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Ungewöhnliches Ende der Schulzeit für Abiturienten in Rheinland-Pfalz

Abitur in der Corona-Krise : Großer Frust statt rauschendem Abi-Ball

Das Ende ihrer Schulzeit erleben Abiturienten im Corona-Pandemie-Ausnahmezustand. Viele müssen ihre Zukunftspläne zurückstellen.

Während im Saarland wegen der Corona-Krise die Abiturprüfungen um einen Monat auf den 25. Mai verschoben werden, sind für Abiturienten in Rheinland-Pfalz am vergangenen Freitag die Prüfungen zu Ende gegangen. Der letzte Schultag von Tom Alan Seling roch allerdings stark nach Desinfektionsmittel und war auch ansonsten sehr gespenstisch. Für die letzte mündliche Abiturprüfung musste der 19-Jährige noch einmal in sein eigentlich schon geschlossenes Gymnasium in Oppenheim bei Mainz. „Es hat sich angefühlt wie ein leeres Krankenhaus, nicht wie eine Schule“, erzählt er. Rund 15 000 Schülerinnen und Schüler haben in diesen Tagen in Rheinland-Pfalz ihr Abitur abgelegt, während das Land von einer historischen Krise erfasst wurde. In den Schulen findet wegen der Corona-Pandemie wie überall in Deutschland seit Beginn der vergangenen Woche kein Unterricht mehr statt.

Die Verantwortlichen in Gesundheitsbehörden und Bildungsministerien zerbrechen sich in diesen Tagen bundesweit den Kopf darüber, wie sie mit den Abiturprüfungen verfahren sollen. Das Saarland, Bayern und Thüringen haben den Beginn bereits verschoben. Sachsen hält zurzeit noch an geplanten Prüfungsterminen ab Ende April fest. In Hessen haben die schriftlichen Arbeiten trotz Coronavirus gerade begonnen, doch ob sie fortgeführt werden können, wird jeden Tag neu bewertet. Rheinland-Pfalz nimmt unter den Ländern eine Sonderrolle ein, weil hier das 13. Schuljahr (G 9) flächendeckend erhalten blieb, aber um einige Monate verkürzt ist.

Daher waren die schriftlichen Abi­turprüfungen zwischen Rhein und Mosel bereits geschrieben und benotet, als das Coronavirus das öffentliche Leben in Deutschland lahmlegte. Lediglich die mündlichen Prüfungen standen noch aus. Dazu, ob sie stattfinden könnten, kamen aus der Landeshauptstadt Mainz zunächst verwirrende Botschaften. Während die Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte, die Prüfungen sollten nur im Ausnahmefall verschoben werden, verschickte die Landesregierung zeitgleich eine Pressemitteilung, in der das Gegenteil zu lesen war. In all dem Informations-Chaos versuchten die Abiturienten, einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Es war keine allzu gute Stimmung“, berichtet der Philosophie- und Religionslehrer Jochen Ring, Sprecher des rheinland-pfälzischen Philologenverbands und Prüfungsvorsitzender am Martinus-Gymnasium in Linz am Rhein. „Aber die Schüler in NRW tun mir noch sehr viel mehr leid.“ Bei der Vergabe der Noten sei es in seinem Gymnasium natürlich um Leistungen gegangen. Aber auch die „Gesamtsituation“ sei von den Kollegen berücksichtigt worden. „Wir haben fair benotet.“

Unter den Abiturienten an seinem Gymnasium seien manche verunsichert gewesen, ob es sich überhaupt lohne, zu lernen, erzählt Tom Alan Seling. Er selbst versuchte, sich irgendwie mit Fontanes „Irrungen und Wirrungen“ zu beschäftigen, wurde aber doch ständig von den Krisenmeldungen auf dem Smartphone abgelenkt. Auch wenn in Oppenheim letztlich alle ihre Prüfungen hinter sich brachten, haben die wenigsten Anlass zum Feiern. „Es ist einfach sehr frustrierend“, sagt Selings Mitschülerin Mariella Schneider. Sie gehörte zu dem Schülerteam, das monatelang den örtlichen Abiball vorbereitet hatte.

Eigentlich war ein rauschendes Fest für 650 Gäste geplant, doch jetzt kommt es nur noch darauf an, die Kosten im Rahmen zu halten. Statt sich über das Abitur zu freuen, muss die 18-Jährige mit dem Vermieter der Festhalle und dem Caterer verhandeln und alle Verträge auflösen. Und damit hat das Elend der Abiturienten noch kein Ende: Auch Freiwilligendienst, Praktika oder Au-Pair-Einsätze – alles, was die Schulabgänger in Rheinland-Pfalz sich für die Zeit nach dem Abitur vorgenommen hatten, liegt auf Eis. Viele hatten monatelang für eine große Reise gejobbt, haben nun aber schlechte Chancen, ihr Geld jemals zurückzubekommen.

Das Gymnasium in Oppenheim kündigte inzwischen in einem Rundschreiben an, die Abiturzeugnisse würden aufgrund der besonderen Umstände per Post versandt. Wenn die Corona-Krise einmal überwunden ist, soll es jedoch eine „würdige Feierstunde in der Turnhalle unserer Schule“ geben, hieß es.

(epd)