Luxemburg verdoppelt sich: „Man sieht, wie der Druck im Kessel steigt“

Luxemburg verdoppelt sich : „Man sieht, wie der Druck im Kessel steigt“

In Luxemburg wird sich die Bevölkerungszahl bis 2060 einer neuen Prognose zufolge verdoppeln. Wie soll das gehen, wenn auf der kleinen Fläche hunderttausende Menschen dazukommen? Die Entwicklung wird auch am Saarland nicht spurlos vorübergehen.

Das Großherzogtum boomt. Die Einwohnerzahl wird sich nach einer Prognose der Statistikbehörde bis 2060 in etwa verdoppeln. Dabei sind der Wohnungsmarkt und der öffentliche Personennahverkehr in Luxemburg schon heute am Limit. Markus Hesse, Professor für Stadtforschung an der Universität Luxemburg, ist skeptisch, wie das Wachstum verkraftet werden soll.

Die Einwohnerzahl in Luxemburg soll sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Wo sollen diese Leute eigentlich alle arbeiten?

HESSE Auf dem Kirchberg sind Mitarbeiter vieler Nationen tätig, bei Banken, Investmentfonds, Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien oder als Programmierer, nicht nur aus den Nachbarländern, sondern weltweit rekrutiert. Es gibt die Bestrebung der Regierung zu diversifizieren, neue Felder zu erschließen: Materialwissenschaft, Nanotechnologien, es gibt dieses noch etwas obskure Projekt des Weltraumbergbaus. Man steht in Verhandlungen mit Google über die Ansiedlung eines Rechenzentrums.

Das Wachstum geht ja nur mit massiver Zuwanderung. Woher kommen die Zuzügler?

HESSE Die Hälfte der Tagespendler sind heute Franzosen, jeweils ein Viertel sind Belgier und Deutsche. Die Franzosen und die Portugiesen sind die stärksten Gruppen derjenigen Migranten, die in Luxemburg wohnen. Es gibt Gemeinden im Zentrum des Landes mit 8000 bis 10 000 Einwohnern, in denen gibt es über 100 Nationen. Das ist extrem bunt gemischt.

Irgendwo müssen die Hunderttausenden, die als neue Einwohner ins Land kommen sollen, ja auch wohnen. Wie soll das gehen?

HESSE Das weiß keiner. Das Land ächzt jetzt schon. Was im Moment an Infrastrukturpolitik gemacht wird, ist mindestens zur Hälfte das Nachholen von Versäumnissen der vergangenen 20 Jahre. Die alten Regierungen haben relativ wenig gemacht, die haben höchstens Straßen ausgebaut. Wie das in der Zukunft laufen soll, weiß überhaupt niemand. Im Moment sieht man deutlich, wie der Druck im Kessel steigt.

Wenn Wohnungen in Luxemburg fehlen, steigt der Druck auf die Verkehrsachsen, weil die Menschen dann einpendeln müssen.

HESSE Im Moment ist beides – Wohnen und Verkehr – längst über dem Limit dessen, was funktionieren kann. Darunter leidet die Lebensqualität. Speziell die Hauptstadt behauptet von sich immer, dass sie in Sachen Lebensqualität etwas zu bieten hat. Morgens gibt es einen unglaublichen Zustrom in die Stadt, nachmittags ist der große Exodus. Das bringt natürlich auch Umweltbelastungen mit sich, die Lärmbelastung ist extrem. Mir ist zum Beispiel nicht bekannt, dass systematisch an Lärmminderungsplänen gearbeitet würde.

Der öffentliche Nahverkehr könnte die Last nicht aufnehmen?

HESSE Man hätte schon vor zehn Jahren die Grundsubstanz im Eisenbahnnetz erweitern oder überhaupt erst wiederherstellen müssen. Man hätte auch schon vor zehn Jahren anfangen müssen, auf den Autobahnen Busspuren einzurichten. Das ist aber außerordentlich unpopulär: So schnell kann man nicht zubauen, man hätte dem Autoverkehr also eine Spur wegnehmen müssen. Mit diesen Mengen kann Luxemburg nicht gleichzeitig ökonomisch erfolgreich sein und die Lebensqualität erhalten. Dass man alle Gruppen gleichzeitig glücklich machen kann, ist eine Illusion.

Was bedeutet das Bevölkerungswachstum für Schulen und Kitas?

HESSE Die Mehrsprachigkeit allein ist schon eine gigantische Herausforderung, mit der das Schulsystem nur begrenzt umgehen kann. Verstärkt kommt Englisch hinzu. Es gibt heute Lyzeen, die Chinesisch anbieten. Dies alles ist extrem schwer zu organisieren. Es gibt das Gerücht, dass man Google angeboten hat, den Englisch-Unterricht an den Grundschulen massiv auszubauen, wenn das Unternehmen sich entschließen sollte, hierher zu kommen. Das ist ein Riesenspagat, den man hier macht.

Im Saarland gibt es eine völlig andere demografische Entwicklung. Es gibt jetzt schon viele Leute, die in Luxemburg arbeiten und in Perl oder Mettlach wohnen. Was bedeutet das alles für das Saarland?

HESSE Im Grunde bräuchte man, um beim Beispiel Wohnen zu bleiben, eine abgestimmte Strategie für die Großregion. Dazu müsste man sich an einen Tisch setzen. Wenn ich das richtig höre aus der Großregion, wissen die Nachbarländer und -regionen nicht so richtig, was Luxemburg vorhat. Wenn das so ist, ist das ein großes Problem.

Wohnen in Luxemburg selbst ist nicht mehr bezahlbar?

HESSE Wenn Sie in der Hauptstadt ein Haus suchen, ist das im sechsstelligen Bereich schon nicht mehr machbar. Das treibt die Leute entweder in eine gigantische Verschuldung, wobei die Banken sehr restriktiv in der Kreditvergabe sind, oder die Menschen landen letztendlich in Perl. Die müssen jeden Morgen nach Luxemburg reinfahren, das ist natürlich schwierig. Es wird angedacht, Telearbeitsplätze im grenznahen Bereich diesseits oder jenseits der Grenze anzusiedeln, so dass die Leute nicht mehr in die Stadt müssen. Das hat aber eine Konsequenz für die Steuererhebung, weil die Leute dafür im Land ansässig und anwesend sein müssen.

Für schrumpfende saarländische Dörfer, in denen sich die Frage stellt, ob in Zukunft die Infrastruktur noch bezahlt werden kann, ist das doch eine Riesenchance.

HESSE Wir haben uns das in Trier genauer angesehen. Da gibt es Vorbehalte. Die Luxemburger haben da ein bestimmtes Image: dass sie die Preise verderben. Das Problem ist: Immer dann, wenn sie den Arbeitsplatz in Luxemburg behalten, was in aller Regel der Fall sein wird, müssen sie sich einreihen in die große Wanderung. Unsere Anregung ist zu sagen: Verständigt euch in der Großregion über das Thema Wohnen, und natürlich über den Verkehr. Aber die Probleme sind in Luxemburg schon so groß, dass man alles andere gar nicht mehr richtig auf dem Schirm hat.

Im Saarland leben auch eine Million Menschen, auf einer Fläche, die so groß ist wie die in Luxemburg.

HESSE Unser Infrastrukturminister nennt das Saarland immer als Beispiel dafür, dass man auf einer vergleichbaren Landesfläche locker eine Million Menschen unterbringen kann. Aber der Vergleich hinkt.

Warum?

HESSE Weil sich die beiden Regionen historisch vollkommen unterschiedlich entwickelt haben und weil die Konzentrationsdynamik in Luxemburg eine andere ist. Hier will man unbedingt eine Hauptstadtadresse haben, die großen Unternehmen gehen alle in die Kernbereiche.

Was wäre der ungünstigste Fall? Dass Luxemburg unter dem Wachstum der Bevölkerung irgendwann kollabiert?

Markus Hesse, Professor für Stadtforschung an der Universität Luxemburg. Foto: Hesse

HESSE Wenn man die Bevölkerungsentwicklung exponentiell fortschreibt und jedes Jahr drei bis vier Prozent drauflegt, ist es eindeutig, dass im Verkehrsbereich irgendwann nichts mehr gehen wird. Beim Wohnen sind die Immobilienpreise am Limit. Das bedeutet, es wird sehr viel mehr Konflikte geben. Man ist hier geneigt, alles im Konsens zu regeln, man versucht, allen Zielgruppen gerecht zu werden. Aber das wird dann nicht mehr gehen.

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