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Videos und Aussagen zur Flutnacht im Untersuchungsausschuss

Hochwasser : Videos und Aussagen zur Flutnacht im Untersuchungsausschuss

Was wusste das Land in der Flutnacht? Und wann? Dazu befragt der Untersuchungsausschuss zwei Beamte und ADD-Chef Linnertz. Bisher unbekannte, nicht-öffentliche Videos aus einem Polizeihubschrauber sorgen für Betroffenheit.

Das Lagezentrum im rheinland-pfälzischen Innenministerium ist während der Flutnacht im vergangenen Jahr mit mindestens 135 Toten von einem punktuell extrem starken Hochwasser ausgegangen. Das berichtete ein Mitarbeiter des Lagezentrums am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des rheinland-pfälzischen Landtags. „Im Nachgang stellt sich uns die Frage, woher kam dieses Informationsdefizit in Richtung Lagezentrum?“, sagte David Wincek. Eine Flutwelle oder Sturzflut sei in der Nacht kein Thema gewesen. „Wir sind von einem klassischen Hochwasser ausgegangen“, bestätigte sein Kollege Jörn Grünhagen.

Die Situation an der Ahr habe die dem Innenministerium unterstellte Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) von Trier aus nicht erkannt, sagte ADD-Präsident Thomas Linnertz. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Technische Einsatzleitung des Kreises die Lage bewältigen kann“, begründete er, warum er keinen Grund sah, bereits in der Nacht die Einsatzleitung vom Kreis zu übernehmen. Für diese Einschätzung hätten auch die Anforderungen des Kreises gesprochen. „Wir müssen uns darauf verlassen, was können uns die Technischen Einsatzleitungen liefern, um eine Lage gut bewerten zu können.“

„Es geht nicht darum, wie schwer ein Vorfall ist, sondern es geht darum, ob die örtliche Strukturen arbeitsfähig sind und funktionieren“, antwortete der 46 Jahre alte SPD-Politiker auf die Frage, weshalb die ADD auch dann die zentrale Einsatzleitung nicht übernommen hat, als sie von mehreren eingestürzten Häusern im Ahrort Schuld erfuhr.

Für Überraschung und Betroffenheit der Abgeordneten im Untersuchungsausschuss sorgten zwei bislang unbekannte Videos aus einem Polizeihubschrauber. Die insgesamt 20 Minuten langen Videos mit Aufnahmen vom 14. Juli ab 22.15 Uhr an der Ahr wurden während der Vernehmung von Wincek gezeigt und die Öffentlichkeit dazu ausgeschlossen. Die Landesregierung habe die Videos nicht freigegeben, weil Personen in Notsituationen darauf identifiziert werden könnten, sagte der Ausschussvorsitzende Martin Haller (SPD).

Die Videos hätten dem Lagezentrum in der Nacht nicht vorgelegen, er wisse auch nicht, wo sie gelandet seien, sagte Wincek. Dabei hatte das Zentrum die Polizei um den Erkundungsflug gebeten.

Um 23.40 Uhr habe er aber Fotos der Polizeihubschrauberstaffel bekommen, auf der die Ahr als eine große Wasserfläche mit Häusern zu sehen war, die teilweise bis zum Dach unter Wasser standen, berichtete Wincek. Diese Bilder habe er an das Büro des Innenministers Roger Lewentz (SPD) weitergeleitet. Erkenntnisse über Verletzte oder gar Tote habe es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Grünhagen sagte, er sei auch dann noch von einer Hochwasser-Lage ausgegangen. Die Dimension, die dies im Ahrtal hatte, sei nicht absehbar und auch nicht vorstellbar gewesen.

Der Hubschrauber-Pilot habe von Hilfesuchenden berichtet, sagte Grünhagen. Der Hubschrauber sei im Flutgebiet auch von Menschen mit Taschenlampen angeleuchtet worden. Der Pilot habe darauf entschieden, den Flug einzustellen, weil er den Menschen keine Hoffnungen machen wollte, dass sie gerettet werden könnten. Der Polizeihubschrauber hatte keine Seilwinden.

Das Lagezentrum sei gegen 21.30 Uhr vom Polizeipräsidium Koblenz darüber informiert worden, dass auf dem Campingplatz in Dorsel ein Camping-Mobil mit einem Menschen abgetrieben sei und in Schuld mehrere Häuser eingestürzt seien, berichtete Grünhagen. Daraufhin sei das Polizeipräsidium Koblenz aufgefordert worden, eine sogenannte Besondere Aufbauorganisation (BAO) einzurichten, sagte Wincek. Die Bestätigung dafür sei um 22.30 Uhr gekommen.

Zum Anruf von Umwelt-Staatssekretär Erwin Manz (Grüne) im Lagezentrum sagte Wincek, es komme nicht oft vor, dass ein Staatssekretär aus einem anderen Ministerium anrufe. Zu der Information von Manz, dass ein extremer Pegelstand von mehr als 6,80 Meter erreicht sei, hätte das Lagezentrum aber mehr Informationen gebraucht. Die Beamten hätten nicht gewusst, „wozu das führt“. Grünhagen sagte, über den Anruf sei nicht viel gesprochen worden und das Wort „Katastrophe“ auch nicht bei ihm angekommen, „sonst hätten wir mit der ADD Rücksprache gehalten“.

Mit dem Innenminister habe der Leiter des Lagezentrums in der Flutnacht einmal persönlichen Kontakt gehabt. Dabei sei es vor allem um die Anforderung von Hubschraubern und die Lage auf dem Campingplatz in Dorsel gegangen. Die weitere Kommunikation sei über das Ministerbüro gelaufen, sagte Grünhagen. Es sei Usus, das Ministerbüro „über jede Kleinigkeit“ und niederschwellig zu informieren. „Der Minister ist sehr wissbegierig, was die Innere Sicherheit und die Lage betrifft.“ Erst vor einigen Wochen habe er angerufen und gefragt, was los sei, nachdem er ein Martinshorn in seinem Heimatort gehört habe.

Bei der Flutkatastrophe vor rund 14 Monaten waren mindestens 135 Menschen im nördlichen Rheinland-Pfalz ums Leben gekommen, darunter 134 im Ahrtal. 766 Menschen wurden verletzt. Auf einer Länge von 40 Kilometern an der Ahr wurden Straßen, Brücken, Gas-, Strom- und Wasserleitungen und rund 9000 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Allein im Ahrtal sind rund 42 000 Menschen betroffen, landesweit etwa 65 000. Viele leben noch immer in Ausweichquartieren.

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(dpa)