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Den inneren Schweinehund täuschen Hajo Schumacher liest beim Literaturfestival in Losheim

Den inneren Schweinehund täuschen Hajo Schumacher liest beim Literaturfestival in Losheim

Sie sagen, dass der Sport mitten ins Leben gehört, dass man sich nicht mit Trainingsplänen, Coach-Geplärre oder Leistungsirrsinn verrückt machen soll. Wie aber kann man seinen inneren - oft sehr starken - Schweinehund erfolgreich überwinden? Hajo Schumacher: Die traurige Antwort lautet: gar nicht

Sie sagen, dass der Sport mitten ins Leben gehört, dass man sich nicht mit Trainingsplänen, Coach-Geplärre oder Leistungsirrsinn verrückt machen soll. Wie aber kann man seinen inneren - oft sehr starken - Schweinehund erfolgreich überwinden?Hajo Schumacher: Die traurige Antwort lautet: gar nicht. Wer keine Lust hat, der wird auch mit noch so vielen tollen Motivationstricks nicht zu bewegen sein. Hilfreich ist es, wenn man mal die Komponente "Anstrengung" vergisst und sich die sozialen Vorteile bewusst macht: Wer mit seinen Kindern wandert oder radelt, wird den Nachwuchs besser kennenlernen als in einem Club, wo jeder seiner Wege geht.

Wie meinen Sie das?

Schumacher: Wer je mit seinem Partner ein Wochenende paddeln war, der weiß, wie stabil die Beziehung wirklich ist. Wer mal erfahren hat, wie toll es sein kann, mit verrückten Gleichgesinnten gemeinsam zu kicken, zu tanzen oder zu laufen, der lässt die Finger freiwillig von Facebook, jedenfalls für zwei Stunden. Und wer einsam ist, findet beim gemeinsamen Bewegen sehr viel eher Anschluss als im Chat.

Oft ist, zumindest nach meiner Erfahrung, nicht das Dranbleiben so schwierig, sondern generell mal den Anfang zu finden. Aber irgendwann muss man den ersten Schritt machen.

Schumacher: Ganz ehrlich: Das Anfangen ist die beste Phase. Einsteiger sind neugierig, konzentriert, haben diese wunderbare Nervosität wie vorm Abi-Ball - das ist doch toll, Adrenalin pur. Wir tauchen in eine neue Welt ein, entdecken uns selbst und andere, und vor allem spürt jeder, der dranbleibt: Es geht doch.

Wie kann einem das gelingen, und im besten Fall sogar Spaß machen, wenn man ein Sofasportler ist, der lieber Sport im Fernsehen schaut, als selbst ins Schwitzen zu kommen?

Schumacher: Ein neues Auto oder ein neues Handy finden wir alle toll, warum eigentlich nicht auch eine neue Bewegungserfahrung? Und nur mal so, zum Trost: Wirklich toll sehen allenfalls die Profis bei Olympia aus. Breitensport ist immer auch Menschenzoo, mit oftmals sehr lustigen Bewegungsabläufen, die in keinem Lehrbuch stehen. Na und? Machen macht Spaß, Perfektion ist langweilig.

Eine ihrer Erkenntnisse war, Ziele zu halbieren und Druck rauszunehmen. Sie haben neben ihrer Figur Achim Achilles einen guten Indikator im Körper. Einen Muskel, der vom Becken zum Knie verläuft und Ihnen genau zeigt, wann Schluss ist. Wie findet man das gesunde Mittelmaß als Hobbysportler?

Schumacher: Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Gerade Wiedereinsteiger wollen ja gern in drei Wochen nachholen, was sie in 20 Jahren versäumt haben. Der Kopf ist hungrig, aber das Fleisch manchmal schwach. Überlastungsschäden durch Überambition gehören zu den häufigsten Verletzungen, manchmal irreparabel. Gerade wir Mittelalten, ich bin 48, sollten wissen, dass ein untrainierter Körper viele Monate braucht, um sich an neue Belastungen zu gewöhnen. Mir hat es gut getan, das Bewegen soweit wie möglich in den Alltag einzubauen: das Rad als Verkehrsmittel, Treppen als Trainings-Chance, Kinder und Bierkästen als Hanteln. Und ganz wichtig: Nie über den Schmerz hinweg trainieren; das ist der sicherste Weg zum Humpeln.

Sie sagen von sich: "Ich bin eine einzige Anlaufschwierigkeit, sprintschwach, durchzugsarm und ohne Vorglühen nicht zu gebrauchen. Niedriger Blutdruck beschert mir in der ersten Tageshälfte die Dynamik einer halbgefrorenen Amphibie." Sie waren nach eigener Aussage ein eher kränkliches Kind, das, um das erhebende Gefühl von Bewegung zu erleben, lieber Rolltreppe bei Karstadt als Rad gefahren ist. Wann und wie kam die Wende in Ihrem Leben?

Schumacher: Ich habe als Knabe ein dramatisches Handballspiel im Fernsehen geguckt und zum ersten Mal gespürt: Sport ist ja viel mehr als Schwitzen und Keuchen. Dieses Gemeinsame, der Triumph, das Zusammenhalten, jeder kämpft für jeden - dieser Teamgeist hat mich überwältigt. Und dann habe ich Handball gespielt, nie gut, aber immer mit Begeisterung und überwiegend tollen Typen. Nach 25 Jahren Handball murrten die Knochen. Nun versuche ich mich im Triathlon. Der Olympiastützpunkt Saarbrücken würde mich nicht mal als Zeugwart anstellen, aber egal: Ich habe Spaß, ich fühle mich wohl, ich treffe wunderbar bekloppte Menschen, ich habe die lustigsten Trainingspartner der Welt. Ich bewege mich in einem Paralleluniversum, wo völlig wurscht ist, ob einer reich oder klug oder schön ist - schnell muss er sein. Und ausdauernd. Und verrückt. Genau meine Liga.

Würden Sie sagen, dass Sie durch den Sport erfolgreicher geworden sind?

Schumacher: Spannende Frage. Auf jeden Fall bin ich gelassener geworden. Ich weiß mich selbst besser einzuschätzen. Ich bin ausdauernder geworden, weniger neidisch auf andere, zufriedener mit mir selbst. Ich kenne meine Grenzen, körperlich wie geistig. Der Sport ist ein großartiger Lehrmeister, was Disziplin, Respekt, Sportsgeist, Ehrgeiz und Selbstwertgefühl angeht, ohne dass ich je ein Stadium ewiger Zufriedenheit erreichen würde. Die wichtigste Erkenntnis lautet immer noch: üben, üben, üben. Und das ist wohl Voraussetzung für jede Art von Erfolg.

Ihr Buch ist sehr humorvoll und selbstironisch. Sind beide Aspekte entscheidend, um Niederlagen zu nutzen und nicht daran zu zerbrechen?

Schumacher: Es hat zehn Jahre gedauert, bis ich kapiert habe: Bestzeiten sind nicht alles, erst recht nicht, wenn man dem Altern davon rennen will. Der Leistungsdruck nervt im Beruf schon genug, warum soll ich mich in meiner Freizeit auch noch damit belasten? Es gibt so viele Glücksmomente, ob allein morgens im See, ob mit guten Kumpels auf dem Rennrad, mit den Söhnen auf einem Gipfel, mit meiner Frau auf einer langen Wanderung. Und ohne Stoppuhr sind diese Momente noch viel intensiver. In Wettbewerben wiederum finde ich inzwischen unglaublich spannend, was mit mir passiert, wie Geist und Seele reagieren in Momenten von Erschöpfung oder Verzweiflung. Sport zwingt mich zur Selbstironie, weil ich ständig mit meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten konfrontiert werde. Die anderen sind auch nicht besser, nur anders. Erst, wenn wir zusammen darüber lachen, hat die Rackerei doch einen Sinn.Losheim. "Bewegt Euch!" Mit dieser gut gelaunten Aufforderung kommt der Autor und Journalist Hajo Schumacher nach Losheim. Im Rahmen des ersten Literaturfestivals stellt er im Saalbau in Losheim am kommenden Freitag, 16. November, um 19 Uhr sein aktuelles Buch vor.

Er erklärt darin, warum Sport nicht automatisch Quälerei sein muss, warum im Prinzip jeder einen Neustart wagen kann, und vor allem die Glücksphilosophie seines Alter Egos Achim Achilles. Er selbst verbrachte viele Jahre in einer sportarmen Lebensform, schaffte aber den ersten Schritt.

Seitdem sind 15 Jahre unverdrossenen Sporttreibens vergangen, in denen Schumacher viel über sich, seinen Körper und die positive Wirkung des Sports gelernt hat. Sein Aufruf richtet sich an diejenigen, die immer die Rolltreppe und den Fahrstuhl nehmen, auch zu später Stunde am Kühlschrank nicht vorbeikommen und alle, die auf der Suche sind. "Bewegt Euch!" ist ein Plädoyer für Bewegung als selbstverständlichen Teil des glücklichen Alltags. syr

Die Lesung beginnt am Freitag, 16. November, 19 Uhr, im Saalbau Losheim. Karten gibt's für acht Euro. Weitere Infos: Kreiskulturzentrum Villa Fuchs, Bahnhofstraße 25, Merzig, Tel. (0 68 61) 9 36 70 oder per Mail: info@villa-fuchs.de.

"Breitensport ist auch Menschen-

zoo."

Hajo Schumacher, Buchautor

Auf einen Blick

Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, studierte Journalistik, Politologie, Psychologie. Er arbeitete von 1990 bis 2000 beim Spiegel, zuletzt als Co-Leiter des Berliner Büros. Von 2000 bis 2002 war er Chefredakteur der Zeitschrift Max. Er ist TV-Moderator, Autor und Co-Autor zahlreicher Bücher, unter anderem "Die zwölf Gesetze der Macht. Angela Merkels Erfolgsgeheimnisse" (2006) und "Mamas und Papas. Wie wir täglich fröhlich scheitern" (2011).

 Hajo Schumacher
Hajo Schumacher

Als Deutschlands bekanntester Hobbyläufer eroberte er mit Achilles' Verse, Achilles' Verse II und dem Laufberater die Spiegel-Bestseller-Liste. Schumacher lebt mit Frau und zwei Söhnen in Berlin und träumt vom Zieleinlauf beim Ironman auf Hawaii - "aber lächelnd und nicht fix und fertig". syr