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Interview mit Bauern-Präsident Peter Hoffmann
Der Butterpreis und die EU helfen den Bauern

Im Dickicht schwieriger Zeiten? Rosig sind sie für Landwirte und ihre Tiere (hier eine Kuh im Naturpark Saar-Hunsrück bei Wehingen) nicht. Aber es gibt auch Lichtblicke, sagt der Chef der Saar-Bauern.
Im Dickicht schwieriger Zeiten? Rosig sind sie für Landwirte und ihre Tiere (hier eine Kuh im Naturpark Saar-Hunsrück bei Wehingen) nicht. Aber es gibt auch Lichtblicke, sagt der Chef der Saar-Bauern. FOTO: Robby Lorenz
Perl/Saarbrücken. Der Präsident des Bauernverbandes Saar spricht über Probleme und Veränderungen in der saarländischen Landwirtschaft. Von Barbara Scherer, Lothar Warscheid und Joachim Wollschläger

Das umstrittene Unkrautmittel Glyphosat hat jüngst für viel Diskussionsstoff gesorgt. Doch es gibt noch weitere Themen, welche die saarländischen Landwirte umtreiben. Peter Hoffmann, seit diesem Jahr Präsident des Bauernverbandes Saar, sprach mit der SZ über aktuelle Erntemengen, die Entwicklung des Milchpreises und die Zukunft der Landwirtschaft.

Herr Hoffmann, die Erntemengen im Saarland sind in diesem Jahr in mehreren Bereichen relativ niedrig ausgefallen. Welche Folgen hat das für die Betriebe?

PETER HOFFMANN Beim Obstanbau kam es auf den Frostbefall im Frühjahr an. Da gibt es, wenn auch nicht im Saarland, bis zu 100 Prozent Ertragsausfall. Das ist natürlich existenzgefährdend – aber echter Erwerbsobstbau findet hier nur im einstelligen Bereich statt. Die Getreideernte ist in diesem Jahr unterdurchschnittlich. Hinzu kommt ein Preis, der auch niedriger ist als im vergangenen Jahr. Beim Getreide wie bei fast allen Anbau-Produkten haben wir Weltmarktpreise, und irgendwo auf der Welt wird immer eine Rekordernte eingefahren. Frostschäden beim Getreide gab es eigentlich nicht.

Lohnt es sich bei der Situation auf dem Weltmarkt für Bauern im Saarland überhaupt noch, Getreide anzubauen?

HOFFMANN Es lohnt sich schon. Man hat ja auf den Flächen im Grunde genommen keine Alternative. Die gesamte landwirtschaftliche Fläche liegt im Saarland bei etwa 80 000 Hektar. Davon wird nur knapp die Hälfte als Ackerfläche bestellt und davon sind 60 Prozent, rund 25 000 Hektar, Getreide. Der Rest ist Grünland, sprich Wiesen, Weiden. Die stehen sowieso nur für Tierfutter zur Verfügung.

Wie ist die Lage beim Kartoffelanbau?

HOFFMANN Das ist in den vergangenen Jahren wieder ein bisschen angestiegen, weil man über die Direktvermarktung einen Zugang zu den Kunden hat. Das hängt auch stark von den Böden ab und es muss ein Abnehmer da sein, sonst lohnt es sich nicht, Kartoffeln zu erzeugen. Es gibt keinen Großhandel für Kartoffeln.

Wie steht es überhaupt um die Konkurrenzfähigkeit saarländischer Bauern?

HOFFMANN Was uns zugutekommt, sind zum Beispiel Pachtpreise. Die Pacht ist zwar bei uns auch nicht unbedingt niedrig, aber andere zahlen zum Teil das Vier- oder Fünffache an Pacht. Bei uns liegt der durchschnittliche Pachtpreis circa bei 100 Euro pro Hektar.

Wie ist die Lage der Viehhalter im Saarland?

HOFFMANN Wir haben über 200 Schweinehalter, aber nur eine Handvoll landwirtschaftliche Betriebe mit circa 5300 Schweinen, die davon leben. Von diesen Tierzahlen sind auch alle vor- und nachgelagerten Bereiche betroffen. Keine Tiere – kein Schlachthof, und umgekehrt: Kein Schlachthof und Tiere bedeutet dann wieder weitere Strecken zum Transport. Außerdem haben wir 500 Rinderhalter mit circa 50 000 Tieren und Pferdehalter mit circa 6000 Pensions- und Zuchtpferden, die Grünlandpflanzen fressen.

Und bei den Milchbauern?

HOFFMANN Wir haben noch circa 150 Milchviehhalter. Wir hatten Ende der 70er Jahre 1200. Der Strukturwandel dort ist ganz enorm, obwohl die Milchmenge gleich bleibt. Der einzelne Betrieb wächst, aber insgesamt geht die Zahl der Tierhalter zurück.

Wo führt es hin, dass die Betriebe immer größer werden?

HOFFMANN Kostendegression und alles, was damit zu tun hat, ist an die Größe gebunden. Wenn einer sich vergrößert, macht er sich vorher natürlich Gedanken: Bekommt er das Futter noch bei? Bekommt er die Arbeitskräfte? Das ist heute fast ein größeres Problem, als Futter und Fläche zu bekommen. Und rechnet sich das am Ende des Tages? Früher ging man stark in Richtung Spezialisierung. Mittlerweile – Stichwort: Diversifizierung – ist man schon wieder auf einem ganz anderen Pfad.

Was ist die Folge der Diversifizierung?

HOFFMANN Das sah man in der Krise: Die Betriebe, die noch ein anderes Standbein hatten, konnten ein bisschen ausgleichen. In guten Zeiten, wenn der Milchpreis richtig brummt, haben die Spezialisten natürlich einen Vorteil gegenüber den anderen.

Wie sieht es mit der ökologischen Landwirtschaft aus? Werden die Höfe dort auch größer?

HOFFMANN Wir sind top hier in Deutschland, was ökologische Landwirtschaft anbelangt. Wir liegen bei über 15 Prozent, wo andere noch im einstelligen Bereich krebsen. Um auf die Größe zu kommen: Der Schnitt der ökologischen Höfe ist deutlich größer als der der konventionellen Landwirtschaft. Weniger Erntemenge spielt da keine Rolle. Die haben ja deutlich höhere Preise. In der Krise lag der Milchpreis fast doppelt so hoch als bei der konventionellen Landwirtschaft.

Wie wird sich der Milchpreis Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

HOFFMANN Der momentane Milchpreisanstieg war dem Butterpreis geschuldet. Normalerweise liegt der Butterpreis bei 2500 Euro pro Tonne, vor kurzem hatten wir einen Höchststand von 7000 Euro. Das hat den Milchpreis nach oben gezogen.

Haben die Bauern davon etwas abbekommen?

HOFFMANN Ja. Wir liegen bei 36 bis 37 Cent pro Kilo. Vor zwei Jahren waren wir bei 22 bis 24 Cent. Es gab Molkereien, die haben keine 20 mehr ausgezahlt, weil sie das falsche Produktportfolio hatten. Genau wie jetzt: Wer jetzt keine Butter oder Käse hat, hat nicht wirklich davon profitieren können. Das kann sich in den kommenden Jahren wieder ins Gegenteil verkehren, aber zumindest bis zum Frühjahr ist der Preis relativ sicher.

Wie haben sich die Russland-Sanktionen ausgewirkt?

HOFFMANN Enorm haben die sich ausgewirkt. Das hat uns im Milchpreis über drei Cent pro Kilogramm ausgemacht. Auch für Schweinefleisch, zum Beispiel Schweinespeck, war Russland ein wichtiger Abnehmer. Und dafür findet sich auch nicht von heute auf morgen ein Ersatzmarkt.

Anderes Thema: Glyphosat wurde nun für weitere fünf Jahre zugelassen. Sind Sie erleichtert?

HOFFMANN Das war ja unsere Forderung und wir haben fest damit gerechnet, aber auch befürchtet, dass es doch nicht zugelassen wird. Insofern ist es schon eine Erleichterung.

Was würde ein Verbot für den typischen Bauern hier bedeuten?

HOFFMANN Im Saarland ist das kein Riesenthema. Erstens haben wir über 50 Prozent Grünland. Da kommt es gar nicht zum Einsatz. Auf Ackerböden sollte es, und so wird es überwiegend auch gehandhabt, Ultima Ratio sein. Aber wenn man es wirklich benutzen muss, muss man es auch einsetzen dürfen. Ansonsten gibt es auch Betriebe, die darauf jahrelang verzichten können. Es ist kein Standardprodukt im normalen Getreidebau.

Wenn mal Schluss ist: Was wären die Folgen für die Landwirtschaft?

HOFFMANN Wenn es wirklich weltweit verboten wird, muss man Alternativen suchen beziehungsweise seine Bewirtschaftung umstellen. Das betrifft aber dann alle. Dann haben alle das Problem mit höheren Preisen.

Getreide auf Feldern ist heute oft kleiner als früher. Gibt es Gründe dafür?

HOFFMANN Ja. Der Ertrag steckt oben in der Ähre. Je länger der Halm und je schwerer die Ähre, umso größer ist die Gefahr, dass die Pflanze kippt. Von daher hat man in der Pflanzenzüchtung versucht, den Halm kurzzuhalten.

Kann Gentechnik eine Alternative sein, um „bessere“ Pflanzen zu erhalten?

HOFFMANN Gentechnik ist bei uns de facto verboten, wird nicht eingesetzt und ist für uns kein Thema. Der Verbraucher möchte es auch nicht.

Aber Ihr Geschäftsführer hat gesagt, das wäre eigentlich der Weg…

HOFFMANN Es hätte schon Vorteile. In Amerika hat man in einem Versuch ein Gen aus der Urkartoffel in die moderne Kartoffel eingepflanzt. Damit ist die Kartoffel widerstandsfähig gegen Kraut- und Knollenfäule. Sie könnte also auch im Ökobetrieb das ganze Jahr stehen ohne Pflanzenschutz. Das wäre ja etwas, was eigentlich jedem einleuchtend sein müsste, dass es gut ist. Aber Gentechnik ist nun mal negativ besetzt und alles, was damit zu tun hat, wird von vorneherein abgelehnt. Chancen würden sich schon bieten, aber von den Gegnern werden auch Risiken angeführt.

Was sind die Risiken?

HOFFMANN Man fürchtet Mutationen, die dann auf Gesundheit oder Körper durchschlagen könnten. Man weiß nicht, was passiert. Aber man hat ja Pflanzen, die es schon fast nicht mehr gentechnikfrei gibt. Bei der Sojabohne in Südamerika ist der Anbau über 80 Prozent gentechnisch verändert.

Das heißt, keine Sojasoße und keinen Tofu essen…

HOFFMANN Es gibt auch gentechnikfreie Varianten. Momentan ist das auch eine Forderung der Molkereien. Die Molkerei verlangt von den Erzeugern, dass wir uns verpflichten, unsere Tiere mit gentechnikfreiem Futter zu füttern. Das verursacht zwei Cent Mehrkosten pro Liter Milch. Und dafür gibt es dann von der Molkerei einen Zuschlag. Der Handel ist bereit, davon einen halben Cent zu geben. Der Rest bleibt wieder beim Erzeuger hängen, von daher ist die Motivation da natürlich eher gering. Außerdem ist das nur eine nationale Diskussion und spielt im Export überhaupt keine Rolle.

Es gab immer wieder Konflikte zwischen Naturschützern und Bauern. Ist das immer noch so?

HOFFMANN Man sieht mittlerweile ein, dass Natur- und Umweltschutz nur mit der Landwirtschaft geht und nicht gegen die Landwirtschaft. Aber zum Thema Auflagen gibt es eine interessante Studie, die Noleppa-Studie. Da hat man wissenschaftlich untersucht: Wie hoch ist der Einfluss aller Auflagen auf die Landwirtschaft? Und dann wurde errechnet, dass die deutsche Landwirtschaft mit 5,2 Milliarden jährlich in Haftung genommen wird, gegenüber Betrieben außerhalb der EU ohne diese Auflagen.

Thema Energiewende: Wie kann Photovoltaik einem Landwirt helfen, seinen Hof zu stabilisieren?

HOFFMANN Photovoltaik auf Dachflächen ist, oder ich muss sagen: war sinnvoll. Das ist komplett zum Erliegen gekommen, da ist kein Gewinn mehr zu erzielen. Gegen Photovoltaik auf Freiflächen haben wir uns wegen des Flächenverbrauchs immer schon ausgesprochen. Es sei denn, es sind Flächen, die nicht der landwirtschaftlichen Nutzung dienen.

Und Windräder? Da gibt es ja Bewirtschaftungsauflagen…

HOFFMANN Damit soll der Rotmilan geschützt werden. Vor allem während der Brutzeit ist der nur auf Beute aus und schaut auf den Boden, und deswegen besteht Kollisionsgefahr mit den Windrädern. Um das zu umgehen, muss in dieser Zeit jede Bodenbearbeitung, die vielleicht Kleinlebewesen aufscheucht, angemeldet werden. Dann wird das Rad bei jeder Bewirtschaftung zweieinhalb Tage abgestellt.

In welchem Zeitfenster ist das?

HOFFMANN Von Anfang März bis Ende Oktober. Das ist quasi während der gesamten Vegetationsperiode.

Würden Sie nochmal den Beruf des Landwirts ergreifen? Bei diesen ganzen Widrigkeiten…

HOFFMANN Auch unsere Vorfahren mussten sich schon mit widrigen Bedingungen auseinandersetzen. Klar war das mein Traumberuf, man lebt mit und von der Natur, ist ständig im Umgang mit moderner Technik und so weiter.

Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft im Saarland?

HOFFMANN Wir haben etwa drei Prozent Strukturwandel. Das ist innerhalb der vergangenen 20 Jahre eigentlich die normale Prozentzahl gewesen. Das ist zum Teil durch fehlende Betriebsnachfolge ausgelöst, aber auch einfach durch Betriebsgrößen, die sich nicht mehr lohnen. Dann leidet als erstes die Viehhaltung. Getreidebau kann man auch noch im Nebenerwerb machen. Wir haben zwischen 1200 und 1300 Betriebe, davon knapp 400 im Haupt­erwerb, alle anderen im Nebenerwerb.

Es hat ja jetzt die Ausgleichszulage gegeben. Profitiert davon jeder?

HOFFMANN Die Ausgleichszulage hat sich durch die Neuabgrenzung benachteiligter Gebiete seitens der EU berechnet. Im Saarland haben wir das große Glück, 93 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in dieser Kulisse zu haben. 93 Prozent ist ein Riesenerfolg. Das heißt auf der anderen Seite aber auch, dass es sieben Prozent nicht geschafft haben. Dazu zählen zum Beispiel die Gemeinden Mettlach, Nalbach und Schiffweiler.

Wann greift die Änderung und wie wirkt sie sich aus?

HOFFMANN Die ist jetzt schon in Kraft. Im Saarland macht diese Benachteiligung über 200 Euro pro Hektar gegenüber anderen aus. Davon bekommen wir jetzt 25. Immerhin. Und das Geld ist nicht alles. Wir denken, dass in Zukunft die EU-Förderung auch stark diese Kulissen berücksichtigt. In diesem Jahr wird es durch Sondereffekte nochmal aufgestockt.

Das Gespräch führten Barbara Scherer, Lothar Warscheid und
Joachim Wollschläger.

Peter Hoffmann, Präsident des Bauernverbandes Saar.
Peter Hoffmann, Präsident des Bauernverbandes Saar. FOTO: Robby Lorenz