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Zeuge sagt im Prozess um Brand in Asylbewerberheim aus

Zeugenaussagen : „Eines Tages bringen die mich um“ – Yeboah soll seinen Tod vor Brandanschlag geahnt haben

Vor dem Oberlandesgericht Koblenz ist am Dienstag der Prozess gegen den Saarlouiser Neonazi Peter S. wegen des mutmaßlichen Mordes an dem ghanaischen Asylbewerber Samuel Yeboah im Jahr 1991 in Saarlouis fortgesetzt worden. Nachdem am Vortag erstmals Sonderermittler der saarländischen Polizei gehört wurden, haben nun ein pensionierter Polizist, ein Fotograf und ein enger Freund des Getöteten ausgesagt.

Der Polizeikommissar Berthold W. war in der Brandnacht einer der ersten Polizeibeamten vor Ort. Bei seiner Ankunft hätte das Treppenhaus lichterloh gebrannt, erinnert sich der 67-Jährige. Auf die Befragung des Gerichts hat er sich vorbereitet – mittels einer Publikation der Antifa, wie er unverhohlen erklärt. Die hatte im Jahr 2000 die Broschüre „Kein schöner Land“ herausgebracht, die die gesamte Neonazi-Szene von Saarlouis und dem Saarland beleuchte.

Wie belastbar denn die Erkenntnisse aus dieser Broschüre seien, will einer der Richter wissen. „Im Kern haben alle dort aufgeführten Ereignisse stattgefunden und auch mit den dort aufgeführten Personen“, so der Zeuge – wenn auch seiner Meinung nach manches etwas theatralisch und überzeichnet dargestellt sei.

Zeuge im Yeboah-Prozess: „Die Skinhead-Szene hat mich gekannt gefürchtet.“

Er habe sich, erklärt der inzwischen pensionierte Beamte, intensiv mit der Neonazi-Szene in Saarlouis beschäftigt. Später habe er als Dozent an der Fachhochschule der Polizei – in Zusammenarbeit mit dem damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Dr. Helmut Albert – ein Seminar zum Thema Rechtsextremismus angeboten. Auch dort sei besagte Antifa-Broschüre als Schulungsmaterial zum Einsatz gekommen.

Der Rentner präsentiert sich vor Gericht als Hardliner. Befragt zur damaligen Neonazi-Szene sagt er: „Die Skinhead-Szene hat mich gekannt und auch gefürchtet.“ Viele Namen damaliger Szene-Angehöriger, darunter der des Angeklagten, sagen dem Zeugen jedoch laut eigener Aussage überhaupt nichts. Auch von einer Pogromstimmung im Saarlouis der 1990er-Jahre will der Rechtsextremismus-Experte nichts mitbekommen haben: „Zum Thema ausländerfeindliche Übergriffe: Es gab sie nicht in Saarlouis.“

Wusste die saarländische Neonazi-Szene vor dem Brandanschlag bereits von den Ausschreitungen in Hoyerswerda?

Der Fotograf Gerd Fügert, der 1991 die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda mit seiner Kamera dokumentiert hatte, ist zur Chronologie der Ereignisse befragt worden. Ob die Neonazi-Szene in Saarlouis in den Morgenstunden des 19. September 1991 schon habe wissen können, ob es in Hoyerswerda gebrannt hat, wird im Verfahren kontrovers diskutiert. Der Augenzeuge des rassistischen Pogroms in Hoyerswerda ist sicher: „Die ersten Molotowcocktails flogen am Mittwoch.“

In den überregionalen Medien, sagt Fügert, sei Hoyerswerda vermutlich erst am Donnerstag oder Freitag Thema gewesen. Abschließend kann die Frage an diesem Tag nicht geklärt werden – wird doch ein weiterer Zeuge dieses Tages, ein enger Freund des getöteten Samuel Yeboah, später angeben, die rassistischen Ausschreitungen noch zusammen mit dem späteren Mordopfer in den Medien verfolgt zu haben. „Wir hatten das im Fernsehen gesehen, ja klar.“

Freund des Opfers: Yeboah hatte Todesahnung kurz vor Tat

Außerdem berichtete der Mann von einer Todesahnung des Opfers: Er sei am Vorabend der Tat mit Samuel Yeboah in Saarlouis an mehreren Skinheads vorbei gelaufen. Diese hätten sie zwar weder angegriffen, noch angesprochen. Dennoch habe Yeboah zu ihm gesagt: „Eines Tages, wenn du zu Hause bist, werden die mich umbringen.“ Stunden darauf sei der 27-jährige Westafrikaner tatsächlich einem Anschlag zum Opfer gefallen.

Der 51-jährige Zeuge, heute ein Fondsmanager, sprach von einer großen Angst des Opfers, abgeschoben zu werden: „Das hat ihn streckenweise stark belastet.“ Er wisse nicht, ob Yeboah in seiner Heimat verfolgt worden sei. „Er wollte sich ein besseres Leben in Deutschland aufbauen“, fügte der Zeuge hinzu. Er sei mit ihm im Boxtraining gewesen, „konnte Deutsch, wollte immer arbeiten“. Yeboah habe bei ihm im Saarland wie ein Familienmitglied Weihnachten gefeiert, sagte der Fondsmanager.

Wie ein Anwalt eines Nebenklägers, Christian Schmitt, am Rande des Prozesses erklärte, war Yeboahs Asylantrag seinerzeit abgelehnt worden. Nur wegen ärztlich festgestellter Suizidgefahr sei der Ghanaer noch nicht vor seinem Tod abgeschoben worden.

Mutmaßlicher Täter steht wegen Mordes und versuchten Mordes in 20 Fällen vor Gericht

Der mutmaßliche Täter steht seit November 2022 wegen Mordes sowie versuchten Mordes in 20 Fällen vor dem OLG Koblenz. Wenige Stunden nach dem Brandanschlag in der Nacht auf den 19. September 1991 war Yeboah nach schwersten Verbrennungen gestorben. Zwei andere Hausbewohner sprangen damals laut Anklage aus einem Fenster und brachen sich Knochen. 18 weitere Bewohner retteten sich unverletzt.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Angeklagten, einem heutigen Familienvater, vor, damals aus rassistischer Gesinnung mit Benzin das Feuer entzündet zu haben. Der Mann bestreitet die Vorwürfe. Sein Verteidiger Guido Britz hatte beim Prozessauftakt gesagt, es gebe Anhaltspunkte, die auf andere Menschen als Täter hindeuteten.

Nach früheren Angaben der Bundesanwaltschaft hatte der Angeklagte im Alter von 20 Jahren am Abend des 18. September 1991 in einer Gaststätte in Saarlouis über rassistisch motivierte Anschläge auf Unterkünfte für Ausländer im sächsischen Hoyerswerda gesprochen. „Die Gesprächsteilnehmer machten deutlich, dass sie die Begehung solcher Anschläge auch in Saarlouis gutheißen würden“, hieß es. Der Angeklagte soll das noch in derselben Nacht in die Tat umgesetzt haben.

Ein Prozess mehr als 30 Jahre nach einer Straftat ist ungewöhnlich – aber Mord verjährt nicht. Die ursprünglichen Ermittlungen stellte die saarländische Polizei ein und entschuldigte sich später für Defizite ihrer Arbeit. Im November 2022 begann nun doch ein Prozess in Koblenz, nachdem eine Zeugin aufgetaucht war, der der Angeklagte bei einem Grillfest die Tat gestanden haben soll.

(dpa)