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Luxemburg macht Schluss mit Religionsunterricht

Religionsunterricht ade: Statt mit der Bibel beschäftigen sich luxemburgische Schüler nun mit Themen wie „Ich und die anderen“, „der Mensch, die Natur und die Technik“ und „Kultur und Kommunikation“. Foto: dpa
Religionsunterricht ade: Statt mit der Bibel beschäftigen sich luxemburgische Schüler nun mit Themen wie „Ich und die anderen“, „der Mensch, die Natur und die Technik“ und „Kultur und Kommunikation“. Foto: dpa FOTO: dpa
Luxemburg. Die luxemburgische Regierung zieht ihren Kurs zur Trennung von Kirche und Staat weiter durch. Statt Religions- gibt es seit diesem Schuljahr an den Gymnasien Werteunterricht. Hélène Maillasson

Rund 40 000 Gymnasiasten sind gestern in Luxemburg ins neue Schuljahr gestartet. Aus ihren Stundenplänen ist ein Fach verschwunden, der Religionsunterricht . Stattdessen steht für alle der neue Kurs "Leben und Gesellschaft" auf dem Programm. Damit setzt Bildungsminister Claude Meisch (DP - Demokratesch Partei) eine Reform um, die seit ihrer Ankündigung 2014 für mächtig Zorn gesorgt hatte. Kritiker warnten vor einer Bevormundung durch den Staat und verlangten für die Schüler die Wahlfreiheit zwischen Religions- oder Werteunterricht. Die Bürgerinitiative "Fir de Choix" (deutsch: Für die Wahl) sammelte zum Beispiel mehr als 25 600 Unterschriften gegen die Pläne der Regierung.

Doch Petitionen und Demonstrationen zum Trotz wurde der einheitliche Werteunterricht gestern in der Sekundarstufe eingeführt. "Der Kurs ‚Leben und Gesellschaft' ersetzt den Religions- und Ethikunterricht in allen Klassen. Er ist in allen öffentlichen Schulen und in den staatlich anerkannten Privatschulen verpflichtend", erklärt Myriam Bamberg vom luxemburgischen Bildungsministerium der SZ. "Private Schulen dürfen einen Religionsunterricht als Wahlfach anbieten. Dieser kann aber nur zusätzlich und nicht als Ersatz für den Werteunterricht angeboten werden", fügt sie hinzu.

Ganz verschwinden wird der Begriff Religion nicht vom Lehrplan. Neben kulturellen Strömungen, literarischen und philosophischen Bewegungen sowie wissenschaftlichen Errungenschaften sollen auch verschiedene religiöse Traditionen im Werteunterricht thematisiert werden. "Der neue Kurs wird in sechs Themenfelder unterteilt: Ich; Ich und die anderen; Lebensformen, Welt und Gesellschaft; der Mensch, die Natur und die Technik; Kultur und Kommunikation; große Fragen des Lebens", sagt Bamberg. Darüber hinaus sollen die Lehrer die Freiheit in diesem Fach haben, aktuelle konkrete Themen zu behandeln, die die Schüler besonders beschäftigen. Unterrichtet wird das neue Fach durch Lehrer, die eine entsprechende Fortbildung absolviert haben.

Im nächsten Schuljahr wird der Werteunterricht dann auch in den luxemburgischen Grundschulen eingeführt. Dort wurde der Religionsunterricht bisher durch von der Kirche rekrutierte Lehrkräfte gehalten. Laut Bildungsministerium werde diesen eine Übernahme durch den Staat angeboten.

Meinung:

Konsequent durchgesetzt

Von SZ-Redakteurin Hélène Maillasson

Mit der Ablösung des Religions- durch einen gemeinsamen verpflichtenden Werteunterricht hält die luxemburgische Regierung an ihrem Kurs zur Trennung von Kirche und Staat fest. Nach der Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe, einer Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und dem Ende der Bezahlung von Geistlichen durch den Staat ist diese Änderung im schulischen Bereich ein logischer Schritt. Von einem neuen Fach, in dem alle Schüler - unabhängig von ihrer Konfession - über große Fragen des Lebens debattieren, profitiert auch die Klasse als Gemeinschaft. Und Schüler, die mehr über eine bestimmte Religion lernen möchten, können das nach wie vor tun - außerhalb der Schulzeit.