1. Saarland

Das Schicksal der Emigration

Das Schicksal der Emigration

Homburg. Ein Glück, dass Alfons, der Vichysoldat, nach Hause kam. Als er erfuhr, dass Mutter abgeholt worden war, begab er sich in Uniform nach Lyon. Dort hatte der Weitertransport schon stattgefunden, aber einige waren wegen Platzmangels zurückgeblieben, auch die Mutter

Homburg. Ein Glück, dass Alfons, der Vichysoldat, nach Hause kam. Als er erfuhr, dass Mutter abgeholt worden war, begab er sich in Uniform nach Lyon. Dort hatte der Weitertransport schon stattgefunden, aber einige waren wegen Platzmangels zurückgeblieben, auch die Mutter.

Alfons wurde beim zuständigen deutschen Oberst vorstellig, der erklärte die Festnahme der Mutter als Missverständnis; Alfons nahm die Mutter mit nach Hause. Dort besorgte er zusammen mit Erich der Familie falsche Papiere, brachte die Eltern mit Hilfe eines Kameraden bei einem Bauern in den Französischen Alpen unter.

Ständige Todesangst

Auch Charlotte Hirsch, nun Charlotte Hiller, brachte Alfons zunächst in ein Jugendlager, dann versteckte sie Erich mit noch weiteren fünf Jüdinnen in einem Benediktinerkloster bei Perpignan. Die Schwester Oberin warnte die Mädchen vor einer Polin. Tatsächlich wurden sie an die Nazis, die inzwischen auch im tiefsten Süden Vichyfrankreichs herumschnüffelten, verraten. Bevor die Gestapo auftauchte, wurden die Mädchen jedoch schnell an Familien in der Umgebung verteilt.

Charlotte hatte großes Glück: Sie kam zu einer dreiköpfigen Familie nach Toulouse, die dort eine Drogerie betrieb. Sie hatte die Aufgabe, die Mutter, die im Rollstuhl saß, zu betreuen und in der Drogerie der Familie auszuhelfen. Die Geschwister warnten Charlotte vor den deutschen Soldaten, weil sie schwarzhaarig war und eine etwas dunkle Hautfarbe hatte. Charlotte achtete darauf nicht, auch nicht, als sie einmal gefragt wurde: "Fräulein, essen Sie Schweinefleisch?"

Razzien erlebte sie oft, einmal beobachtete sie vom Balkon, wie ein Rabbiner von den Deutschen abgeholt wurde. So verging Monat um Monat voller Angst, bis Mitte des Jahres 1944 Frankreich befreit wurde. Die Eltern Hirsch ließen sich wieder in Nyons nieder, sie wohnten jetzt zur Miete, denn in ihrer alten Wohnung hatten sich Fremde niedergelassen, die die Hunde auf Charlotte hetzten, als sie die Wohnung zurückforderte. Erst als die Brüder sich einschalteten, durften die Eltern in ihre angestammte Wohnung zurückkehren.

Charlotte litt darunter, dass ihre alten Freundinnen und Freunde mit ihren Angehörigen nicht mehr heimkehrten, sie waren in den Vernichtungslagern verschwunden. Sie bat ihre Eltern, ins gelobte Land Eretz Israel ziehen zu dürfen. Die Eltern lehnten ab, sie hatten zuviel Angst, denn die Engländer hatten noch das Mandat über Palästina und erschwerten die Einwanderung mit allen möglichen Schikanen, die im Einzelfall zur Todesgefahr werden konnten. Doch es gab Hoffnung: einzelne, aus Europa stammende Männer und Frauen, die im künftigen Staat Israel bereits legal registriert waren, wurden dort ausgesucht, um Flüchtlinge zu versammeln und ins gelobte Land zu bringen.

In Homburg begraben

Einer dieser Männer war Charlottes Großcousin Wilhelm-Akiva Hirsch. Seine Eltern, August II Hirsch und Mathilde, geb. Mayer, sind in Auschwitz ermordet worden, sein Bruder Adolf ist in Frankreich zwar auch ins Sammellager gebracht worden, konnte mit Hilfe eines Nachbarn aber entkommen; nach dem Krieg ist er nach Homburg zurückgekehrt und hat Jenny Hirsch geheiratet; beide sind auf dem Homburger Judenfriedhof beerdigt.

Wilhelm war 1936 nach Palästina ausgewandert und hatte sich einem Kibbutz angeschlossen. Dort gehörte er der israelischen Selbstwehrorganisation, der "Hagana", an. Die Hagana entsandte Wilhelm in geheimer Mission nach Europa zur Vorbereitung Einwanderungswilliger. Auf seiner Fahrt nach Belgien besuchte er Charlottes Eltern, um sie zu bewegen, Charlotte mitnehmen zu dürfen. Vergeblich! Wilhelm ist übrigens am 29. Juli 1948 im Befreiungskrieg des Staates Israel gefallen. Er hinterließ seine Frau Ora mit dem vierjährigen Yftach und dem Säugling Izhak. Dieser war 2005 anlässlich des 102jährigen Geburtstages der Jenny Hirsch übrigens in Homburg zu Besuch.

Reise nach Israel

Nachdem der Staat Israel ausgerufen war, willigten die Eltern schließlich ein, dass Charlotte als Touristin nach Israel fahren dürfe, um das dortige Leben kennenzulernen. In Haifa angekommen, bezog sie ein Zimmer, fand nach kurzer Zeit Beschäftigung in einer Nervenheilanstalt. Dort nahm sie Kontakt zu ihrer Großcousine Lilli Fuchs-Hirsch (Tochter von Leon Hirsch, des Inhabers des Schuhhauses Hirsch in der Eisenbahnstraße) auf. Lilli lebte mit Mann und drei Kindern in Israel. Charlotte verliebte sich schließlich in Israel in Julius Brünn, einen Emigranten aus Allenstein in Ostpreußen. Beide heirateten 1951 in Tel Aviv. Aus der Ehe gingen Sohn Avi und Tochter Riki hervor.

Avi lebt in Tel Aviv, wo ihn der Schreiber dieser Zeilen mit seiner Frau 2008 besuchte, Riki in Petack Tiqwa. Charlotte starb 2005, Julius, der als Bibliothekar im Polizeidienst arbeitete, starb 2001. Charlotte, benannt nach ihrer Urgroßmutter Charlotte Heilbronner-Einstein, nach eigener Aussage einer Verwandten Albert Einsteins, wollte nach den schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht hatte, nie mehr etwas mit Deutschland zu tun haben.

Als ihr Mann Julius bei einem deutsch-israelischen Polizistenaustausch mit deutschen Kollegen zusammentraf, begann Charlotte, ihre Einstellung zu ändern. Sie stellte ihre Vorurteile zurück, begann über ihre Odyssee zu erzählen, zumal ihr Sohn Avi während seines Studiums in Saarbrücken Homburg und den Judenfriedhof besuchte und seither intensiv Ahnenforschung betreibt. Charlotte berichtete dabei über das mutige Verhalten der Drogisten-Familie in Toulouse, das ihr einst das Leben gerettet hatte.

Zur Erinnerung an diese Menschlichkeit wurde der Familie in Yad Vashem ein Baum gepflanzt, was eine große Ehre ist. Leider in Abwesenheit der noch lebenden Tochter der Familie, die zu betagt war, um zu kommen. Ihr wurden vom Konsul Israels in Südfrankreich eine Medaille überreicht.

Brief an OB Ulmcke

Charlotte stand übrigens brieflich mit dem Homburger Oberbürgermeister Rainer Ulmcke in Verbindung. Im Stadtarchiv fand ich folgendes Schreiben vom 10.5.1983. Darin schrieb sie: "Mit vielem Dank habe ich Ihre Zeilen erhalten, in denen Sie mir mitteilen, dass meine Anregung an die Stadt Homburg, den jüdischen Mitbürgern meiner Heimatstadt am Platze der verbrannten Synagoge eine Gedenktafel zu errichten, von den Stadtvätern angenommen und errichtet werden wird. Es wird für mich eine große Genugtuung sein, wenn ich an dieser Stätte all derer gedenken darf, die leider damals unschuldig ins Verderben gestürzt wurden und lebend nicht mehr zurückkamen. In diesem Sinne grüßt Sie mit Hochachtung Charlotte Brünn, geb. Ludwig Hirsch." Von den Geschwistern Charlottes lebt nur noch Margot, die jüngste.

Sie war, wie schon erwähnt, mit den Eltern zwei Jahre bei einem Bauern in den Alpen versteckt (die Kosten dafür beglich Erich); die Nazizeit bleibt für sie ein immerwährendes Trauma. Sie wohnt heute in Südfrankreich im Altersheim. Nachkommen hat sie keine.

Überall in der Welt

Erich, der älteste Bruder, lebte in Orange und wirkte im Viehhandel. Seine einzige Tochter ist kinderlos verheiratet, sie ist Richterin in Südfrankreich.

Die älteste Schwester Anneliese war mit einem jüdischen Bauern, der aus Russland stammte, verheiratet. Er diente in den Forces Francaises Libres, in Südfrankreich hatten sie einen Bauernhof. Ihre vier Kinder leben in verschiedenen Ländern: zwei in Lothringen, eins in Paris, eins in Israel. Alfons war mit einer jüdischen Flüchtlingsfrau verheiratet, leitete einen großen Viehhandel in Südfrankreich, wo seine kinderlose Witwe bis heute lebt.

Die Familie Ludwig Hirsch symbolisiert das Schicksal der Judengemeinde Homburgs, die durch das "Tausendjährige" Reich ein Ende fand und anschließend in alle Welt verstreut wurde. Wieder einmal!

In der Allee der Gerechten in Yad Vashem wurde der Familie aus Toulouse, die Charlotte gerettet hat, ein Baum gesetzt. Foto: SZ