Wie die jüdischen Gemeinde Trier auf den Terroranschlag in Halle reagiert

Judentum : Junge Juden: „Wir haben keine Angst“

Der Schock nach dem Terroranschlag von Halle sitzt tief. Man wolle jetzt noch offener werden und noch mehr Dialoge führen, sagen vor allem junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde Trier.

Der Anschlag in Halle war für alle ein Schock – das Leben in der jüdischen Gemeinde in Trier hat er aber nicht verändert: „Wir haben keine Angst. Wir treffen uns wie bisher und feiern unsere Gottesdienste“, sagte die Vorsitzende der Gemeinde, Jeanne Bakal. Keiner der Mitglieder habe gesagt, er komme jetzt nicht mehr zur Synagoge, weil er verängstigt sei. „Es kann überall passieren. Aber man kann nicht ständig in Angst leben“, sagt die 51-Jährige, die in St. Wendel wohnt.

Sicherheitsmäßig sei die Synagoge seit Jahresanfang schwer aufgerüstet worden. Es gebe eine Schleuse aus schusssicherem Glas am Eingang, Videokameras sollten in diesen Tagen angebracht werden. Es gebe Alarmknöpfe, Gitter vor den Fenstern, am Parkplatz seien ausfahrbare Poller oder eine Schranke geplant. „Diese Sicherheit ist gut und wichtig, aber wir kommen uns vor wie Extrawürstchen. Dabei wollen wir ja eigentlich so sein wie alle anderen.“

Im Kampf gegen Antisemitismus gebe es „viele Chancen, indem man zu Dialogen einlädt“ sagte Gennadiy Nayfleysh (24). „Das ist der Klassiker, aber meiner Meinung nach immer noch am effektivsten.“ Begegnungen zwischen Kulturen und Begegnungen zwischen Religionen. Das werde schon viel gemacht. „Es müssten aber noch mehr Dialoge sein“, sagte der Leiter des Jugendzentrums, der in Mannheim technische Logistik studiert. Bakal fügte hinzu: „Was schützen hilft, ist Dialogpolitik. Und mental noch weiter die Türen öffnen.“

Auch Aufklärung sei wichtig, sagte Nayfleysh. Oft werde das Judentum mit Israel quasi gleichgestellt: „Die Leute vergessen, dass die Religion im Prinzip nichts mit dem Staat und der Politik dort zu tun hat.“ Auch er betonte, nach Halle habe sich sein Alltag nicht geändert. „Klar machen wir uns Gedanken und Sorgen über die aktuelle Situation, über den Antisemitismus. Aber es war nicht der erste Vorfall und es wird auch leider nicht der letzte gewesen sein.“

In Halle hatte am 9. Oktober ein Deutscher gewaltsam versucht, in die Synagoge einzudringen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-Jährigen in einem Döner-Imbiss. Der 27-jährige Täter ist in Untersuchungshaft und gibt ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv zu.

Das Ziel der Rechtsextremen sei, den Juden Angst einzujagen - dass sie sich abschotteten und „eine geschlossene jüdische Gemeinde werden“, sagte der Vorsitzende des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz, Avadislav Avadiev. „Wenn wir das machen, dann würde das heißen, dass diejenigen, die das wünschen, gewonnen haben. Die wollen ja bezwecken, dass die jüdische Glaubensgemeinschaft langsam Koffer packt und Deutschland verlässt.“ Daher werde man das nicht tun. Man wolle offen bleiben und den interreligiösen Dialog weiter vorantreiben, sagte auch er.

In den fünf jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz seien rund 3100 Mitglieder gemeldet. Seiner Kenntnis nach lebten aber mehr als 10 000 Menschen jüdischen Glaubens in dem Bundesland. „Manche sagen mir offen, dass sie sich nicht bei den Gemeinden melden wollen, weil sie glauben nicht, dass man Antisemitismus hier bekämpfen kann“, sagte Avadiev bei einer Ausstellungseröffnung in Trier über jüdisches Leben in Deutschland. „Das ist tragisch, aber das ist Fakt.“

„Jüdisches Leben in Deutschland heißt für mich bunte Vielfalt“, sagte der rheinland-pfälzische Antisemitismusbeauftragte Dieter Burgard. 2021 werde 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert: Ein Erlass vom römischen Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321 gilt als ältester Beleg für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Trier und Mainz seien Belege, dass es in Rheinland-Pfalz schon zur Römerzeit Juden hier gab. „Darauf sollen wir bauen“, sagte Burgard.

Von den 460 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Trier stammen 450 aus früheren Ländern der Sowjetunion. „Antisemitismus ist unser ständiger Begleiter“, sagte Bakal, die vor 25 Jahren mit drei Generationen ihrer Familie aus Moldawien (Republik Moldau) nach Trier kam. „Wir sind damit aufgewachsen.“ Auch in Deutschland sei er mal stärker zu spüren, dann wieder weniger. „Antisemitismus sondert uns ab, das wird immer so sein. Aber er hält uns auch zusammen.“

„Aber wir wollen nicht nur von der schattigen Seite betrachtet werden, sondern auch von der sonnigen Seite“, sagte Bakal. Die Gemeinde sei sehr aktiv und mache viele Veranstaltungen. „Wer will, kann mit offenem Herzen kommen und schauen.“ Es gebe auch „Brückenbauer“ in der Gemeinde: Junge Menschen, die auf Anfrage in Schulklassen kämen und „auf Augenhöhe“ von ihrem Glauben und Leben erzählten.

Wie zum Beispiel ihre Tochter Thaissja Bakal (19). „Ich mache das immer gerne“, sagte sie. Für sie war der Anschlag in Halle auch schockierend. „Aber es ist kein Alltag in Deutschland“, sagte sie. Sie befremde, wie die jüdischen Gläubigen danach in eine Opferrolle gestellt worden seien. „Ich finde es seltsam, dass Blumen vor unserer Synagoge abgelegt wurden“, sagt Thaissja Bakal. Auch wenn sie wisse, dass das durchaus gut gemeint sei. Und von „jüdischen Mitbürgern“ zu sprechen, gehe gar nicht. „Wir sind jüdische Bürger.“

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