Der große Abend der Landesmutter Hannelore Kraft

Der große Abend der Landesmutter Hannelore Kraft

Die Wähler haben die politische Uhr in Nordrhein-Westfalen ein gutes Stück zurückgestellt. Die Sozialdemokraten sind durch die vorgezogene Landtagswahl wieder das, was sie an Rhein und Ruhr jahrzehntelang waren: stärkste Partei mit klarem Vorsprung vor der CDU. "Was für ein toller Abend", rief Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ihren jubelnden Anhängern zu

Die Wähler haben die politische Uhr in Nordrhein-Westfalen ein gutes Stück zurückgestellt. Die Sozialdemokraten sind durch die vorgezogene Landtagswahl wieder das, was sie an Rhein und Ruhr jahrzehntelang waren: stärkste Partei mit klarem Vorsprung vor der CDU. "Was für ein toller Abend", rief Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ihren jubelnden Anhängern zu. Nach zwölf Jahren ist Nordrhein-Westfalen wieder klar SPD-Land, die CDU liegt am Boden.Zu verdanken haben die Genossen das Comeback vor allem ihrer Frontfrau. Für Kraft hat sich das Experiment der rot-grünen Minderheitsregierung gelohnt. Kraft reichten zwei Jahre, um sich das Image einer "Kümmerin" zu erwerben. An den Wahlurnen konnte sie ihren haushohen Popularitätsvorsprung vor CDU-Herausforderer Norbert Röttgen in Stimmen für die SPD umsetzen. Fast an die 40-Prozent-Marke, das hatten auch kühnste Optimisten bei den Sozialdemokraten kaum erwartet. Wegen der erdrutschartigen Verluste der CDU, die gestern ihr bei Weitem schlechtestes Ergebnis in der Geschichte des Bundeslandes einfuhr, konnte auch der klare Sprung der FDP über die Fünf-Prozent-Hürde die rot-grüne Mehrheit nicht in Gefahr bringen - ebenso wenig wie der erstmalige Einzug der Piraten in den Landtag.

"Das war ein harter Wahlkampf, das war ein Turbowahlkampf, aber wir haben das Richtige getan: Wir haben die Menschen in den Mittelpunkt gestellt, auch im Wahlkampf", sagte Kraft gestern Abend. Entscheidend für den SPD-Wahlsieg dürfte auch gewesen sein, dass Kraft die alte Achse zu den Gewerkschaften repariert hat. Sie holte ihren Arbeitsminister aus der Gewerkschaft, führte ein NRW-Tariftreuegesetz ein und weitete die Mitbestimmung im öffentlichen Dienst aus. Die Wähler hätten den "arbeitnehmerfreundlichen Kurs" von Rot-Grün honoriert, interpretierte der DGB das Wahlergebnis. Leidtragende ist die Linke, die nach nur zwei Jahren aus dem Parlament geflogen ist.

Mit ihrem Wahlerfolg dürfte Kraft auch ihre Position in der Bundes-SPD weiter ausgebaut haben. Spätestens seit Sonntag ist die nordrhein-westfälische Landesmutter nun die starke Frau der deutschen Sozialdemokratie. Damit wird Kraft auch bei der Entscheidung über die SPD-Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2013 innerparteilich eine zentrale Rolle zukommen. Für sich selbst schloss die 50-Jährige jedoch am Wahlabend einen Wechsel nach Berlin erneut aus - zumindest für die nun beginnende fünfjährige Legisturperiode in Nordrhein-Westfalen. Sie habe sich im Vorfeld der Landtagswahl klar festgelegt, beschied Kraft alle Zweifler, die sie bereits auf dem Sprung in die Bundespolitik gesehen hatten. "Ich bleibe in Nordrhein-Westfalen."

Die CDU steht in NRW vor einem Neuanfang. Röttgen konnte im Wahlkampf seine eigenen Leute kaum begeistern und verweigerte Auskunft auf die Frage, ob er die Rückfahrkarte nach Berlin in der Tasche habe. Sein Rücktritt als Landeschef war unvermeidlich. Die CDU sitzt weiter neben den Liberalen auf der Oppositionsbank, und hat in Christian Lindner einen publikumswirksamen Konkurrenten neben sich.

Die FDP feierte das "Wunder von Düsseldorf". Und den, der es vollbracht hat: Christian Lindner. Sein Rezept im Wahlkampf ging auf: Abgrenzung von der Bundes-FDP, eigene Prioritäten und ein rasanter und ganz auf seine Person zugeschnittener Wahlkampf. Lindner hat seine Botschaften präzise und schnörkellos formuliert. Auf plumpe Polemik gegen die Konkurrenz hat er verzichtet. Und im Gegensatz zu Röttgen bekannte sich Lindner ohne Wenn und Aber zu NRW. "Ich hab' Lust auf Landespolitik", betonte er immer wieder. Diese Lust dürfte gestern noch gewachsen sein.