: Am Sonntag haben AKP-Anhänger auf Deutschlands Straßen den Wahlsieg des türkischen Staatschefs Erdogan gefeiert.
Nein, keine Fußballfans: Am Sonntag haben AKP-Anhänger auf Deutschlands Straßen den Wahlsieg des türkischen Staatschefs Erdogan gefeiert. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Saarbrücken/Berlin/Istanbul. Nach dem Wahlsieg des türkischen Präsidenten haben viele auch auf Deutschlands Straßen gejubelt. Im Saarland teilen nicht alle die Euphorie. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Es ist kurz vor Mitternacht. Aus hupenden Autos ragen rot-weiße Halbmondfahnen. Junge Männer grölen, recken die Faust aus dem Fenster: Nein, die Türken haben sich nicht doch noch überraschend für die Fußball-WM qualifiziert. Die Euphorie, die am späten Sonntagabend durch die Saarbrücker Innenstadt rauscht, hat einen anderen Grund. Und der heißt Recep Tayyip Erdogan.


Der türkische Staatschef hat sich am Sonntag gleich im ersten Wahlgang mit knapp 53 Prozent die absolute Mehrheit gesichert. Deshalb rollten die Autokorsos auch in anderen deutschen Städten – von Köln bis Berlin. Allein in Deutschland waren 1,44 Millionen Türken zur Wahl aufgerufen. Etwa die Hälfte setzte hierzulande ihr Kreuz. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu stimmten 64,78 Prozent der Deutsch-Türken für den starken Mann am Bosporus.

„Reine Dummheit“, schimpft Yilmaz, der auf einer Terrasse auf der Berliner Promenade sitzt. Der Kurde aus Malatya macht sich Sorgen. „Innerhalb von zwei, drei Jahren stecken wir im Bürgerkrieg.“ Erdogan wolle die Zeit zurückdrehen, habe das Land heruntergewirtschaftet und „ans Ausland verkauft“. Warum wählt man ihn dann? „Er kann gut reden.“



Nur wenige Meter weiter sitzt eine Frau mit lockigem, schwarzem Haar. „Es geht ihm nur um Macht“, sagt sie. „Er ist ein Hitler.“ Die Deutsch-Türkin aus St. Ingbert – seit 20 Jahren in Deutschland – bleibt lieber anonym. Die Angst vor Anfeindungen ist groß. So gehe es auch vielen in der Türkei. „Wenn du nicht willst, dass sie dein Haus kaputtmachen, dann wählst du Erdogan.“ Sie hat ihr Kreuz für Selahattin Demirtas, den inhaftierten Kandidaten der pro-kurdischen HDP, gesetzt. Der HDP gelang mit 11,7 Prozent der Wiedereinzug ins Parlament.

Ein junger Mann aus Gaziantep hatte wiederum auf den zweitplatzierten CHP-Kandidaten Muharrem Ince gehofft. Dafür sei er extra nach Mainz gefahren. Dort, wo laut zuständigem Generalkonsulat die meisten Türken aus dem Saarland gewählt haben. Der 30-jährige Alevit will ebenfalls anonym bleiben. In einem Café in Alt-Saarbrücken zeigt er Bilder auf seinem Smartphone. „Über 1000 Zimmer, damit könnte man eine ganze Fabrik betreiben“, empört sich der Mann über den Ak Saray, den 210 000 Quadratmeter großen Präsidenten-Palast. Für den jungen Saarbrücker ein Sinnbild für die Auswüchse einer korrupten Elite.

Auch der 54-jährige Cemil gestikuliert sich den Frust von der Seele. Nach 23 Jahren im Saarland spricht der Mann aus Südostanatolien nur gebrochen Deutsch. 2015 sei er Wahlhelfer in Ankara gewesen. „Das Militär hat die Wahllokale der Kurden kontrolliert.“ Auch die OSZE-Wahlbeobachtermission beklagt nach der jetzigen Wahl Unregelmäßigkeiten. Erdogan und die AKP hätten einen „deutlichen Vorteil“ gehabt. 1090 Wahllokale seien aus „Sicherheitsgründen“ an abgelegene Orte verlegt worden.

Ebenso schwer zu finden sind die bekennenden Erdogan-Anhänger. „Sag seinen Namen nicht zu laut, sonst kriegst du auf die Fresse“, rät ein Mann in der Bahnhofstraße.

Doch genau das tun Salim und Mustafa. Die jungen Männer verlassen gegen 14 Uhr die Merkez-Camii-Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde Ditib in der Hohenzollernstraße. Von Untergang wollen sie nichts wissen. Niemand werde in der Türkei unterdrückt. Die HTW-Studenten, die jeden Tag zum Mittagsgebet vorbeikommen, sind in Deutschland geboren. „Wenn ich wählen könnte, dann würde ich für Erdogan stimmen“, sagt der 19-jährige Mustafa. Dann zählt Salim, dessen Familie geschlossen AKP wählt, auf, was die Türkei Erdogan zu verdanken habe: eine bessere Krankenversicherung, mehr Freiheit, eine florierende Wirtschaft. „Wenn Erdogan nicht wäre, wäre die Türkei längst Syrien“, so der 20-Jährige aus Schmelz. Seine Landsleute auf der anderen Saar-Seite dürften ihm widersprechen.