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Wittelsheim
Giftmülldeponie im Elsass soll schließen

(Symbolbild).
(Symbolbild). FOTO: picture alliance / dpa / Marc M¬aller
Wittelsheim. Bei Stocamine nahe Wittelsheim lagern Tonnen hochgefährlicher Substanzen. Es gibt Parallelen zu den Endlager-Plänen im lothringischen Bure. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Mehr als zehn Tage lang brannte 2002 der Block 15 der Sondergiftmüll-Deponie nahe dem elsässischen Wittelsheim. Dabei war bei der Eröffnung der Anlage Stocamine drei Jahre zuvor der Bevölkerung versichert worden, dass es sich bei den in einem alten Salzbergwerk gelagerten Paketen zwar um hochgiftige, aber „nicht brennbare“ Substanzen handele. Neuer Giftmüll wurde seitdem nicht mehr nach Wittelsheim gebracht, dorthin, wo Frankreichs einzige Deponie für insgesamt 320 000 Tonnen hochgefährlichen Abfall entstehen sollte.


Zum Zeitpunkt des Feuers lagen aber bereits 44 000 Tonnen 500 Meter unter der Erde. Nach dem Brand wurde lediglich ein Bruchteil davon herausgeholt, um herauszufinden, was zu dem Feuer geführt hatte. Und es zeigte sich: In den Paketen waren nicht nur die Substanzen zu finden, die gekennzeichnet worden waren, sondern auch weitere nicht giftige, dafür aber brennbare Stoffe. Und das obwohl dies dem Betreiber strengstens verboten worden war. 2008 stand deshalb der ehemalige Leiter von Stocamine vor Gericht. Er bekam vier Jahre Haft auf Bewährung und musste 50 000 Euro Strafe zahlen.

Nun haben sich Frankreichs Parlamentarier mit dem Fall beschäftigt. 25 Anhörungen und 50 Treffen mit Experten führte der zuständige Ausschuss in den vergangenen Monaten durch. Ein Blick in den 130-seitigen Abschlussbericht zeigt nicht nur verheerende Zustände am elsässischen Standort, sondern vor allem auch, dass Gefahrenquellen bei der Planung von Stocamine von Experten damals falsch eingeschätzt wurden. Dies betrifft zum Beispiel die natürliche Flutung des ehemaligen Salzbergwerks. Aufgrund der physischen Eigenschaften des Salzes befindet sich das unterirdische Lager in dem alten Bergwerk in einer langsamen, aber nicht aufzuhaltenden Bewegung. Dadurch rücken die Innenwände immer enger zusammen. „Der Umstand, dass die Bedeutung dieses Phänomens unterschätzt wurde, hatte zur Folge, dass nicht nur die Teilräumung des Lagers erschwert, sondern auch dass die Wartung der Flure in dem unterirdischen Lager verhindert wurde“, heißt es in dem Bericht.



Eine weitere Gefahr ist, dass die Anlage auf Dauer wasserdurchlässig wird und sich der Müll irgendwann mit dem Grundwasser vermischt. Wann dies frühestens auftreten könnte, darüber sind sich die Experten nicht einig. In der Gefahrenstudie des 1996 eingereichten Antrags gehen pessimistische Vorhersagen davon aus, dass die Giftpakete frühestens in 1500 Jahren mit Wasser in Berührung kommen könnten. Doch unter den nun angehörten Experten gehen die Meinungen weit auseinander: Manche sehen die Salzlauge in 300 Jahren auf ein bedenkliches Niveau steigen, andere bereits in 70 Jahren. Und so halten die Berichterstatter fest: „Niemand weiß genau, wie schnell das alte Salzbergwerk geflutet werden könnte.“

In dem Bericht kommt auch die fehlerhafte Kommunikation rund um das Projekt ans Licht. Habe man in der Öffentlichkeit zu Beginn der Planung verbreitet, dass alle Substanzen ausschließlich in Fässern gelagert werden würden, so habe man in der Praxis ebenso auf sogenannte „Bigbag“-Behälter zurückgegriffen, die weniger fest als Fässer sind. Außerdem gebe es nach wie vor Ungewissheit darüber, was die Giftpakete tatsächlich enthalten. Geplant war bei Stocamine, zyanidhaltige Substanzen, Asbest, Chrom, Quecksilber, belastete Erde, Laborabfälle und Pflanzenschutzmittel zu lagern. Doch nach dem Brand seien Pakete geöffnet worden, die als Asbest deklariert waren, aber zusätzlich brennbare Stoffe und Pflanzenschutzmittel beinhalteten. Dies lasse Zweifel über „die Art und Weise der Kennzeichnung des Mülls durch Stocamine bei der Einlagerung“ aufkommen.

Und so sprechen sich die Parlamentarier dafür aus, die Giftpakete zurückzuholen und Stocamine dicht zu machen. „Eine Räumung des verbleibenden Mülls soll jegliches Risiko einer Kontamination von Europas größter Trinkwasserreserve verhindern“, so die Empfehlung. Doch wohin mit dem Müll? Die giftigsten Substanzen könnten in Frankreich nirgendwo anders gelagert werden, denn Stocamine war der einzige dafür geeignete Standort. Eine Alternative im Bericht führt ins Nachbarland: „Diese sollten nach Deutschland gebracht werden, wo rund zehn ähnliche Lagerungsstandorte existieren.“ Dafür müsste man aber alle Stoffe präzise bestimmen, um sicher sein zu können, dass sie den deutschen Kriterien für eine Lagerung entsprächen.

In der Grenzregion wird man beim Fiasko von Stocamine ganz besonders hellhörig. Nicht nur, weil Wittelsheim gar nicht so weit entfernt liegt, sondern weil die Entstehungsgeschichte dieser Deponie an ein sehr aktuelles Projekt erinnert: Das Atommüll-Endlager im lothringischen Bure. Gestritten wird hier vor allem um die Rückholbarkeits-Klausel. Dadurch soll gewährleistet werden, dass der Atommüll woanders hingebracht werden kann, sollten in den ersten 100 Jahren nach Inbetriebnahme bessere technologische Lösungen gefunden werden.

Doch auch bei Stocamine war die Rede von Rückholbarkeit. Nach 30 Jahren sollte zwischen drei Optionen entschieden werden: eine neue befristete Genehmigung für die weitere Lagerung, eine unbefristete Genehmigung oder die Räumung des Lagers. Für Letzteres sind aber bestimmte Voraussetzungen nötig, etwa die Möglichkeit, Ursprung und Inhalte der Müllpakete zu verfolgen, stabile Behälter für die Lagerung und die Möglichkeit, jederzeit zu den Paketen zu gelangen. In Wittelsheim ist keine dieser Voraussetzungen vollständig gegeben.