1. Saarland

Der herabstürzende Bach des Lebens und die Hoffnung

Der herabstürzende Bach des Lebens und die Hoffnung

Kehren wir zu weiteren Anwohnern und Geschäften der Merziger Poststraße und der anliegenden Sträßchen zurück. Neben dem Lebensmittelladen von Bonnem folgten die Konfektionsgeschäfte von D. Stern, Isidor Weil und gegenüber das von Benzin Weil. Unser Spaziergang führt dann vorbei am Süßwaren- und Lebensmittelgeschäft Rauner, der dort nicht nur Matzen verkaufte, sondern auch solche herstellte

Kehren wir zu weiteren Anwohnern und Geschäften der Merziger Poststraße und der anliegenden Sträßchen zurück. Neben dem Lebensmittelladen von Bonnem folgten die Konfektionsgeschäfte von D. Stern, Isidor Weil und gegenüber das von Benzin Weil. Unser Spaziergang führt dann vorbei am Süßwaren- und Lebensmittelgeschäft Rauner, der dort nicht nur Matzen verkaufte, sondern auch solche herstellte. Die Produkte der Matzenfabrik mit Dampfbetrieb wurden unter strenger Aufsicht Sr. Ehren Rabbiner Dr. Bassfreund Trier vertrieben. Übrigens befand sich in der Nähe von Merzig, in Mechern, noch eine Fabrik in jüdischer Hand: Die Gipsfabrik von Moise Hanau nutzte die Wasserkraft des Monbaches zur Bearbeitung der Gipssteine.Es fehlt mir der Platz, um weitere Geschäfte zu benennen oder detailliert zu lokalisieren. Die meisten, wie M. Felsenthal und Söhne in der unteren Poststraße, waren Manufaktur-, Konfektions- und Colonialwarengeschäfte in einem. Und sie waren ausbildungsfreudig. Der Aspirant musste fleißig sein bei langer Öffnungszeit, außer samstags natürlich. Dafür erhielt er aber auch freie Station im Haushalt.

Auch einen jüdischen Verlag gab es damals. Die Firma Israel & Co. war in der Poststraße 29 (an der Ecke zur Untergasse) ansässig, wie man einer Postkartenansicht von 1912 entnehmen kann. Sie betrieb dort zusätzlich ein Ladenlokal.

Ein besonderes Geschäft, das Kaufhaus Kahn am Kirchplatz, verdient, ausführlicher erwähnt zu werden. 1901 eröffnete der Kaufmann Abraham Kahn sein vierstöckiges Warenhaus. Schon das Äußere zog die Blicke auf sich, und der Lichthof vom ersten Obergeschoss bis zum Dach strahlte großstädtisches Flair aus. Und erst recht die Vielfalt im Inneren an Konfektion jeder Art, an Leder- und Baumwollwaren, an Schuhen, an Bettenzubehör und vielem mehr machten das Warenhaus jahrzehntelang zum beliebten Anziehungspunkt der ganzen Region. Zeitweise waren bis zu 20 Angestellten dort beschäftigt.

Zu ersten Anfeindungen gegenüber jüdischen Geschäftsbesitzern kam es, wie vielerorts, als die Nazibewegung in Deutschland immer mehr erstarkte. So wurde am 1. April 1933 der Boykott von jüdischen Geschäften, auch im Saargebiet, zwei Jahre vor der Rückgliederung, durchgeführt.

Der genötigte sukzessive Ausverkauf begann. Der Nachfahre Walter Kahn, in Amerika lebend, hat diese Zeit beeindruckend im Detail bei einem Besuch auf Einladung der Stadt Merzig im Jahr 1984, wie ein Film darlegt, geschildert. Und die Frage des Reporters "Wie deutsch fühlten Sie sich?" beantwortete er mit dem Satz "Wir waren vielleicht mehr Deutsche als die Deutschen selbst gewesen sind".

Die Vergangenheit auszulöschen gehe nicht, meinten auch andere jüdische ehemalige Mitbürger bei dieser Zusammenkunft, aber man müsse Lehren daraus ziehen, damit es sich nicht mehr wiederhole.

Die Wirklichkeit des damaligen Terrors erlebt man beim Besuch der KZ-Gedenkstätten. Sie machen das Monströse sichtbar und real. Ein Akt der Einfühlung in ein neues Denken wird sicherlich durch die Begegnung mit diesen Orten angestoßen. Auch die Nützlichkeit einer Integrationsministerin wie in Baden-Württemberg ist ein Ansatz. Oder die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die in ihrem soeben in Berlin vorgelegten Integrationsbericht meint: "Die Anstrengungen der letzten Jahre tragen Früchte."

"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", ein Projekt, an dem sich saarlandweit bisher 25 Schulen beteiligen, scheint mir persönlich darüber hinaus ein besonders guter Weg in dieser Richtung auch für nachfolgende Generationen zu sein. Der Initiator Arno Lustiger, Holocaust-Überlebender und angesehener Wissenschaftler, der im Mai diesen Jahres verstorben ist, hat die Idee angestoßen, dass sich Schüler selbst Gedanken machen - zusammen mit ihren Lehrern -, wie ihre Schule rassismusfrei werden kann.

In unserer heutigen Multikultigesellschaft mit Migranten vieler religiöser Richtungen ist das sicherlich ein Gebot der Stunde. Diese leben in Deutschland und sie gehören als Mitbürger dazu. Ihr eigenes kulturelles Erbe "gehört" uns aber nicht. Brauchtum muss in vernünftigem Maße geschützt bleiben, auch unser Rechtsstaat muss das abwägen und nicht nur (ver)urteilen.

Respect unites! Respect diversity! - Respekt für die Vielfalt vereint! Selbst die Uefa-Euro 2012 hat mit dieser Respekt-Kampagne auf ihre Weise einen Anstoß gegeben. "Wir waren vielleicht mehr Deutsche als die Deutschen selbst gewesen sind."

Walter Kahn