Ein Stück wilde, wunderbare Welt

Wo verbringen junge Leute in der Region ihre Freizeit? Was ist angesagt? Gibt es sie, die Orte, an denen sich jeder trifft? Zum Feiern – oder einfach zum Abhängen. Die SZ hat sich auf die Suche gemacht und stellt in einer Serie diese Orte vor. Heute: zu Besuch an den Remerschener Seen in Luxemburg.

Einmal auf dem Rücken der Wildgänse mitfliegen. Wie Nils Holgerson, die Zeichentrickfigur aus der Feder von Selma Lagerlöf. Es gibt einen Ort, an dem fühlt man sich diesem Traum ganz nah. Im weichen Sand liegen, den Luftzug auf der Haut spüren, das Schnattern im Ohr, wenn der Schwarm Wildgänse über die Köpfe zieht. Im Schilf die Libellen. Nicht ganz so herrlich, Gänsekot, Tretminen, die überall verstreut sind. Aber so ist das im Naturschutzgebiet. Hier in den alten Kiesgruben in Luxemburg, im "Haff Réimech". Das Feuchtgebiet ist 280 Hektar groß, liegt im Moseltal zwischen Weinbergen, Schengen und Schwebsingen. 100 Hektar misst das Naturschutzgebiet. 97 Vogelarten brüten im Haff, 44 davon stehen auf der Roten Liste der besonders gefährdeten Arten. 130 Hektar groß ist der Freizeitbereich. Die Remerschener Seen . Natur pur. Ein Stück Freiheit. Abschalten. Zumindest die Familien mit Kindern, die vielleicht zuvor den Lehrpfad durchs Naturschutzgebiet abgewandert sind. Oder im Naturkundemuseum "Biodiversum" um die Ecke waren. Das ähnelt einem umgekippten Schiffsrumpf. Die junge Generation war dort vorher nicht. Sie feiert einen Tag am See im Strandbad. Sie karren alles an: Grill, Holzkohle, Tische und Stühle, Strandmuscheln, Kühl- und Musikboxen, Frisbees, Volleybälle, Alkohol. Alles erlaubt. "Wir feiern heute Geburtstag", erzählt der 21-jährige Sam aus Luxemburg und nimmt einen Schluck Bier. Es riecht verkokelt. Das Fleisch auf dem Grill brennt an. Nebensache. Die Gruppe will Spaß haben. Tanzt und albert herum. "Man kann hier machen, was man will", sagt Sam.

Auf den beiden Beachvolleyballfeldern heiße Gefechte. Über 20 Mannschaften haben sich beim Turnier angemeldet. Vieles Amateure. Aber es geht um nichts - außer die Ehre und den Spaß. Ein kurzer Hüftschwung am Netz, ein paar rhythmische Bewegungen zur Musik. Gutes Ablenkungsmanöver. Wer guckt schon auf den Ball? Neben dem Feld buddeln sie einen in den Sand ein. Nur noch sein Kopf lugt raus. Wieder ein paar Meter weiter stärken sich die Volleyballer mit Kaltgetränken und Würsten. Es sind vor allem junge Leute, die einfach Lust hatten, mit Freunden abzuhängen, Gleichgesinnte zu treffen und zwischendurch eine Runde Volleyball zu zocken. In den Pausen eine Abkühlung im See oder man macht sich auf den Rängen der Beachvolleyballarena breit. Hecken grenzen die Ränge ab. Das Feld von überall im Auge. Die 25-jährige Liz hat ihre Studienfreunde überzeugt, am Turnier teilzunehmen. Vier Leute müssen es sein für eine Mannschaft. "Wir haben leider erst ein Spiel gewonnen", sagt sie etwas geknickt. Aber das trübt lange nicht die Stimmung. Das nächste Spiel kommt.

Auf den Rängen der Beachvolleyball-Arena machen sich es sich die Zuschauer bequem, während auf den Feldern der Schweiß tropft.

Das Amphitheater mit der Beachvolleyball-Arena gibt es noch nicht lange. Die Gemeinde Schengen hat viel vorangebracht. Neue Sandstrände und Liegewiesen. Ein vergrößerter Bereich für Nichtschwimmer, abgetrennt vom Rest des Sees. Kommendes Jahr sollen Wasserspiele dazu kommen. "Wir wollten eigentlich auch einen Wasserski-Lift bauen", erzählt Michel Gloden von der Gemeinde Schengen . Weil rund um die Remerschener Seen aber alles Naturschutzgebiet ist, sei das nicht möglich. Natürlich muss der Wettergott gnädig sein, damit es die Leute an den See zieht. 50 000 sind es pro Jahr. Dabei gibt es große Veranstaltungen selten. "Die Leute sorgen selbst für Unterhaltung. Das ist das, was sie wollen", sagt Gloden. Deshalb werde auch niemand vom Gelände geschmissen. Wenn mal jemand bis Mitternacht bleiben will, sei das okay. Und das für vier Euro Eintritt. Vor mehr als 25 Jahren badeten sie noch wild in den Kiesgruben. Heute ist die Naturoase ein organisierter Fluchtpunkt aus dem Alltag. Vor allem für die jungen Leute, die hier das Leben feiern. Im weichen Sand, im Wasser, in Freiheit - als könnten sie auf dem Rücken der Wildgänse mitfliegen. (wird fortgesetzt)