1. Saarland

Das heilsame Saarland-Syndrom

Das heilsame Saarland-Syndrom

Ich gestehe. Als ich ins Saarland zog, befürchtete ich kurz, mein Leben wegzuwerfen. Schuld waren einige Hamburger, die mich fragten, was mich "zu diesen Hinterwäldlern" treibe. Auch einige Saarländer bemitleideten oder beschimpften mich sogar: "Von Hamburg nach Saarbrücken? Sie Idiot!", schrie ein Saarbrücker Taxifahrer

Ich gestehe. Als ich ins Saarland zog, befürchtete ich kurz, mein Leben wegzuwerfen. Schuld waren einige Hamburger, die mich fragten, was mich "zu diesen Hinterwäldlern" treibe. Auch einige Saarländer bemitleideten oder beschimpften mich sogar: "Von Hamburg nach Saarbrücken? Sie Idiot!", schrie ein Saarbrücker Taxifahrer. Ich bekam leichte Zweifel, und das gute Bauchgefühl, das mich hergeführt hatte, verwandelte sich in ein flaues. Acht Monate später bin ich bereits ein Möchtegern-Saarländer, der Schwenken mit Nachbarn, Schwätzen mit Lesern und das "Meeresrauschen" der Saarbrücker Stadtautobahn schätzt. Mein Wohlbefinden liegt nicht zuletzt am Saarland-Syndrom: Die Warnungen ließen mich die Hölle erwarten - und im Verhältnis dazu das Paradies vorfinden. Das Saarland-Syndrom ist das Gegenteil vom Paris-Syndrom, über das ich mal geschrieben habe: Es befällt vor allem japanische Touristen, die in Paris ein romantisches Schlaraffenland erwarten - und auf Taschendiebe sowie brüllende Kellner treffen und in einen der vielen Hundehaufen treten. Einige sind davon derart schockiert, dass sie von der japanischen Botschaft "evakuiert" und in die Heimat geflogen werden müssen. Im Saarland würde das nicht passieren, im Gegenteil. Deshalb plädiere ich dafür, das Saarland-Syndrom zu nutzen, um den Bevölkerungsschwund in unserem Bundesland zu stoppen: Saarland-Skeptiker sollten unter einem Vorwand hierher gelockt, notfalls auch hierher verschleppt werden. Das Syndrom wird dafür sorgen, dass sie sich in das Saarland verlieben und hier sesshaft werden.

Gregor Haschnik wurde im polnischen Kattowitz geboren, wuchs bei Frankfurt am Main auf, studierte in Hamburg und berichtete aus Paris. Sein Volontariat führt ihn derzeit täglich von Saarbrücken nach Merzig. An dieser Stelle schildert er Eindrücke aus seiner Wahlheimat.