"Das Exil umschloss uns brüderlich"

"Das Exil umschloss uns brüderlich"

Vielleicht sind in unserem Land noch nie so merkwürdige Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekappt worden aus einem Anlass, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so dass die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen

Vielleicht sind in unserem Land noch nie so merkwürdige Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekappt worden aus einem Anlass, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so dass die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen."So beginnt der weltbekannte Roman von Anna Seghers Das siebte Kreuz. Als dieses Buch zum ersten Mal 1942 in einer amerikanischen Ausgabe herauskam, lebte Anna Seghers mit ihrer Familie im Exilland Mexiko, wie auch Gustav Regler und seine Frau Marie Luise Vogeler-Regler. Über Nacht wurde dieser Roman aus dem Milieu des nationalsozialistischen Deutschlands ein Bestseller (ebenso wie kurz danach die deutsche Ausgabe im Exilverlag El Libro Libre und ein Film) und ermöglichte es der Schriftstellerin von diesem Zeitpunkt an, auf die Unterstützung der Hilfsorganisationen im Lande zu verzichten. Die schriftstellerischen Bemühen von Gustav Regler waren dagegen weniger spektakulär und weniger erfolgreich. Egon Erwin Kisch, sein einstiger Freund und nun entschiedener Verleumder, verstieg sich in der mexikanischen Zeitschrift Freies Deutschland sogar zu der Aussage "Regler ist der Autor, der sich von seinen Büchern dadurch unterscheidet, dass die letzteren nicht verkäuflich sind".

Diese Anspielung bezog sich auf den kommerziellen Misserfolg des Spanienbuches The great crusade und bezichtigte Regler zugleich als Denunziant im französischen Lager Le Vernet während seiner Inhaftierung. Eine Behauptung übrigens, die inzwischen durch andere Zeugnisse widerlegt wurde.

Was das Exilland Mexiko selbst angeht, so konstatierte Gustav Regler bei seiner Ankunft am 18. September 1940: "Ich fühle die Erregung eines neuen Lebensraumes [...] Kann sein, dass mit guter Auslese der Freunde und neu gewonnener Weisheit man dieses Land sehr lieb gewinnt." Anna Seghers dagegen stellte Anfang 1943 fest: "Mexiko ist ideal für Künstler. Die Atmosphäre ist anregend. Aber ich glaube nicht, dass ich je darüber schreiben werde." Schon seit Juni 1941, als sie in Veracruz mit ihrem Mann Lázlo Radváyi und den Kindern Peter und Ruth nach langer Odyssee von Bord gegangen war, wäre eigentlich genügend Zeit zum Einleben gewesen. Ihre Kinder hatten sich integriert, ihr Mann hatte eine Stelle als Professor der Ökonomie an der Arbeiter-Universität, später an der Nationalen Universität von Mexiko, alte Freunde wie Bruno Frei, Theo Balk, Steffie Spira traf sie wieder, und sie selbst nahm in der Gruppe der deutschen Antifaschisten eine anerkannte, aktive Rolle ein. So übernahm sie etwa den Vorsitz des neu gegründeten Kulturvereins Klub Heinrich Heine. Sowohl die Vereinigung Freies Deutschland wie die Arbeit an der Zeitschrift gleichen Namens als auch die Exilorganisation Liga pro cultura alemana en México, die sich dem Kampf gegen Hitler verschrieben hatten, einten Seghers und Regler und andere zunächst in gleicher Gesinnung.

Es würde hier zu weit führen, jedes Detail der Polemik aufzuzeigen, die sich dann nach dem Ende der deutsch-sowjetischen Paktperiode zwischen Gegnern und Anhängern der Kommunisten entspannte und eskalierte. Jedenfalls trat der ehemalige Parteianhänger Gustav Regler im Februar 1942 aus der Liga aus und vermerkte in seinem Tagebuch: "Austritt aus der Liga. Weg frei für Stalins Kellerasseln." Und an den Kollegen Hans Sahl nach New York schrieb er: "Die alten Freunde haben einen Gasangriff auf mich konzentriert, der bis zu Morddrohungen geht; ich bin ein Hindernis auf ihrem Weg zu einer neuen freien Lügentribüne." Seine politische und soziale Isolation wurde gemildert durch die neuen Freundschaften, vor allem mit den surrealistischen Malern und Schriftstellern wie Wolfgang Paalen und Benjamin Péret.

Regler wandte sich darüber hinaus noch stärker der mexikanischen Kultur und Geschichte zu, reiste durchs Land, erweiterte seine Kenntnisse durch archäologische Studien. Die alten Mythen interessierten den Gläubigen. Das alles fand dann später in den Mexikobüchern von Regler Amimitl und Vulkanisches Land/Verwunschenes Land Mexiko seinen Niederschlag.

Für Anna Seghers kam 1943 die Krise auf andere Art, indem sie Nachricht erhielt von der Deportation und dem Tod ihrer Mutter in einem Konzentrationslager bei Lublin/Polen, von der starken Zerstörung ihrer Heimatstadt Mainz erfuhr und selbst einen schweren Verkehrsunfall erlitt, der sie zu monatelangem Krankenhausaufenthalt zwang.

Die Themen ihrer neuen Werke waren weiterhin nicht in ihrem Gastland angesiedelt. So beschrieb sie in Die Toten bleiben jung die Berliner Ereignisse 1918/1919 mit dem Spartakusaufstand und dessen blutiger Niederschlagung. Und die Erzählungen Transit und Der Ausflug der toten Mädchen streifen nur kurz am Rande mexikanische Gegebenheiten.

Als das erwartete Kriegsende 1945 sich endlich abzeichnete, dachten viele Emigranten an ihre Heimkehr nach Europa. Die Kinder Seghers zog es nach dem geliebten Frankreich zum Studium, Anna Seghers nach Deutschland - trotz jüdischer Wurzeln und vielen Vorbehalten gegenüber ihren Landsleuten. Denn wie sie ihrem Sohn vermittelte: "Ein Schriftsteller kann nicht lange außerhalb des Landes leben und arbeiten, in dem man seine Sprache spricht."

Gustav Regler blieb in Mexiko, heiratete nach dem Tod seiner zweiten Frau die Amerikanerin Margret Paul, baute sich ein Landhaus, wurde aus finanziellen Gründen im Nebenberuf Farmer und Hotelier. Und hoffte auf Einreiseerlaubnis nach Amerika, um damit eine Plattform als Schriftsteller zu finden, erhoffte sogar eine Professur an einer Universität. Ich denke, er suchte zunächst vor allem den Abstand zu Europa und dem politischen Tagesgeschehen inklusive der einsetzenden so genannten Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland. Ich sage zunächst, da Regler in den 50er Jahren sowohl wieder viel durch Europa reiste als auch sich einmischte und in Aufsätzen und Rundfunkbeiträgen z. B. die Wiederbewaffnung und die Machtpositionen von ehemaligen Nazis wie Globke stark kritisierte.

Bevor wir uns dem weiteren Leben und Wirken unserer zwei Protagonisten zuwenden, möchte ich noch auf die frühere Verbindung der beiden im zunächst nicht besetzten Exilland Frankreich eingehen.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wurde Anna Seghers aus ihrer Wohnung in Berlin-Zehlendorf zum Verhör abgeführt. Durch die Heirat mit einem Ungarn hatte sie die ungarische Staatsangehörigkeit, sodass man sie nach Stunden wieder nach Hause gehen ließ. Sie flüchtete sofort in die Schweiz, konnte in Straßburg im Juni die beiden Kinder aus der Obhut der Mutter entgegennehmen und floh dann weiter nach Paris zu ihrem Mann, wo die Familie kurz danach eine kleine Mietwohnung in Bellevue -Meudon bei Paris bezog. Dort trafen sich ziemlich regelmäßig Freunde aus Paris wie die Schriftsteller und Journalisten Egon Erwin Kisch und seine Frau Gisl, Kurt Stern, Alexander Abusch, Otto Katz, um nur einige zu nennen. Und auch Gustav Regler, der inzwischen ja ausgebürgert worden war, gehörte zu diesem Kreis.

Da war die Welt im inneren Kreis noch in Ordnung! Eine nahezu familiäre Geste zeugt davon. Zum 13. Geburtstag von Peter Seghers im April 1939 dichteten und malten gemeinsam für ihn die vorgenannten Personen, deren politische Gemeinsamkeit als Antifaschisten sie ansonsten auch im Alltag damals einte.

So arbeitet Regler am Braunbuch, Seghers gehörte dem Redaktionsausschuss der Exilzeitschrift Neue Deutsche Blätter an, sie beteiligten sich an der Neugründung des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und engagierten sich bei der Vorbereitung des Kongresses für die Verteidigung der Kultur 1935 in Paris, wo beide auch als Redner auftraten. Anna Seghers sprach zum Thema "Nation und Kultur" über Vaterlandsliebe, und Gustav Regler hielt zum Thema "Die Verteidigung der Kultur" eine provokante, von der Parteilinie abweichende Rede. Und auch beim Schriftstellerkongress in Barcelona 1937 waren beide Autoren aktiv. Noch eine (traurige) Gemeinsamkeit ist zu erwähnen. Beim Einmarsch der deutschen Truppen 1941 floh Seghers mit den Kindern in den unbesetzten Teil Frankreichs, während sowohl ihr Mann als auch Gustav Regler in Le Vernet inhaftiert wurden. Beider Wohnungen wurden von der Gestapo durchsucht und geplündert.

Kehren wir ins Jahr 1947 zurück. "Die Rettung und Neuinterpretation von missbrauchten Begriffen wie Vaterland, Heimat und Volk" und "Deutschland als das Ziel all ihres Tuns und Schreibens" (Zitate aus Rückkehr von B. Stephan) waren Gründe, die zur Heimkehr von Anna Seghers führten. Im Gegensatz zu anderen Rückkehrern, die Schwierigkeiten hatten, Arbeit und neue Anerkennung zu finden, wurde die Schriftstellerin gleich mit Ehrungen und Preisen bedacht wie 1947 mit dem Darmstädter Büchner-Preis und 1951 mit dem Stalin-Friedenspreis in Berlin-Ost. Im Weltfriedensrat war sie ein beachtetes Mitglied, und 1947 wurde sie aufgefordert, auf dem (noch gesamtdeutschen) Schriftstellerkongress zu reden.

Posthum wurde ihr Briefwechsel von 1947 veröffentlicht, der in den Reflektionen der Schriftstellerin aber auch die Probleme der Emigrantin aufzeigen, die in der zerstörten und verstörten Heimat leidet wegen der Verwahrlosung der Menschen und der eigenen Fremdheit. Hier im Volk der kalten Herzen ist der bezeichnende Titel. Nach der Teilung Deutschlands im Oktober 1949 entschied sich Seghers, in den Osten zu ziehen, und wurde dort bald mit wichtigen Funktionen betraut, wie etwa mit dem Vorsitz des DDR-Schriftstellerverbandes, den sie von 1952 bis 1978 innehatte.

Doch diese Idylle war trügerisch. Auch wenn der Aufbau-Verlag mit der Edition der Gesammelten Werke in Einzelausgaben begann, so fehlte - bedingt durch den Kalten Krieg - der Kontakt zu westdeutschen Verlagen und dem Leserpublikum. Ihr Radius war zunächst stark eingeengt, und die Atmosphäre zwischen den ehemaligen Moskau-Exilanten, die nun die Macht "drüben" hatten und den so genannten Westemigranten, die mit großem Misstrauen beobachtet wurden, war gespannt. Wie sich Geschichte wiederholt!

Später konnte Anna Seghers weltweit reisen, reden und agieren. Bedauerlicherweise blieb sie aber stumm gegenüber den Verhältnissen in der DDR. Für die Unzähligen, die flüchteten oder in Gefängnissen saßen, erhob sie nicht ihre Stimme, selbst nicht für ihre einstigen Mitstreiter und Exilgefährten wie etwa für ihren Verleger Walter Janka vom Aufbau-Verlag.

Der Fairness halber sind aber doch noch die späten Erzählungen zu erwähnen, die zusammengefasst in einem Band seit ein paar Jahren vorliegen. Sie verraten, dass die Autorin tief in Zweifel und Schmerz versunken war ob des stalinistischen Ulbricht-Regimes und im Verborgenen versuchte, Einfluss zu nehmen, doch ohne Erfolg. Übrigens findet sich im Erzählband dann auch eine Geschichte, die in Mexiko angesiedelt ist: Das wirkliche Blau, welches vom Töpfer Benito berichtet und seiner Zuversicht, trotz kriegerischer Umstände sein Ziel zu erreichen und die wunderbare Farbe für seine Kunst zu finden. Eine Botschaft also.

Apropos Aufbau-Verlag. Hier schließt sich für mich der Kreis zwischen Anna Seghers und Gustav Regler.

1980 erhielt ich direkt vom Aufbau-Verlag, damals (Ost-)Berlin bzw. Weimar einen Anruf, ob ich für eine dreibändige Ausgabe von Deutschsprachigen Erzählungen im Zeitraum 1900 bis 1945 eine Abdruckerlaubnis geben würde. Zu meiner erstaunten Frage nach der bekannten Wahrnehmung von meinem Onkel in der DDR als Renegaten, meinte mein Gesprächspartner, dass sie sich dessen weiterhin bewusst wären, aber die beispielhafte Erzählung Ackermann von Regler in der Edition nicht missen wollten. So kam es dann zur Veröffentlichung in Band III. Und Band II beinhaltet von Seghers die Erzählung Bauern von Hruschowo.

Einen Seitenhieb konnte sich der Verlag im biographischen Teil aber nicht verkneifen: "Gustav Regler [...] 1939/40 im KZ Le Vernet inhaftiert, dort Preisgabe seiner revolutionären Vergangenheit, verließ die Reihen der KPD." Folgerichtig beschränkten sich auch die bibliographischen Angaben zu Regler auf die 30er Jahre, ausgenommen der 1947 erschienenen Mexikobücher. Welche Karriere hätte Gustav Regler gemacht, wäre er nicht zum Renegaten geworden und stattdessen nach Kriegsende wie Anna Seghers, Bertolt Brecht oder Johannes R. Becher nach Ost-Berlin gegangen? Müßig natürlich, sich diese Frage zu stellen und der Phantasie Raum zu geben. Es ist gut, dass es anders im Leben des saarländischen Weltbürgers gekommen ist, der sich auf seine Weise von allen doktrinären Ideologien endgültig freimachte.

Abschließend ist festzuhalten, dass das Exilland Mexiko keineswegs die Geflüchteten "brüderlich umschloss", wie Regler in seiner Autobiographie verklärend schrieb und damals erhoffte. Er hat aber zeitlebens dessen Faszination erlebt und vermittelt und auf die Frage in einem Interview 1961 "Warum leben sie nicht in der Bundesrepublik?" geantwortet: "Ich bin hier in Mexiko, weil es das einzige Land der Erde war, das mir die Staatsbürgerschaft anbot, und wo ich sowohl nach alten Schätzen graben durfte als auch Bäume pflanzen. Ich bin hier, weil ich nach sechs Monaten Reise durch Europa jedes Jahr ein Gleichgewicht brauche. Es ist noch Magie um mein Haus und die Freundlichkeit von Menschen, die grüne Finger haben. Ich bin wegen des Friedens hier - und meiner Pferde." "Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns aufnahm."

Bertolt Brecht

"Wir fühlten alle, wie tief die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar."

Anna Seghers

"Wer aufbricht, stündlich, von sich selber, hat sein Heim gefunden."

Gustav Regler

Hintergrund

Der Merziger Schriftsteller Gustav Regler hatte Kontakte zu vielen Prominenten seiner Zeit. Seine Nichte Annemay Regler-Repplinger beschäftigt sich aus Anlass der Gustav-Regler-Preisverleihungen 2011 durch die Stadt Merzig an Hans Arnfrid Astel und des SR an Cordula Simon und der Uraufführung des neuen Dokumentarfilmes über Regler von Boris Penth (Festakt 29. Mai, Merzig, Stadthalle) mit der Schriftstellerin Anna Seghers und deren Verbindungen zu Gustav Regler. red

ZUR PERSON

Anna Seghers, eigentlich Netty Reiling (1900-1983), zählt zu den großen deutschen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. 1928 trat sie der KPD bei, flüchtete 1933 mit der Familie nach Frankreich, 1941 weiter nach Mexiko. Seghers arbeitete engagiert in den Exilorganisationen des jeweiligen Landes. 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück. Bis zu ihrem Tod nahm sie eine bedeutende Stellung im kulturellen und politischen Leben der DDR ein. red

Mehr von Saarbrücker Zeitung