Der Naturfreund sieht rot - und blau

Wenn man Kinder bei einer Waldführung fragt, welche Eindrücke nachts im Walde vorherrschen, bekommt man jedes Mal zur Antwort: "Es ist dunkel und kalt". Das Wort "still", auf das man gewartet hat, bekommt man hingegen selten zu hören, es ist zu einem Fremdwort geworden

Wenn man Kinder bei einer Waldführung fragt, welche Eindrücke nachts im Walde vorherrschen, bekommt man jedes Mal zur Antwort: "Es ist dunkel und kalt". Das Wort "still", auf das man gewartet hat, bekommt man hingegen selten zu hören, es ist zu einem Fremdwort geworden.Aber was heißt still? Ist es wirklich still, oder empfinden wir nur den Kontrast zu den hektischen Geräuschen des Alltags als still?

So still ist es im Wald nämlich gar nicht, vielmehr hört man andere Geräusche; leisere wie Vogelgesang, Mäusehuschen, Geknabber von Wespen am Holz. Und lautere wie etwa Hirsch, Fuchs und Wildschweine, wenn sie in der Brunft-, Ranz- oder Rauschzeit sind.

Es kann durchaus "laut" werden, wenn man die normalen Geräusche des Alltags wie Verkehrsrauschen, Baulärm und Musik hinter sich gelassen hat und wieder sensibilisiert ist für die Sprache der Natur.

Wenn also auch nicht ganz so still, so sind unsere Wälder am Tage auch alles andere als dunkel und kalt. Sie mögen im Sommer vielleicht angenehm schattig und kühl sein, aber durchaus auch vom Sonnenlicht durchflutet. Die Wege, die uns den Wald erschließen, sollen nach dem Lichtwaldartenprogramm der Förster nicht mehr bis unmittelbar an die Ränder mit hohen Bäumen bestockt sein. Vielmehr soll eine mehr oder weniger breite, geschwungene Bankette der Kraut- und Strauchflora dienen, können auch die Waldinnenränder abwechslungsreich und stufig aufgebaut sein.

Kahlschläge gibt es im naturgemäßen Wald nicht mehr und somit auch keine vorübergehenden Kahlflächen. Es sei denn, Sturm oder Käfer haben für solche Lichtungen gesorgt. Solche Verlichtungen sind eine große Chance für eine üppige und vielfältige Flora mit all ihren speziellen Insekten und einer darauf aufbauenden Vogelwelt. Es genügt nicht, nur hier und da punktuell eine Stelle als so genannter "Holzpolterplatz" freizuhalten, sondern man bemüht sich vielmehr um eine Vernetzung kleinerer Lichtungen durch helle Wegkorridore. Die Reichhaltigkeit an Blüten und Insekten, die wir dann bei einem Waldspaziergang antreffen, ist überwältigend.

Hier nur einige Vertreter: Das schmalblättrige Waldweidenröschen (epilobium angustifolium) gehört zu den Nachtkerzengewächsen. Im Volksmund wird es wegen der silbrigen Samenfäden "Engelshaar" genannt. Eine Pflanze kann mehrere tausend Samen bilden, die kilometerweit fliegen können. Das Weidenröschen kommt auf Waldlichtungen, auf Sturmwurfflächen und entlang der Waldwege vor. Dabei handelt es sich um frische, meist kalkarme Böden. Die Pflanze wächst in großen Beständen. Rehwild in unseren Breiten mag Waldweidenröschen so gerne, wie wir Erdbeerkuchen mit Sahne essen. Kommt es so massiv vor wie zwischen Tholey und Alsweiler auf großer Kahlfläche oder gleich mehrere Hektar vor dem Buchwald in Nohfelden (brachliegende Felder), dann vermag es auch von den Rehen nicht mehr kurz gehalten zu werden. Diese Pflänzchen sind nicht nur wochenlang traumhaft schön, sie verzaubern Waldrand und Landschaft, die jungen Blätter und Knospen eignen sich für Wildgemüse und Salate. Die Blüten produzieren reichlich Nektar für einen hervorragenden Honig.

Auch der Rote Fingerhut (digitalis purpurea) gehört zu den Gallionsfiguren auf Waldlichtung und Waldwegesrand. Die zweijährige Staude bildet im ersten Jahr nur eine Blattrosette und startet erst im zweiten Jahr mit einem Blütenstand von bis zu über 100 Blütenglocken voll durch. Die Flecken in den Blüten dienen als Locksignale für die Hummeln. Der Rote Fingerhut enthält Herzglykoside, die pharmazeutisch aufbereitet, Herzleiden lindern. Vergiftungen aber können Herzrhythmusstörungen und Tod verursachen.

Der Wasserdost (Kunigundenkraut, eupatorium cannabinum), der in diesen Tagen voll in die Blüte geht, kommt auf Waldlichtungen und auf Säumen feuchter Wälder vor. Er ist sehr bedeutsam für unsere Schmetterlinge im Wald und dient derzeit Kaisermantel, Tagpfauenauge, Zitronenfalter und vielen mehr als Nahrungslieferant.

Während Glockenblumen in allen Varianten, Fuchskreuzkraut ( Fuchsgreiskraut ), Großblütiges Springkraut in feuchten Aue und Schluchtwälder sehr üppig vorkommen, ist der Türkenbund eher eine Seltenheit der sommerlicher Waldflor auf kalkhaltigen Böden. Wegwarte und Malve setzen den Reigen der Farbtupfer am Wegesrand in blau und rosa weiter fort. Dass all die Blütenpracht nicht nur das menschliche Auge beim Waldspaziergang erfreuen soll, sondern auch zahlreichen Insekten dient, darüber mehr im nächsten Teil der Serie.