Handwerk Schornsteinfeger plagen Nachwuchssorgen

Saarbrücken/Kaiserslautern · So mancher Schornsteinfeger sieht schwarz für seine Zunft: Denn der Branche geht der Nachwuchs aus. Das könnten auch die Kunden zu spüren bekommen.

Ein Schornsteinfegermeister trägt einen Gürtel mit einer Koppel, die einen Hut, eine Leiter und einen Besen zeigt.

Ein Schornsteinfegermeister trägt einen Gürtel mit einer Koppel, die einen Hut, eine Leiter und einen Besen zeigt.

Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Als Glücksbringer-Symbol ist er begehrt. Doch als Ausbildungsberuf hat er vielerorts an Anziehungskraft verloren. Vor allem im Saarland, aber auch in Rheinland-Pfalz, fehlt es an Schornsteinfeger-Nachwuchs. „Das ist eine Entwicklung, die ich mit Sorge beobachte“, sagte Michael Gaertner, Vorstandsmitglied der Landesinnung und Dozent in der überbetrieblichen Lehrlingsausbildung.

Als er 1991 seine Ausbildung begonnen habe, habe die Klassenstärke noch bei 25 gelegen, sagte Gaertner. Im Vorjahr hätten gerade noch drei Azubis ihre Lehre begonnen, von ihnen seien aktuell nur noch zwei übrig: „Damit sind wir beim Tiefpunkt angelangt.“ In den vergangenen zehn Jahren habe man noch etwa ein Dutzend neue Azubis pro Jahrgang verzeichnen können. Aktuell gibt es im Saarland 129 Betriebe mit insgesamt 24 Auszubildenden.

Auch die Landesinnung in Rheinland-Pfalz verzeichnet sinkendes Interesse bei den Bewerbungen - wenn auch nicht in solchem Maße wie im Nachbarland. Nach Angaben von Landesinnungsmeister Marco Villmann benötigt man etwa 45 Azubis im Jahr, tatsächlich seien es in den letzten Jahren zwischen 35 und 38 gewesen, die ihre Lehre begannen. „Früher hat es Bewerbungen gehagelt, mittlerweile ist es so, dass man schon aktiv vorgehen muss.“ Wie Innungen aus anderen Bundesländern beteiligen sich auch die Rheinland-Pfälzer an einer Werbeplattform, die unter dem Motto „Komm ins Team Schwarz“ auch online und in sozialen Netzwerken für das Schornsteinfeger-Handwerk wirbt. Und das mit Erfolg: Befragungen der Interessenten hätten ergeben, dass etwa 20 Prozent der Azubis durch diese Aktion auf den Beruf aufmerksam geworden seien.

Bundesweit blieben die Zahlen nach Auskunft des Bundesverbandes (ZIV) mit knapp 620 Azubis hingegen stabil. Warum man „gegen den Trend gelaufen“ sei, kann sich auch der saarländische Landesinnungsmeister Eric Scherer nicht erklären. Noch mehr Kopfzerbrechen bereite ihm jedoch, dass das Interesse, sich selbstständig zu machen, bei den Kollegen offenbar gering sei. Bis Ende 2027 gehe jedoch ein Dutzend Schornsteinfeger in Rente. Laut ZIV-Vorstand Udo Voigt steigt der Anteil in den nächsten zehn Jahren sogar auf 46 Prozent.

Woran das schwindende Interesse an dem Beruf liegt, darüber können Fachleute nur spekulieren. „Wir haben das Gefühl, dass man allgemein einfach nicht mehr handwerklich tätig sein will“, sagte Gaertner. Zudem hätten viele junge Menschen vielleicht ein falsches Bild von diesem Beruf und wüssten die Vorzüge nicht zu schätzen: „Es ist ein sehr traditioneller Beruf mit sehr vielen innovativen Komponenten.“ Im Gegensatz zu früher stehe der Kehrbesen längst nicht mehr im Mittelpunkt, sondern dieser sei durch moderne Technik abgelöst worden. „Heute ist der Laptop selbstverständlich, und selbst Drohnen haben wir bei unserer Arbeit schon im Einsatz“, berichtete der Meister und Gebäudeenergieberater. „Wir sind zwar angezogen wie Schornsteinfeger“, bestätigte Scherer. „Aber eigentlich sind wir Energieberater.“

Das Saarland hatte es bislang mit einer eigenen Kampagne unter dem Motto „Sei besonders, werde Schornsteinfeger/in!“ versucht, will sich laut Scherer nun jedoch als eines der letzten Länder ebenfalls der bundesweiten Initiative anschließen. Zudem kämpfen die Innungen bei Schulbesuchen und auf Messen um Nachwuchs. „Aber wenn man neben großen Ständen von der Bundeswehr, Bosch oder ZF steht, geht man als kleines Handwerk ein bisschen unter“, sagte Gaertner.

Dabei stehe die Schornsteinfeger-Branche sogar noch gut da im Vergleich zu anderen, meinte Villmann: „Maurer, Fliesenleger und andere Berufe im Bauhandwerk haben es noch viel, viel schwerer.“ Aufstiegschancen für Schornsteinfeger seien wegen des Mangels an Arbeitskräften „phänomenal“, zudem sei die Ausbildungsvergütung deutlich angehoben worden. „Bis einer ausstudiert hat, kann er bei uns schon viel Geld verdient haben“, sagte der Landesinnungsmeister aus Rheinland-Pfalz. Auch gebe es gute Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen und selbstständig zu machen.

Und nicht zuletzt profitiere dieser Beruf auch von seiner positiven Außenwirkung, sagte Gaertner. „Ich lege immer noch sehr viel Wert auf die traditionelle Berufskleidung mit den goldenen Knöpfen“. Andere investierten viel Geld für so ein Image: „Wir haben es von Hause aus und sollten es auch mit Stolz nach außen tragen.“

Sollten die Lehrlingszahlen weiter sinken, könnten dies langfristig auch die Kunden zu spüren bekommen - nicht nur durch längere Wartezeiten für eine Gebäudeenergieberatung. „Wenn die Manpower fehlt, könnten wir die Prüfungsintervalle nicht mehr schaffen“, warnte Gaertner. Die Folge: Durch längere Untersuchungszeiträume könnten mögliche Mängel nicht rechtzeitig erkannt werden.

Und auch aus einem weiteren Grund hofft er, dass die Zahl der Azubis speziell im Saarland wieder wächst: Denn möglicherweise werde es sich sonst nicht mehr lohnen, dass Lehrkräfte aus dem Berufsbildungszentrum weiter in das Innungsgebäude nach Rohrbach kommen. „Ob es in dieser Personenzahl künftig noch mal eine Ausbildungsklasse geben wird, ist fraglich“, sagte er. Alternativ müssten die saarländischen Azubis dann zum Block-Unterricht in das landesweite Schulungszentrum mit Internat nach Kaiserslautern.

Auch Landesinnungsmeister Scherer wünscht sich, dass dies nicht nötig wird. Erste Zahlen für das neue Lehrjahr stimmten ihn jedenfalls vorsichtig optimistisch: Für den 1. August hätten die Schornsteinfeger-Betriebe bereits sechs Ausbildungsverträge abgeschlossen.

© dpa-infocom, dpa:240526-99-166875/3

(dpa)
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