73-jährige Großmutter aus Tholey in ukrainische Kriegsgebiet abgeschoben: Das Abschiebe-Kommando kam um vier

73-jährige Großmutter aus Tholey in ukrainische Kriegsgebiet abgeschoben : Das Abschiebe-Kommando kam um vier

Eine 73-jährige Großmutter wurde morgens um vier Uhr aus Tholey in ukrainisches Kriegsgebiet abgeschoben. Die Familie ist verzweifelt.

Es sind traumatisierende Szenen, die sich frühmorgens um vier Uhr am 26. September in der Metzer Straße in Tholey abspielen. Ein Polizei-Kommando und ein Arzt stehen vor der Tür der Familie Beuerlein. Sie wollen Nina Ivoilova, 73, abholen und nach Frankfurt zum Flughafen bringen. Dort soll die ukrainische Rentnerin in ein Flugzeug nach Kiew gesetzt werden. „Als ich aufwachte von den lauten Stimmen, bin ich aufgesprungen und sah meine Oma, wie sie auf dem Bett lag und röchelte“, sagt die Enkelin Anastasia Beuerlein, 16, Gemeinschaftsschülerin in Marpingen. Sie habe ihrer Oma den Koffer gepackt. „Nur 50 Minuten zum Abschied haben sie uns gegeben“, sagt Tetjana Beuerlein, 51, die Tochter von Nina Ivoilova, unter Tränen. Sie sei zwei Mal ohnmächtig geworden an diesem Morgen, ebenso ihre Mutter. Doch der Amtsarzt habe sie als „transportfähig“ bezeichnet. Carlo Beuerlein, 54, der Mann von Tetjana, mit dem sie seit 1998 verheiratet ist und in Tholey lebt, sagt: „Dann wollten sie auch noch eine Hausdurchsuchung machen, weil der Reisepass meiner Schwiegermutter nicht da war. Dabei hatte sie den bereits bei der Ausländerbehörde abgeben müssen. Ein andere Polizeistreife tauchte noch auf, die den Pass brachte.“

Die Familie Beuerlein bekommt jenen schrecklichen Morgen nicht mehr aus dem Kopf. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass der deutsche Staat so grausam sein kann, sagt Tetjana Beuerlein. „Meine Mutter ist doch dem Staat niemals zur Last gefallen. Sie hat hier bei uns ganz ohne Ansprüche gelebt“, sagt die Tochter, die immer wieder weint, während sie berichtet.

Nina Ivoilova kommt aus Donezk in der Ost-Ukraine. Die Rentnerin, die seit einem Autounfall fast taub ist, hat ihre einzigen Angehörigen, ihre Tochter, den Schwiegersohn und die beiden Enkelinnen Anastasia und die zwölfjährige Sophia, die Gymnasiastin in St. Wendel ist, in den vergangenen Jahren öfters besucht. Im Frühjahr 2014 war Nina Ivoilova nach Tholey gekommen um ihrer Tochter zu helfen, da Carlo schwer erkrankte. In der Ukraine begann der Krieg, es gab kein Zurück nach Donezk. Mit Hilfe des Anwalts Hans Podewin haben die Beuerleins dann versucht, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für die Rentnerin zu bekommen. Doch die Versuche scheiterten vor dem Verwaltungsgericht. Die Saar-Härtefallkommission konnten die Beuerleins nicht mehr einschalten, da die Abschiebung direkt nach dem Gerichtsbeschluss erfolgte. „Ich habe auch den Bundespräsidenten Steinmeier und die Petitionsausschüsse von Bundestag und Landtag um Hilfe gebeten. Aber niemand hilft uns“, erklärt Tetjana Beuerlein, eine ausgebildete Dolmetscherin, die im Saarland bügeln geht, weil ihre Abschlüsse aus der Ukraine nicht anerkannt werden. Nach Auskunft des Auswärtigen Amtes in Berlin wird in Donezk weiter von beiden Seiten mit Artillerie gefeuert. Dort muss Nina Ivoilova versuchen zu überleben, wie die Familie erzählt. Nach der Abschiebung kam die völlig verstörte Rentnerin in Kiew am Flughafen an, wo sie niemanden kennt. Über Internet hatte ihre Tochter aus Tholey kurzfristig eine Helferin gefunden, so dass die 73-Jährige am Flughafen nach einer rüden Behandlung durch die Polizei von Jana Mamaisur abgeholt wurde. Dieser Helferin wollte die Großmutter nicht zur Last fallen. Und fuhr weiter mit dem Bus ins Kriegsgebiet. „Die Häuser bei meiner Mama sind alle zerschossen. Bei meiner Mama sind die Scheiben teilweise kaputt, es gibt kein Trinkwasser. Das muss sie sich zwei Kilometer entfernt holen“, beschreibt Tetjana Beuerlerin die Lage ihrer Mutter. Die lebt jetzt von den 300 Euro, die die Familie Beuerlein ihr bei der Abschiebung mitgeben konnte. Denn ein Sozialsystem existiert nicht in Donezk, täglich wird ihr Haus vom Granatfeuer erschüttert.

Carlo (von links), Tetjana, Anastasia und Sophia Beuerlein in Tholey. Foto: Dietmar Klostermann
Ein zerstörtes Wohnhaus im ost-ukrainischen Donezk nahe der Wohnung von Nina Ivoilova. Foto: Nina Ivoilova

Der Tholeyer Bürgermeister Hermann Josef Schmidt (CDU) sagt: „Ich bedauere die Abschiebung. Aus humanitären Gründen ist das schwer verständlich.“ Doch es habe das Urteil gegeben. „Ich habe Familie Beuerlein an den Petitionsauschuss des Landtags verwiesen“, sagt Schmidt. Katrin Thomas, Sprecherin von Saar-Innenminister Klaus Bouillon (CDU), erklärt dazu: „Frau Ivoilova und ihre Familie wurden mehrfach auf die geltende Rechtslage und die bestehende Ausreiseverpflichtung und die Möglichkeit einer freiwilligen Rückkehr hingewiesen.“ Zudem sei die Ukrainerin informiert worden, dass sie ihre Familie in Tholey im Falle einer freiwilligen Ausreise besuchen könne. „Da eine freiwillige Ausreise nicht erfolgt war, hatte die Abschiebung auf der Grundlage des  Aufenthaltsgesetzes zu erfolgen“, so Thomas. Die Abschiebung habe wegen des Flugs so früh stattfinden müssen. Zudem gebe es in der Ukraine auch sichere Gebiete, wo sich Frau Ivoilova niederlassen könne. Tetjana Beuerlein, die per Handy sporadisch ihre Mutter erreicht, ist so verzweifelt, dass sie kurz davor steht, selbst nach Donezk zu fahren, um ihre Mutter da herauszuholen. Aber wohin dann? „Ich weiß es nicht“, sagt sie. Und weint.

Mehr von Saarbrücker Zeitung