1. Saarland

Da hat sie was ganz falsch verstanden

Da hat sie was ganz falsch verstanden

Theas Küchenfenster ist gekippt. Einen winzigen Spalt nur. Und doch ist die Stimme meiner besten Freundin draußen laut und deutlich zu vernehmen. Just als mein Kumpel Tobi vorbeischlendert. Besorgt wirft er einen Blick in die zweite Etage. Dort, wo Thea dröhnt. Wie ein Oberstleutnant. Gibt Befehle im schnittigen Ton. Fordert Gehorsam. Nur von wem? Sie ist Single

Theas Küchenfenster ist gekippt. Einen winzigen Spalt nur. Und doch ist die Stimme meiner besten Freundin draußen laut und deutlich zu vernehmen. Just als mein Kumpel Tobi vorbeischlendert. Besorgt wirft er einen Blick in die zweite Etage. Dort, wo Thea dröhnt. Wie ein Oberstleutnant. Gibt Befehle im schnittigen Ton. Fordert Gehorsam. Nur von wem? Sie ist Single. Vielleicht deswegen? Thea brüllt wie vor einer Kompanie auf einem Truppenübungsplatz.Tobi traut sich trotzdem an ihre Haustür. Drückt allerdings nur zaghaft den Klingelknopf. Zwischen Theas Getöse vernimmt er ein kurzes Summen des elektronischen Geläuts. Die Pforte öffnet sich. Theas feuerroter Kopf leuchtet ihm entgegen. Wie eine Herrschsüchtige blökt sie: "Komm rein!" Tobi pariert. Will nicht über die Konsequenzen einer Verweigerungshaltung seinerseits nachdenken.

Devot fragt er: "Alles klar bei Dir?" Die Worte sind noch nicht verklungen, da reagiert Thea, als hätte sie den lieben ganzen Tag auf nichts anderes als auf diese eine alles entscheidende Frage gewartet: "Nichts ist klar! Überhaupt nichts!" In jenem Augenblick stolziert aus dem Wohnzimmer ein graues Fell um die Ecke. Reibt sich genüsslich an der Türzarge. Zottelt neugierig auf Tobi zu. Schleicht um seine Beine. Theas neuste Errungenschaft - ein Stubentiger. "Er gehorcht nicht. Macht, was er will. Schau nur, die ganze Küche hat er verwüstet: Mit dem Katzenstreu den Boden in ein Kiesbett verwandelt." Thea kriegt sich nicht ein: "Das Vieh führt einen psychologischen Krieg gegen mich!" Und zeigt auf die Gardine, beziehungsweise auf deren kläglichen Überrest. Thea klagt ihr Leid. Ausführlich. Sie wollte ein unterwürfig, treues, anschmiegsames Haustier haben. "Was hab' ich bekommen? Ein intelligent bösartiges Wesen!"

Tobi weiß um die Starrköpfigkeit von Kater und Co. Hat eigentlich niemand Thea aufgeklärt, dass Katzen nicht apportieren? Und will ihr demnächst einen Hund schenken. Tobi liebäugelt mit 'nem aufmüpfigen Rauhaardackel . . .