Das „Mensch ärgere Dich nicht“-Gefühl

Es gab einen Punkt, da hörte für meine Oma der Spaß auf. Wenn wir Kinder ihre „Männchen“ beim „Mensch ärgere Dich nicht“-Spielen rauswarfen und „in den Stall“ zurückschickten, konnte sie ziemlich sauer werden.

Da half es auch nichts, sie an den Titel des Spiels zu erinnern.

Und wenn sie dann merkte, dass es eigentlich lächerlich ist, sich bei so einem Spiel aufzuregen, weil die andern mehr Glück haben, erklärte sie uns, dass ihr Ärger ja noch gar nichts sei im Vergleich mit dem Ärger ihrer Mutter. Und dann erzählte sie uns die Geschichte, wie unsere Urgroßmutter nach einem verlorenen "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel den Kohleofen in der Küche öffnete und das Brett samt Würfel und Spielfiguren dem Feuer übergab.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Geschichte gehört habe, aber vor ein paar Tagen ist sie mir wieder eingefallen. Da hat ein Kollege erzählt, dass er am Heiligabend ein "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel unter den Christbaum gelegt hat. Zu seiner eigenen Verwunderung kam dieses 1910 erfundene Spiel besser an als alle elektronischen Games. Jedenfalls wurde an diesem Abend mit Begeisterung "Mensch ärgere Dich nicht"gespielt - und die Handys, Computer und Konsolen schwiegen.

Das wundert mich nicht. Denn die Lust, sich zu ärgern, scheint in dieser Stadt besonders groß. Ein paar Beispiele aus dieser Woche: Ein Autofahrer fährt etwas langsam. Das Kennzeichen an seinem Auto zeigt: Er ist nicht von hier. Der Fahrer des Wagens hinter ihm gestikuliert wild, hupt, steht kurz vor dem Herzinfarkt, weil der vor ihm nur 25 statt der erlaubten 30 Kilometer pro Stunde fährt.

Oder die alte Frau in der Bäckerei, die fast die Beherrschung verliert, weil die junge Mutter vor ihr erst mal ihrem quengelnden Kind einen Schnuller sucht, bevor sie ihre Bestellung aufgibt.

Oder der Typ auf der Post, der fast irre wird, weil der Postbeamte ein kurzes Schwätzchen mit einer älteren Dame hält, während er zwei Minuten warten muss.

Oder der Mann, der kerngesund scheint, seinen Wagen trotzdem auf den Behindertenparkplatz gestellt hat und sich über das Knöllchen an der Windschutzscheibe aufregt, weil er nur ganz kurz etwas erledigen musste.

Ich ärgere mich nicht mehr über diese sich ärgernden Menschen. Ich schmunzle und denke: Geht doch lieber nach Hause und verbrennt ein "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel.