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Villa Majorelle in Nancy öffnet nach aufwendiger Restaurierung wieder

Für 3,5 Millionen Euro : Jugendstilperle erstrahlt in neuem Glanz

Gesamtwerk vieler Künstler für einen Künstler: Villa Majorelle in Nancy öffnet nach aufwendiger Restaurierung wieder für Besucher.

Repräsentieren, werben und protzen – und zwar so, dass den Gästen neidisch die Augen übergehen. Das Ganze aber bitte mit Stil. Was 1902 funktionierte, lässt auch heutige Besucher der Villa Majorelle in Nancy staunen. Erst recht seit einigen Tagen, seitdem das imposante Jugendstilgebäude nach vierjähriger Innen- und Außen-Restaurierung wieder für Besucher geöffnet ist. Vom dunkelhonigfarbenen Parkett über die vergoldete Türklinke bis zum Bleiglasfenster mit den pastellfarbenen Blütentrichtern zeigt sich die seit 1997 zu besichtigende Villa blank poliert, strahlend und farbenfroh wie noch nie.

Beeindruckte die Villa von Louis Majorelle (1859-1926) vor knapp 120 Jahren als der wirklich allerletzte Designschrei, fühlt man sich heute beim Überstreifen blauer Plastiküberschuhe wie in einer antiquierten, aber nur kurz verlassenen, guten Stube. Ihr extravaganter Hausherr – Designer, Möbelschreiner und Kunstschmied – könnte nur eben den Gehrock übergezogen haben und seinen Besuch, vielleicht Kundschaft, durch den Garten zur Droschke begleiten, bevor er die Eingangstür mit den kunstvoll geschmiedeten Blütenköpfen wieder ins Schloss fallen lässt. Aber vielleicht bespricht er noch seine Pläne für die Schmiedeeisenarbeiten, Wandvertäfelungen und Treppengeländer der französischen Botschaft in Wien. Oder er festigt jene Kontakte, die ihm den Auftrag für seine 1912 installierte, große Prachttreppe in den Pariser Galeries Lafayette einbringen.

Das Wohnzimmer wurde so originalgetreu wie möglich hergerichtet. Foto: Foto: Sophia Schülke

Es bleibt also Zeit, sich etwas umzusehen. Vom Flur drängt es sich geradezu auf, den Kopf durch die Flügel der großen Glastür ins Esszimmer zu stecken. Dort spiegelt sich in einem großen glänzenden Holztisch das Motiv eines langgezogenen Bleiglasfensters. Smaragdgrüne Melonenpflanzen mit runden Früchten auf rosa Grund, durch die das Licht schimmert. Überall sonst müsste es wohl als Kitsch Augenrollen provozieren, doch hier, in der rue Louis Majorelle Nummer 1, ist es selbstverständlich. Die Wandmalereien zeigen Tiere des Bauernhofs, Weizenähren verzieren Klinken und Holzvertäfelungen der Schränke. Im besterhaltenen Zimmer der Villa dreht sich alles um essbare Erzeugnisse vom Land, denn das Gebäude ist als thematisches und stilistisches Gesamtkunstwerk konzipiert.

Jeanne und Louis Majorelle ließen sich oft auf der Terrasse fotografieren. Foto: Foto: Musée de l'École de Nancy

Ein Grund, weshalb der Prozess der Restaurierung kein gradliniger Weg war, der sich ohne Abwägungen, Kompromisse und glückliche Fügungen bewältigen ließ. „Wir standen vor der Entscheidung, welche Villa wir restaurieren wollten“, sagt Valérie Thomas, Direktorin der Villa Majorelle und des Museums der École de Nancy (MEN). „Die ursprüngliche, so wie sie Majorelle 1902 fertigstellen ließ; oder diejenige, die er veränderte, um sie, während er mit seiner Frau Jeanne und Sohn Jacques darin wohnte, an reale Bedürfnisse anzupassen?“, resümiert sie die Überlegungen. Man entschied sich für Letzteres. So wurde die erst offene Terrasse, die Majorelle später zu einem Wintergarten schließen ließ, wieder so in Stand gesetzt, wie der Hausherr sie umgestaltete.

Repräsentativ ist vor allem das Erdgeschoss, hier das Esszimmer. Foto: Foto: Sophia Schülke

Dieser Logik folgend, ersetzte man das 1916 bei Bombardierungen zerstörte Glasfenster im Wohnzimmer nicht, sondern behielt die marokkanische Glasarbeit, die Sohn Jacques, ein von dem nordafrikanischen Land begeisterter Maler, anfertigen ließ. Dennoch musste man im Wohnzimmer nach Lösungen suchen. Weil das Londoner Victoria and Royal Albert Museum die Originalkommode gekauft hatte, behalf sich das Team mit dem Fotoalbum, das es 2003 von Sohn Jacques erworben hatte, und den alten Möbelkatalogen der Firma Majorelle, um ein stilgetreues Modell auszuwählen. Zudem spielte dem Team der Zufall in die Hände: Die schilfgrüne Sitzbank mit den Tannenzapfen, die, wie das Fotoalbum belegt, tatsächlich in Majorelles Wohnzimmer stand, bot ein Privatmann erst vor vier Jahren an.

Das Fenster ging auf den damals einen Hektar großen Garten. Foto: Damien Boyer

Im Flur hatten die Restauratoren zwar weniger Glück, aber sie hoffen weiter. „Wir wissen von den Fotos, dass die Wände des Treppenhauses aufwändig bemalt waren“, erzählt Thomas und erklärt angesichts der nun durchgehend einfachen Bemalung, „aber das Dekor war zu komplex für uns, weshalb wir darauf hoffen, die Originalschablonen eines Tages noch zu finden.“ Komplizierte Feinheit, wohin man schaut.

Mit der Villa hat Majorelle damals nicht nur sein privates Wohnhaus in Auftrag gegeben. Er hat sich auch ein überbordendes Schaufenster für das Können seiner Kunsthandwerksfirma, die 1906 gut 300 Mitarbeiter zählte, bauen lassen. Was am Ende dabei herauskam, ist ein Aushängeschild der damaligen Jugendstilszene einer ganzen Region, das den floral-eleganten Geist seiner Zeit atmet. Denn die Liste der Architekten und Kunsthandwerker liest sich wie das Who‘s Who des ost- und nordfranzösischen Jugendstils. Die Pläne für die Villa entwarf Henri Sauvage, ein junger Pariser Architekt, der wie Majorelle 1900 an der Pariser Weltausstellung teilgenommen hatte; die Ausführung lag bei Lucien Weissenburger, der halbe Straßenzüge Nancys mit Jugendstil regelrecht zupflasterte; die Lampen stammen von den Frères Daum, die noch heute edle Glaskunst herstellen; die Glasmalereien fertigte mit Jacques Grüber eine weitere Koryphäe an. Während Alexandre Bigot die Keramiken, darunter den monumentalen Ofen, ausführte, übernahm der Hausherr Schmiedearbeiten, Möbel und Geländer.

Die meisten der beteiligten Künstler und Handwerker gehörten der 1901 von dem führenden Glashersteller Émile Gallé gegründeten École de Nancy an, die Künstler, Handwerker und Unternehmer in einer regionalen Vereinigung zusammenführte. Ihr Ziel war Floras detailreiche Beschwörung in geschwungenen Linien von Stein, Holz, Glas und Metall. In der Villa Majorelle hat ihr Können zu einer, nun beeindruckend aufgefrischten, Meisterschaft gefunden.