1. Saarland

Corona-Krise: Erster Tag der Lockerungen der Beschränkungen im Saarland.

Lockerung der Corona-Beschränkungen : Rückkehr zur Normalität wird Geduldsprobe

Im Saarland haben seit Montag etliche Geschäfte wieder geöffnet. Am Homburger Wertstoffhof bildeten sich am ersten Tag lange Blechlawinen.

Im Akkord zerrt Timo Stolz ausgediente Elektrogeräte aus dem Anhänger. Hinter seinem Sprinterbus stapeln sich bereits Waschkörbe voller Haushaltsschrott, die ebenfalls darauf warten, in hohem Bogen in die riesigen Container zu fliegen. Es sei jetzt Zeit, „Tabula rasa zu machen“, sagt Stolz lachend. Der Homburger ist einer der Ersten, der seinen Sperrmüll wieder entsorgen kann. Und definitiv nicht der letzte an diesem Montag.

Wer seinen Müll loswerden will, braucht allerdings Geduld. Sehr viel Geduld. Obwohl der Wertstoffhof „Am Zunderbaum“ in Homburg regulär erst um elf Uhr öffnet, drängen sich etliche Autos bereits eine Stunde zuvor dicht an dicht auf der Zufahrt. Zurück bis zur Bundesstraße 423 staut sich der Verkehr. Die meisten Fahrer nehmen die lange Wartezeit jedoch gelassen. „Von der Einfahrt bis hierher habe ich es schon geschafft, und es hat gerade einmal 45 Minuten gedauert“, ruft einer von ihnen, der mit Wagen samt Anhänger irgendwo auf halber Strecke inmitten der Blechlawine feststeckt. Weniger freundlich reagieren dagegen einige Lkw-Fahrer, denen der Weg zum Industriegebiet versperrt ist. Meilenweit ist ihr Hupkonzert zu hören.

Es scheint, als habe sich bei den Leuten eine Mischung aus Frühjahrsputz und Corona-Frust breitgemacht. Viele nutzen den ersten Tag der Lockerungen der Einschränkungen auch, um etwas Abwechslung in ihren Alltag zu bringen. „Wir hatten schon mit ordentlich Betrieb gerechnet, aber das ist Wahnsinn“, sagt Baubetriebshof-Leiterin Melanie Boßlet und versucht, in all dem Chaos nicht den Überblick zu verlieren. Wegen des erwarteten Ansturms wurde das Personal aufgestockt. Wo normalerweise drei Mitarbeiter im Einsatz sind, helfen an diesem Montag fünf.

Dafür hakt es an anderer Stelle: Die Rampe an den Containern ist für zwei Autos zu schmal. Deshalb werden fünf Fahrzeuge maximal auf das Wertstoffhof-Gelände gelassen. Die Leute fahren hoch, geben ihren Müll ab und erst, wenn einer wieder draußen ist, darf der nächste einfahren, erklärt Boßlet. Und auch hier gilt: Überall müssen Abstandsregeln eingehalten und Hygienemaßnahmen umgesetzt werden. Alle Mitarbeiter tragen Schutzmasken.

Für Melanie Boßlet ist der Wertstoffhof allerdings nicht die einzige Herausforderung an diesem Montag. Bereits zwei Stunden zuvor steht die Baubetriebshof-Chefin nur wenige Kilometer entfernt in der Neuen Industriestraße. Hier ist die Lage entspannt, Boßlet und ihre Mitstreiter hatten mit mehr Frequenz gerechnet. Es ist ein schnelles Kommen und Gehen auf der neuen zentralen Grünschnitt-Annahmestelle: Im Minutentakt fahren die Autos vor, laden Hecken, Äste oder Grasreste ab und sind kurz darauf wieder verschwunden. Alles läuft reibungslos.

Etwas zu ruhig geht es für den Geschmack einiger Händler zur gleichen Zeit in der Homburger Innenstadt zu. Obwohl der erste Einkaufsbummel seit Wochen möglich ist, bleibt das sonst so rege Treiben in der Fußgängerzone weitgehend aus. Nur langsam nimmt das öffentliche Leben Fahrt auf. Fast schon surreal wirkt die Szenerie im Saarpfalz-Center. Bis auf die kleine Bäckerei und den Schreibwarenladen sind alle Geschäfte des Einkaufzentrums geschlossen. Selbst die Rolltreppe steht still, ein Großteil der Beleuchtung ist ausgeschaltet. „Es ist schon ein bisschen gespenstisch, wenn man quasi im Dunkeln auf Kundschaft wartet“, sagen die beiden Verkäuferinnen. Sie hoffen, dass bald wieder mehr Leben im Saarpfalz-Center einkehrt.

Diesen Wunsch hegt auch Wolfgang Welsch, der mit seiner Frau Pia auf der gegenüberliegenden Seite der Talstraße einen Buchladen betreibt. Nach fast fünf Wochen Zwangspause laufe das Geschäft eher schleppend an, erklärt er. „Das geht an die Existenz. Bei den Gastronomen frage ich mich, wie die überleben wollen.“ Dank eines Lieferservices seien ihm die Einnahmen wenigstens nicht komplett eingebrochen, sagt Welsch, auch der Onlineshop sei gut angenommen worden von den Kunden. Dennoch habe er alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen.

Damit seine Buchhandlung im Falle eines Corona-Verdachts nicht komplett lahmgelegt wird, fahren Welsch und seine sieben Mitarbeiter in zwei Schichten, die nicht miteinander in Kontakt kommen. Zusätzlich dürfen höchstens zehn Kunden gleichzeitig in den 260 Quadratmeter großen Laden, um nach Lesefutter zu stöbern. „Es ist gut, dass wir jetzt kein Weihnachtsgeschäft haben. Dann wäre die Lage noch viel schlimmer“, betont Welsch.

In Saarbrücken verschaffen sich derweil Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) und Fabian Schulz, Geschäftsführer des saarländischen Einzelhandelsverbands, gemeinsam einen Eindruck von der Lage. Ihr Spaziergang durch den Einkaufsbereich der Landeshauptstadt beginnt beim Taschengeschäft Leder Spahn in der Bahnhofsstraße. Diese wirkt zwar belebt und auch ein Straßenmusiker setzt auf die Wiedereröffnung kleinerer Läden. Doch nach Einschätzung von Leder-Spahn-Inhaber Michael Genth sind in der Fußgängerzone zwei Drittel weniger Menschen unterwegs als in normalen Zeiten. „Im Geschäft waren es heute bisher nur zehn bis 15 Prozent“, berichtet der 49-Jährige. Laut Genth kaufen die Menschen vor allem Waren wie Schulranzen oder eine Tasche für die Oma zum Geburtstag – und folgen damit unwissentlich Rehlingers Appell, sich beim Einkaufen auf das Wichtigste zu beschränken, statt zu den gewohnten Shoppingtouren durch die Läden zu ziehen.

Dass diese Einschränkung nicht allen Kunden leicht fällt, zeigt sich bei Bock und Seip. „Man merkt, dass die Leute ausgehungert sind“, sagt Buchhändlerin Ingrid Schaefer. Das Geschäft versucht, seine Kunden mit Desinfektionsspendern am Eingang sowie Richtungspfeilen auf dem Boden zu erziehen. Zudem achten die Mitarbeiterinnen darauf, dass nie zu viele Menschen gleichzeitig in dem Laden sind. Das Bekleidungsgeschäft Stoffwechsel, Schulz‘ und Rehlingers letzte Station, sperrt seine Verkaufsräume sogar mit einer Schnur ab, sobald dort mehr als zwölf Kunden sind. Jeder weitere muss klingeln und warten. „Die Einzelhändler kommen mit den Vorgaben gut zurecht“, befindet Rehlinger nach der Stippvisite in der Fußgängerzone. „Viele Läden finden ganz eigene Lösungen, um die Richtlinien einzuhalten.“ Wie es weitergehe, entscheide sich auch daran, wie viele Kunden in den nächsten Wochen zum Einkaufen in die Geschäfte kommen.

Auch das Fashion Outlet in Zweibrücken ist wieder geöffnet. Am frühen Nachmittag ist dort von langen Staus und Verkehrschaos nichts zu sehen. Überschaubar ist auch der Betrieb im Outlet selbst. Lediglich 18 der rund 120 Geschäfte haben geöffnet, im Laufe der Woche sollen laut Management aber weitere dazukommen. Viele der Besucher haben ganz schön weite Wege auf sich genommen. Aus Zweibrücken oder Pirmasens stammen unter den zu diesem Zeitpunkt etwa hundert geparkten Fahrzeugen die wenigsten, stattdessen reicht die Bandbreite einmal quer durchs Land: Birkenfeld, Kaiserslautern, Mainz, Bad Kreuznach, Karlsruhe, Wolfsburg, Düren, Darmstadt, Frankfurt und selbst ins bayrische Aschaffenburg.

Deutlich ruhiger lief der erste Tag nach der Wiedereröffnung in der Homburger Buchhandlung Welsch an. Foto: Oliver Dietze
Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (Mitte) informierte sich bei Geschäftsleuten in der Saarbrücker Innenstadt über die Ladenöffnungen. Foto: BeckerBredel

Die saarländischen Nachbarn wie Homburg, Saarlouis, Neunkirchen und Saarbrücken waren zwar auch vertreten, allerdings ebenfalls in überschaubarer Menge. Diese hatten womöglich Angst, damit gegen die saarländische Corona-Verordnung zu verstoßen, die die Öffnung von Geschäften mit mehr als 800 Quadratmetern verbietet. Doch das Innenministerium gibt Entwarnung. Man sehe keine rechtliche Handhabe, den Besuch von in anderen Ländern rechtmäßig geöffneten Geschäften zu verweigern. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sieht in der Öffnung des Outlets dennoch einen Fehler: „Damit werden all unsere Bemühungen konterkariert, große Menschenaufläufe zu verhindern.“