1. Saarland

"Der Bürgermeister ist der Kümmerer""Konstruktive Kritik entwickelt Ideen in die richtige Richtung"

"Der Bürgermeister ist der Kümmerer""Konstruktive Kritik entwickelt Ideen in die richtige Richtung"

Die Freisener Bürger wählen an diesem Sonntag, 6. Mai, einen neuen Bürgermeister. Zwei Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge von Wolfgang Alles: Karl-Josef Scheer und Michael Becker. Die SZ stellt die beiden Kandidaten vor. Heute: Michael Becker.Von Hoffnung und Macht handelt das Merkbuch der Bekenntnisse, aber auch vom Lieblingsessen und der Lebensphilosophie. 19 Fragen hat die SZ dem Bürgermeisterkandidaten Michael Becker gestellt. Hier sind seine Antworten.

Freisen. Mit Menschen gemeinsam arbeiten, sie mitnehmen und mit ihnen zusammen etwas auf die Beine stellen. So sieht Michael Becker seine Arbeit als Bürgermeister. Mit dieser Arbeitsweise sei er in seinem Beruf als Prozessleiter bei IWS und in seinen Ehrenämtern beim THW immer gut gefahren. Bürgermeister von Freisen werden zu wollen, das sah die Lebensplanung des 48-Jährigen eigentlich nicht vor. Becker arbeitet von jung auf ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk (THW) mit. Dort trägt er bereits seit über einem Jahrzehnt als Bundesjugendleiter Mitverantwortung für rund 15 000 Jugendliche in etwa 700 Gruppen. Wegen seiner Erfahrungen in diesem Bereich sind sein Rat und seine Mitarbeit in den Bereichen Jugend- und Hilfsorganisationen auf Landkreis- und Landesebene gefragt. Parteipolitisch ist Becker nicht aktiv. Entsprechend überrascht war er dann auch von der Anfrage der CDU Freisen, ob er sich nicht mit ihrer Unterstützung der Bürgermeisterwahl am 6. Mai stellen wolle.Nach einiger Bedenkzeit und eingehender Beratung mit seiner Familie habe er sich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen und zu kandidieren. Dass er nicht Mitglied einer Partei ist, in der freien Wirtschaft arbeitet und die Arbeit von Gemeinde- und Ortsrat im Grunde nur von außen kennt, sieht Becker als Vorteil. Denn gerade die Sicht von außen sieht er als große Chance, Veränderungen anzustoßen. Die seien angesichts der finanziellen Notlage der Gemeinde notwendig.

"Ich will als Bürger an das Bürgermeisteramt herangehen und die Frage: Was nutzt dem Bürger? in den Vordergrund stellen." So sind nach Beckers Ansicht ein- und ausgefahrene Wege und Abläufe leichter zu erkennen und infrage zu stellen. Hierbei setzt Becker auf seine Erfahrungen aus der Industrie. Dort sei die Frage: Was nutzt dem Produkt? schon lange gelebter Alltag. Dazu komme, dass in der Industrie Dinge beim Namen genannt würden: "Verschwendungspotenziale werden dort auch so genannt." Das helfe, sie schneller aufzudecken und einzudämmen.

Das Produkt der Gemeindeverwaltung heiße "Zufriedenheit der Bürger". Um dies zu erreichen, müssten gerade in Zeiten leerer Kassen die verbleibenden Mittel optimal im Sinne der Bürger eingesetzt werden.

Ganz klar ist sich Becker, dass derzeit nur wenig Wünsche erfüllt werden können. Ein Problem, das die allermeisten Bürger aus ihrem eigenen Haushalt kennen würden. Wie zu Hause müsse dann entschieden werden, was höchste Priorität hat und die Prioritätenliste abgearbeitet werden. Diese Lösungsansätze, das ist Becker klar, seien Kompromisse, die nicht jedem Einzelnen gerecht werden. "Reden, überzeugen" ist für Becker das Mittel, auch die Bürger mitzunehmen, die sich mit Kompromissen schwer tun.

Becker sieht den Bürgermeister nicht als Kommandant, der Ziele vorgibt und Befehle erteilt. Der Bürgermeister ist für ihn der Kümmerer. Der angesichts leerer Kassen alles daransetzt, das Bestehende zu erhalten und die Selbsterhaltungskräfte in der Gesamtgemeinde, den Ortsteilen und Vereinen, Verbänden und Kirchen zu stärken und zu unterstützen.

Wohnortnahe Arbeitsplätze sind für Becker ein wichtiger Beitrag, um Menschen in der Gemeinde zu halten und neue Mitbürger anzusiedeln. Als Industriestandort habe Freisen schon gute Karten. Doch auf den Lorbeeren dürfe man sich nicht ausruhen. Um neue Betriebe zu gewinnen, müssten in der Gemeinde optimale Standorte gesucht und diese Investoren angeboten werden. Dabei denkt Becker besonders an Schwarzerden, für das Dorf spreche ganz besonders die hervorragende Verkehrsanbindung.

Im Bereich Tourismus gelte es, die Chancen, die der Ferienpark am Bostalsee in Zukunft biete, auch offensiv zu nutzen. Das heißt die guten Angebote in der Gemeinde wie Wander- und Radwege, Wildpark, Edelsteindorado, Mineralienmuseen, Freizeitzentrum und andere weiter zu verbessern. Zudem müsse nach Lösungen gesucht werden, damit die Gäste auch im Ort versorgt werden.

Dazu, dass sich alle Generationen in den Dörfern und der Gemeinde wohlfühlen, sich geborgen und gut aufgehoben fühlen, müssten alle beitragen, sagt Becker. Die Verwaltung, Vereine, Verbände, soziale Einrichtungen, Parteien und auch die Bürger selbst müssten sich mit einbringen. Denn nur Angebote, die auch von denen mitgetragen werden, die sie nutzen, hätten auf Dauer Erfolg.

In diesem Bereich sieht Michael Becker den Bürgermeister als Mitarbeiter, Ideengeber und als Moderator zwischen den unterschiedlichen Generationen und Interessen. Überzeugen, erklären, ausgleichen, anpacken, anregen und auch mitunter aufregen, das ist nach Beckers Ansicht das, was die Tätigkeit des Bürgermeisters besonders interessant und erfüllend mache. Was ist Ihre größte Hoffnung?

Michael Becker: Gesund zu bleiben und möglichst wenig menschliches Leid zu erleben.

Was macht Ihnen Angst?

Becker: Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft. Dass viele nur an sich selbst denken, macht Kompromisse zunehmend schwieriger.

Was können Sie nicht ausstehen?

Becker: Unehrlichkeit im Umgang miteinander. Menschen, die sich nicht vorbereiten, sich über gestellte Aufgaben keine Gedanken machen oder nicht über Alternativen nachdenken.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Becker: Ehrlich gesagt bin ich kein großer Buchleser. Ich lese intensiv Zeitung, Fachliteratur, Berichte, Studien, Protokolle. Aktuell viel Hintergrundwissen über unsere Gemeinde.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Becker: Neben der Hausmannskost steht die italienische Küche bei mir hoch im Kurs. Im Sommer Gegrilltes.

Was bedeutet Macht für Sie?

Becker: Mir geht es nicht um Macht, diese hat für mich keine Bedeutung. Von den Bürgern geschätzt zu werden wegen der erbrachten Leistungen, wegen Glaubhaftigkeit und Authentizität, ist mehr wert.

Was würden Sie durchsetzen, wenn Sie einen Tag lang Bundeskanzler wären?

Becker: Den Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Kommunen so regeln, dass die zugewiesenen Aufgaben wirklich erfüllt werden können. Reduzierung von Subventionen für Klientelgruppen und Nutzung der Mehreinnahmen zur Schuldentilgung und zur Finanzierung der Kinderbetreuung.

Welcher Politiker ist Ihr Vorbild?

Becker: Aktuell würde ich wegen seiner Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und seines Fleißes Thomas de Maizière nennen.

Welche drei Dinge würden Sie mit auf eine Insel nehmen?

Becker: Meine Familie, Proviant und alles, was hilft, schnell zurückzukommen!

Welchen Menschen würden Sie gerne kennenlernen?

Becker: Natürlich möglichst viele Bürger in Freisen. Silvia Neid, die Frauenfußballbundestrainerin, ihre Teambildungserfolge, ihre Einsatzbereitschaft und Souveränität begeistern mich.

Was bedeutet Geld für Sie?

Becker: Materielle Sicherheit, die Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen und sich und anderen Wünsche zu erfüllen.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Becker: Ich denke stets positiv und kenne dadurch keine ausweglosen Situationen. Nichts ist so unnütz, dass es nicht noch für irgendetwas gut ist.

Worüber können Sie lachen?

Becker: Manchmal über mich selbst, über gute Witze, schöne Karikaturen und alles, was nicht zulasten anderer geht.

Wen ertragen Sie nur mit Humor?

Becker: Da fällt mir nur ein älterer THW-Kamerad aus der Bundesspitze ein, der bei jeder Wortmeldung, zu jedem Thema, seine 50-jährige Erfahrung vorgetragen hat.

Können Sie Kritik vertragen?

Becker: Ja, konstruktive Kritik entwickelt unsere Ideen und Vorhaben erst in die richtige Richtung.

Was ist Ihr Lieblingsort in der Gemeinde Freisen?

Becker: Erst einmal natürlich mein Zuhause, dann gibt es viele Orte in der Gemeinde, wo ich gerne bin. Wenn ich einen Spitzenreiter nennen muss, ist es der Hellerberg.

Was ist die wichtigste Aufgabe in Freisen in den kommenden fünf Jahren?

Becker: Umsetzung der Schuldenbremse, möglichst ohne Verzicht auf vorhandene Infrastruktur in den Ortsteilen und bei Abarbeitung der dringend notwendigen Neuinvestitionen.

Wenn Sie sich etwas von den Bürgern wünschen könnten (außer dass alle Sie wählen), was würden Sie sich wünschen?

Becker: Dass noch mehr Bürger sich für unser Gemeinwohl engagieren, sich und ihre Ideen mit einbringen und auch Angebote in den Ortsteilen wahrnehmen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Freisen ist . . ..

Becker: . . . mit all seinen Ortsteilen eine reizvolle, liebens- und lebenswerte Gemeinde. "Ich will die Frage: Was nutzt dem Bürger? in den Vordergrund stellen."

Michael Becker

Zur Person

Michael Becker ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Becker ist Maschinenbauermeister und Prozessleiter für den Bereich Arbeitsvorbereitung von Baugruppen und Tankfahrzeugen bei den Industriewerken Saar (IWS). Becker ist parteilos, wird aber von der CDU unterstützt. Becker ist seit seiner Jugend Mitglied im THW-Ortsverein Freisen und seit über zwölf Jahren Bundesjugendleiter des THW. Becker kocht und isst gerne gut und macht am liebsten Campingurlaub mit der Familie. ddt

Hintergrund

 Bürgermeisterkandidat Michael Becker. Foto: B&K
Bürgermeisterkandidat Michael Becker. Foto: B&K

6831 Freisener Bürger sind an diesem Sonntag, 6. Mai, zur Urwahl des Bürgermeisters aufgerufen. Um die Nachfolge von Amtsinhaber Wolfgang Alles bewerben sich für die SPD Karl-Josef Scheer und für die CDU der parteilose Michael Becker. Die Wahllokale in der Gemeinde haben am Sonntag von acht bis 18 Uhr geöffnet. Anschließend werden die Stimmen direkt ausgezählt. Die Amtszeit des neuen Bürgermeisters beginnt am 28. August dieses Jahres. red