1. Saarland

Der Märchenerzähl-Zauberer

Der Märchenerzähl-Zauberer

Das eine Festival hat gerade begonnen, das andere steht in den Startlöchern. Noch während der Perspectives eröffnet auch die Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse ihre Pforten, und zwar am 23. Mai. Einer, der da unverzichtbar dazu gehört, ist Patrick Addai, vielstudierter Tausendsassa aus Ghana.

Es rappelt und trappelt, es trommelt und hüpft. Eine Horde Kinder schmettert ein Lied, zum Löwenerschrecken laut. Klingt so eine Lesung? Bei Patrick Addai schon. Stillsitzen ist nicht. Kinder dürfen bei ihm Geschichten nicht bloß hören, sondern erleben. Mit Tanz und Gesang und allem, was dazu gehört.

Märchen und Fabeln aus seiner Heimat, die er auf eigene Weise weiterspinnt, stecken in Addais Büchern. Beim Kaffee erzählt er, wie er nach dem Abitur in seiner Heimat Ghana ein Stipendium in Linz bekam, dort 1990 als Volkswirtschaftsstudent landete und später in Salzburg Politikwissenschaften und Soziologie studierte: "Damals gab es hier noch fast keine Afrikaner, so war ich der erste Ghanaer an der Uni Linz." Schnell merkte Addai, dass er neben dem Studieren noch was anderes machen wollte. Die Chance bekam er, als das Linzer "Theater des Kindes" Schauspieler suchte. Und Addai nahm. "Acht Jahre war ich dort. Wir haben tolle Erfolge gefeiert, sind viel mit der Truppe gereist", sagt er.

Außerdem hat er da was Kostbares entdeckt, sein Erzähltalent. Schon damals habe er an Theaterstücke eigene Geschichten "angebaut": "Mir war aufgefallen, dass die Kinder nicht viel über Afrika wussten. Die Erwachsenen übrigens auch nicht." Warum also nicht seine Geschichten aufschreiben, die ihm die Oma erzählte, als er ein kleiner Junge war und daraus ein Buch machen?

Nur, so einfach war das nicht. Addai fand keinen Verlag. Lektoren sahen für das Afrika-Thema wohl keine große Chance. Anders als Martin Greinecker vom Dritte-Welt-Laden in Bad Schallerbach. Der schlug Addai vor, gemeinsam einen eigenen Verlag zu gründen und zu hoffen, dass das Projekt klappt. Tat es. "Die Großmutter übernimmt das Fernsehen" hieß Addais erstes, 1998 im Adinkra-Verlag erschienenes Buch und handelt von merkwürdigen Geschichten, die Omas wissen. Wer so eine Oma im Haus hat, kann das TV getrost vergessen. Im Dorf Ofoase, wo Addai aufwuchs und wo die Geschichten spielen, gab es Fernsehen damals sowieso nicht.

Seither hat er neun weitere Bücher geschrieben. Die handeln von einem Frosch, der ein Elefantenmädchen heiraten will, von einem Adler, der ein Huhn werden soll, sich's aber anders überlegt, als der "Oyibo-Mann", der Medizinmann, ihm die Sonne zeigt. Und vom schnarchenden Ungeheuer Sasabonsam und einer alte Dame mit Bart, die viele Geheimnisse kennt. Addais Bücher sind nun Schullektüre, etwa in Luxemburg, der Autor reist für den Friedrich-Bödecker-Kreis und liest übers Jahr an etlichen Schulen. Preise hat er auch eingeheimst, etwa den Adler Award der African Youth Foundation.

Natürlich ist er auch auf Buchmessen, wie der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse Saarbrücken am Schloss, gern gesehener Gast. Dieses Jahr kommt er zum vierten Mal her. Addai ist ein Energiebündel, wenn er erzählt wie er Friedensnobelpreisträger Kofi Annan traf oder wie das österreichische Fernsehen Addais alte Schulbank in Ofoase filmte und dabei sein gewaltiges Lachen anstimmt, wackeln die Wände.

Weil ihm ein Ding zu wenig ist, hat er während des Büchermachens weiterstudiert, Kulturmanagement in Wien und Supply Chain Management in Steyr. Nun will er an der Uni Wien noch seinen Doktor machen. Kulturbotschafter für die Welthungerhilfe ist Addai nebenher auch. Und unterstützt mit dem Verkauf seiner Bücher Hilfsprojekte in Ghana. Das Land müsse was zurückbekommen dafür, dass es ihm seine Mythen geschenkt habe. Nein, Langweile hat bei Addai keine Chance. Und wenn im Mai im Schloss zu viel Getrommel wieder Kinder afrikanische Lieder singen, weiß man: Da wirkt sicher Patrick Addai seinen Märchenerzählzauber.

adinkra.at