1. Saarland

Der Apfelernte-Schätzer

Der Apfelernte-Schätzer

Merzig. Ein Auge zusammengekniffen, vor das andere ein Plastikrohr gehalten und dieses auf die Krone eines Apfelbaumes gerichtet. Los geht sie, die Schätzung der Apfelernte. Karl-Heinz Schmitt, Gartenfachberater vom Landkreis Merzig-Wadern, ist als Schätzer der süßen Kernfrüchte jedes Jahr im Juli in der "Äpfelkiste des Saarlandes" - im Raum Merzig - unterwegs, seit 30 Jahren

Merzig. Ein Auge zusammengekniffen, vor das andere ein Plastikrohr gehalten und dieses auf die Krone eines Apfelbaumes gerichtet. Los geht sie, die Schätzung der Apfelernte. Karl-Heinz Schmitt, Gartenfachberater vom Landkreis Merzig-Wadern, ist als Schätzer der süßen Kernfrüchte jedes Jahr im Juli in der "Äpfelkiste des Saarlandes" - im Raum Merzig - unterwegs, seit 30 Jahren. Für eine Schätzung, zu der jedes Jahr der Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie aufruft, arbeitet er an einem Tag zwischen sechs bis acht Stunden.

Äpfel aus dem Streuobstanbau stellen für viele kommerzielle Fruchtsaft-Hersteller eine Existenzgrundlage dar. Für den Fall, dass die Apfelernte aus dem Streuobstanbau niedriger als erwartet ausfällt, muss ein Betrieb Früchte aus ausländischen Ländern dazukaufen.

Morgens auf dem Berg, der sich von Harlingen bis nach Merchingen erstreckt, startet die Schätzung - oder vielmehr die Zählung. Als erstes misst Karl-Heinz Schmitt von der Krone des Baumes einen Abstand von vier Metern ab und zählt dann mit dem "Gucki" - wie die Schätzer unter sich das Plastikröhrchen nennen - die mit bloßem Auge sichtbaren Äpfel. "Die Zufallszählung soll rundum am Baum an zehn Stellen erfolgen", erklärt Schmitt die Methode. Als er den Fruchtbestand am Baum geschätzt hat, trägt er die so genannte "Behangdichte" - also die Anzahl der beim Blick durchs Plastikröhrchen sichtbaren Früchte - in eine Tabelle ein. Er hat insgesamt rund 70 Äpfel gezählt. Schmitt schätzt, dass in diesem Jahr die Apfel-Behangdichte im Kreis Merzig-Wadern im Schnitt zwischen fünf und sieben Stück pro untersuchter Baumstelle liegt. Alles in allem sei das eine schwache Ernte.

Einfacher hat es Schmitt mit den kahlen Apfelbäumen, die keine oder nur kaum Früchte tragen. Da notiert er sich eine Null in seine Tabelle. Nicht etwa weil solche Apfelbäume nicht hergeben würden, sondern wegen der "Alternanz", das heißt der jährlich wechselnden Ertragsschwankungen vieler Apfelsorten. In den Monaten Juni und Juli entscheidet sich, ob aus einer Apfelbaum-Knospe eine Blütenknospe oder eine Blattknospe wird, erläutert Schmitt den Prozess. Hängen an einem Apfelbaum viele Früchte und reichen die Nährstoffe im Boden nicht aus, kann der Baum nur seine Früchte ernähren und hat nicht genügend Kraft, um Blütenknospen fürs nächste Jahr herauszubilden.

Fällt der Ertrag gut aus, so machen sich allenfalls die Freizeitgärtner noch die Mühe, einen hochstämmigen Apfelbaum, der bis zu zehn Metern in die Höhe wachsen kann, mit einer Leiter abzuernten, so Schmitt. Für Erwerbsbauern sei der Arbeitsaufwand zu hoch und letztlich unrentabel. "Mit jeder Leiterstufe, die man höher steigt muss, reduziert sich die Arbeitsleistung um 50 Prozent", sagt Schmitt. Aber selbst für Hobby-Gärtner lohne sich das Abplagen bei der Ernte kaum. Denn pro Doppelzentner Äpfel bekomme man bei einer Großmosterei sieben bis acht Euro. "Dafür lohnt sich kaum der Zeitaufwand der Ernte." Deshalb werde der Streuobstanbau allmählich auslaufen.

HINTERGRUND

Jedes Jahr - noch vor der Ernte und der Weiterverarbeitung zu Saft in den Keltereien - ruft der Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie (VdF) mit Hauptsitz in Bonn Vertreter von Fruchtsaft-Keltereien, Obstbauberater, Mitglieder von Umweltorganisationen und Privatpersonen in allen Bundesländern zur amtlichen "Kelterapfel-Behangdichtenschätzung" auf. Nach Angaben des Nabu-Bundesfachausschusses für Streuobst schwanken dabei die bundesweiten Ernteerträge von Äpfeln und Birnen im Streuobstanbau erfahrungsgemäß zwischen 600 000 und 1 000 000 Tonnen. bera