1. Saarland

Blut, das durch die Adern fließt"Leistungen können unterschiedlich definiert werden"

Blut, das durch die Adern fließt"Leistungen können unterschiedlich definiert werden"

Saarlouis. "Früher bin ich vormittags zum Grab und nachmittags zum Training", sagt die 85-jährige Kugelstoßerin Ilse Pleuger. "Bis ich gemerkt habe, dass mir der Besuch am Grab nichts bringt." Sätze wie diese fallen viele in Jan Tenhavens Dokumentarfilm "Herbstgold"

Saarlouis. "Früher bin ich vormittags zum Grab und nachmittags zum Training", sagt die 85-jährige Kugelstoßerin Ilse Pleuger. "Bis ich gemerkt habe, dass mir der Besuch am Grab nichts bringt." Sätze wie diese fallen viele in Jan Tenhavens Dokumentarfilm "Herbstgold". Ein Jahr lang hat der Regisseur fünf Leichtathleten im Alter von 80 bis 100 Jahren aus Tschechien, Italien, Deutschland, Schweden und Österreich begleitet, die alle bei den Weltmeisterschaften im finnischen Lahti teilnehmen wollen. Es geht um Sport, um das Alter, um Vorurteile, aber vor allem um die Lebens-Einstellung der Hauptdarsteller. Im Thalia-Kino in Bous interessieren sich viele Leute dafür, der Saal ist fast voll. Viele Senioren-Leichtathleten sind da, aber auch Menschen, die mit Sport nichts am Hut haben. Während des Films wird viel gelacht. Die Sportler auf der Leinwand sind schlagfertig, witzig und selbstironisch. Sie werden aber nie ausgelacht. Es ist mehr eine Fröhlichkeit darüber, dass den Athleten die Vorurteile der Gesellschaft egal sind. Und die sagen: Alte Menschen sitzen zu Hause in ihren Ohrensesseln, stehen aber nicht auf dem Sportplatz. "Am Spielfeldrand des Fußballplatzes stehen und Meckern kann jeder. Man muss versuchen, selbst was zu tun", sagt Alfred Schleich vom TV Fraulautern. Im Film tut das der 93-jährige Herbert Liedtke. Er ist 100-Meter-Sprinter: "Ich will, dass mein Blut weiter durch die Adern fließt. Wenn ich jetzt mit dem Sport aufhöre, macht es das nicht mehr", sagt er und lacht. Der Film endet mit dem Diskuswurf von Alfred Proksch. Proksch ist 100 Jahre alt und geht als einziger in seiner Altersklasse an den Start. "Wenn so einer zum Wettkampf antritt, geht ein Raunen durch das Stadion", sagt Christel Ney. Sie ist auch im Saal und war kurz vorher, für einen Moment, selbst auf der Leinwand. Sie war in Lahti dabei, kam in der Altersklasse 50 ins 100-Meter-Finale. "Die Atmosphäre dort ist sehr schön. Es sind Leute von 35 bis 100 Jahren dabei. Das ist wie eine große Familie."Nach dem Film bleibt eine große Runde zusammen, um zu diskutieren. Allen hat der Film gefallen. "Es ist schön, so einen Film zu sehen. Ich denke, es geht hauptsächlich um das Dabeisein. Die Leute haben Spaß, und nur das zählt" sagt Hildegard Gemmersch. "Aber ich glaube, dass es ihnen auch nicht egal ist, wie sie abschneiden", erwidert Annegret Hämsch, Olympiasiegerin von 1988 im Rudern und jetzt Leichtathletin beim LA Team Saar. "Der 100-Meter-Läufer hat sich über den zweiten Platz geärgert. Er wollte nicht nur dabei sein." Es wird viel diskutiert. Über die Akzeptanz des Seniorensports, über die Menschen, die der Film dargestellt, darüber, ob man sich selbst ein bisschen in ihnen wiedererkannt hat, aber vor allem um die Frage: Warum tun diese Menschen das noch? "Eigentlich ist es doch egal", sagt Margit Jungmann, Bundesausschussvorsitzende Senioren im Deutschen Leichtathletik-Verband. "Ob sie nur dabei sein wollen, ob sie Weltmeister werden wollen oder im Kugelstoßen die Sechs-Meter-Marke packen wollen. Es geht darum, ein Ziel zu haben. Ehrgeiz für etwas zu entwickeln. Egal, ob man 20, 35 oder 93 ist. "Frau Jungmann, welchen Stellenwert hat Senioren-Leichtathletik in Deutschland und im Saarland?Margit Jungmann: Ich glaube, dass er immer weiter wächst. Durch die demografische Entwicklung gibt es logischerweise immer mehr Sportler in den höheren Altersklassen. Aber auch die Leistungen der Athleten und der Sport werden anders wahrgenommen als früher. Wir werden nicht mehr belächelt, sondern ernst genommen. Der Begriff "Senioren-Leichtathletik" zählt, streng genommen, einen 30-Jährigen in die gleiche Klasse wie einen 100-Jährigen. Ist das sinnvoll?Jungmann: Wir haben auch schon über den Begriff diskutiert, aber ich sehe kein Problem darin. Wenn jetzt eine neue Klasse für beispielsweise 30- bis 50-Jährige eingeführt würde, wäre das ja nur eine Begriffsänderung und hilft der Sache meiner Meinung nach nicht weiter. Außerdem ist es toll, wenn Leute aus unterschiedlichen Generationen an einem Wettkampf teilnehmen können. Teilweise kommen ganze Familien, der Vater mit dem Sohn. Das wäre bei einer Aufteilung nicht möglich. Bestehen Unterschiede bei den Teilnehmerzahlen in den einzelnen Alterskategorien?Jungmann: Ja. Es hört sich seltsam an, aber wir haben ein Nachwuchsproblem in den unteren Seniorenklassen. Bei der M/W30 bis 35 gibt es eine geringere Teilnehmerzahl. Bei den M/W 40 bis 45 konzentriert sich viel auf die Straßenläufe, und bei den älteren Athleten sind die Wurfdisziplinen sehr beliebt, auch weil die Wurf-Gewichte reduziert werden. Nachwuchsproblem in der Seniorenklasse? Das müssen Sie erklären . . .Jungmann: Viele Aktive hören mit Ende Zwanzig auf und kümmern sich erst einmal um Beruf und Familie. Wenn sie älter werden, kommen sie wieder zurück auf den Platz. Deshalb haben wir paradoxerweise mehr Teilnehmer in den höheren Altersklassen als in den unteren. Wie sehr steht im Seniorensport die Leistung im Vordergrund?Jungmann: Das ist von Sportler zu Sportler unterschiedlich. Es gibt Senioren, die machen den Sport, um Erster zu werden. Dann gibt es Leute, die setzen sich eine bestimmte Weite, Höhe oder Zeit zum Ziel. Andere sind hauptsächlich dabei, um die früheren Konkurrenten wiederzusehen, wegen des sozialen Erlebnisses. Leistungen können unterschiedlich definiert werden.In der saarländischen Bestenliste der Aktiven stehen zum Beispiel bei den Frauen zwölf Bestleistungen von Seniorensportlern. Wie bewerten Sie diese Zahl?Jungmann: Ich will es auf keinen Fall so interpretieren: "Wir sind besser als die Jungen." Ich denke, es sollte uns Sorge machen, dass es so wenige Jugendliche, vor allem Mädchen, gibt, die Leichtathletik betreiben wollen. Es ist ein Sport, den man das ganze Leben lang machen kann. Athleten, die mit 80 oder 90 Jahren noch antreten, sind der beste Beweis dafür. "Es sind Leute von 35 bis 100 Jahren dabei. Das ist wie eine große Familie." Christel Ney über den Wettkampf in Lahti

 Eine interessierte Runde um die Bundesausschussvorsitzende Margit Jungmann (untere Reihe, Zweite von links). Foto: rup
Eine interessierte Runde um die Bundesausschussvorsitzende Margit Jungmann (untere Reihe, Zweite von links). Foto: rup

Auf einen blickAuch im Saarland gibt es einige international erfolgreiche Senioren-Leichtathleten: Bei der Weltmeisterschaft in Lahti im August 2009 wurde Gabriele Célette vom LC Rehlingen in der Altersklasse (AK) W50 Weltmeisterin mit der Marathon-Mannschaft. Bei der Hallen-WM im kanadischen Kamloops in diesem Jahr sicherte sich Martin Vogel (damals SV schlau.com Saar 05) den Weltmeistertitel im Fünfkampf in der AK M50.Bei der Freiluft EM im ungarischen Nyiregyháza siegten Heike Angel, (LC Saucony, W45, Marathon), Stephan Mathieu (TV Mettlach, M50, Zehnkampf) und Heiko Ewen, (SC Friedrichsthal, M65, Speerwurf).Herausragende Seniorenleichtathletin des Saarlandes ist nach wie vor Melitta Czerwenka-Nagel von der LAG Saarbrücken. Sie ist mehrfache Welt- und Europameisterin und hält mehrere Weltrekorde. Den letzten stellte sie Ende August über 1500 Meter in der W80 auf. msc