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| 20:28 Uhr

Puppen- und Bärenklinik in Spicheren
Wenn die Lieblingspuppe zur OP muss

Abgebrochene Arme und Beine oder gar ein Loch im Kopf: Kein Problem für „Doktor“ Erika Sedlmeier von der Puppen- und Bärenklinik in Spicheren. Liebgewonnenes Spielzeug wird von ihr fachkundig restauriert.
Abgebrochene Arme und Beine oder gar ein Loch im Kopf: Kein Problem für „Doktor“ Erika Sedlmeier von der Puppen- und Bärenklinik in Spicheren. Liebgewonnenes Spielzeug wird von ihr fachkundig restauriert. FOTO: Iris Maria Maurer
Spicheren. Erika Sedlmeier schenkt in der Werkstatt ihres Hauses im lothringischen Spicheren Puppen und Plüschtieren ein zweites Leben. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Mit offenen Augen und einem Lächeln im Gesicht sitzt sie an der Tischkante. Ihr Teint strahlt und ihre Haare wurden zurechtgemacht. Morgen wird sie abgeholt und es geht wieder nach Hause. Nach zwei Wochen wird sie das lothringische Spicheren wieder Richtung Saarland verlassen. Auf ihre Rückkehr freut sich am meisten ein dreijähriges Mädchen, das ihr Lieblingsspielzeug schon seit 14 Tagen vermisst. Diese Zeit verbrachte die Puppe bei Erika Sedlmeier in der „Puppen- und Bärenklinik“. Dort wurde sie wieder aufgepäppelt. „Für ein kleines Kind ist es nicht einfach, seine Lieblingspuppe bei einer Fremden in ‚Behandlung’ zu lassen“, erzählt Sedlmeier. Doch Kinder sind längst nicht die Einzigen, die ihre Patienten zu ihr bringen. Jetzt in der Adventszeit hat die „Puppen-Doktorin“ alle Hände voll zu tun. „Frauen in meinem Alter möchten dem neugeborenen Enkel zu Weihnachten eine Puppe vererben, die gerade noch schnell in Schuss gebracht werden soll“, sagt die 58-Jährige. Oder andersherum wollen Jugendliche ihrer Oma eine Freude machen und die alte Puppe ihrer Kindheit noch schnell reparieren lassen. Und so stapeln sich auf Sedlmeiers Werktisch abgebrochene Finger, Perücken und einarmige Puppen. „Sie warten auf eine Transplantation“, sagt die „Puppen-Doktorin“. Gummis für Arme und Beine finde man relativ einfach. Bei manchen anderen seltenen Teilen sieht es anders aus. „Danach muss ich gezielt suchen, etwa bei Internet-Auktionen.“

Das sei vor allem bei ganz alten Modellen der Fall. „Es handelt sich um mittlerweile sehr wertvolle Puppen, die man in Vitrinen aufbewahrt. Wenn Teile kaputt gehen, sind diese scharfkantig, das ist nichts für Kinder zum Spielen“, sagt die Fachfrau. Solche Puppen können um die 160 Euro wert sein. Eine komplette Runderneuerung, wenn sie viele Schäden erlitten hat, kann bis zu 200 Euro kosten. Billiger wäre es, eine neue Puppe zu kaufen. Doch hier geht es den Kunden nicht ums Geld, sondern um einen ideellen Wert. „Wenn die Puppe eine Frau ihr Leben lang begleitet, zum Beispiel auch in traurigen Zeiten wie im Krieg oder bei der Evakuierung, ist diese einfach nicht zu ersetzen“, berichtet sie über so manchen Auftrag. Also begeben sich ihre Besitzerinnen voller Hoffnung zu Erika Sedlmeiers Werkstatt und melden dort ihre Patientinnen an. Eine von ihnen wird auch heute behandelt. Diagnose: ein böser Sturz. Folge: ein Loch im Kopf. Doch Sedlmeier lässt sich nicht erschrecken. Sie geht routiniert vor. Zuerst wird vom Schädelinneren her ein Stretchpflaster auf die Wunde geklebt. Danach wird darauf Celluloid ausgebracht. Nach einer gewissen Wartezeit und wenn alles fest ist, wird noch die passende Farbe aufgespritzt.

Rund 150 Patienten im Jahr werden in Sedlmeiers Klinik behandelt. Die allermeisten sind Puppen. Die Plüschtiere sind in der Minderheit. „Bei Teddys muss man noch präziser arbeiten, zum Beispiel um eine alte Filzpfote abzutrennen“, berichtet sie. Bis 2005 war die „Puppen-Klinik“ im Saarland angesiedelt. Jahrelang wurde sie von Karl-Heinz Dörr betrieben. „Als ich im Radio hörte, dass die Klinik schließen muss, weil Herr Dörr keinen Nachfolger finden konnte, fühlte ich mich sofort angesprochen“, erinnert sich Sedlmeier. „Meine Mutter hat mir das Nähen beigebracht und ich hatte immer großen Spaß daran. Ich habe damals schon Plüschtiere geflickt, aber an Puppen hatte ich noch nie gearbeitet“, sagt die Güdingerin, die als Industriekauffrau ausgebildet wurde. Doch sie traute sich, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Zuerst wurde sie von Dörr angelernt, dann übernahm sie das Geschäft in Saarbrücken-Altenkessel. Auch wenn nur „Privatpatienten“ hier behandelt werden, reich wird man als „Puppen-Doktor“ nicht und die Werkstatt in Saarbrücken wurde zu teuer. So zog die „Puppen- und Bärenklinik“ 2011 nach Spicheren in Erika Sedlmeiers Haus. Die Kunden aus dem Saarland blieben ihr treu. „Es ist hier die einzige Werkstatt dieser Art, die nächste liegt in Idar-Oberstein.“