Die besondere WG:: Studentinnen ziehen ins Seniorenheim ein

Die besondere WG: : Studentinnen ziehen ins Seniorenheim ein

Anfang des Jahres sind zwei Studentinnen in einer Seniorenresidenz in Trier eingezogen. Sie zahlen keine Miete – dafür verbringen sie Zeit mit den Bewohnern. Jetzt sollen zwei weitere Studentinnen dazukommen.

) Studentin Anne Bourgmeyer fühlt sich mittlerweile im Seniorenheim richtig zu Hause. Seit Anfang des Jahres wohnt die 21-Jährige in Trier mit insgesamt gut 160 älteren Bewohnern unter einem Dach. Und sagt heute: „Ich bin jetzt Teil der Residenz.“ Die junge Frau aus Luxemburg ist für ein ganz besonderes WG-Projekt eingezogen: Sie muss keine Miete zahlen – dafür, dass sie mit den Senioren Zeit verbringt. „Es ist richtig schön hier. Von alten Menschen lernt man so viel“, sagt sie.

Seit Februar hat sie eine Mitstreiterin: Eine Studentin aus der Pfalz teilt sich mit ihr ein Appartement. „Damit ist das Projekt noch lebendiger geworden“, sagt Bourgmeyer. Gemeinsam haben sie schon etliches organisiert: Filmnachmittage im Kinoraum, eine Kochveranstaltung und einen Discoabend – mit Musik der 1950er und 1960er Jahre. „Der kam echt gut an. Die Leute haben mitgetanzt, das war der Hammer.“ Da sei es für Heim-Verhältnisse „echt spät“ geworden: 23.30 Uhr.

35 Stunden im Monat sollen die Studentinnen in der „Residenz am Zuckerberg“ mit den Bewohnern reden, spielen, auf den Wochenmarkt gehen – oder was ihnen eben sonst noch einfällt. Dafür wohnen sie umsonst mitten in der Trierer City – was angesichts des knappen Wohnraums für Studenten ein echter Hauptgewinn ist.

„Es läuft sehr gut“, sagt auch Heim-Geschäftsführerin Andrea Cremer zu dem Projekt. „Die Studentinnen bringen Leben ins Haus.“ Im September oder Oktober würden noch zwei weitere Studentinnen im Heim einziehen – dann sei die Studenten-Riege komplett. Wer den Zuschlag bekomme, entscheide sich voraussichtlich in der nächsten Woche.

Die Resonanz der Bewohner sei „durch die Bank weg positiv“, berichtet Cremer. Manchmal werde auf dem Gang geredet, manchmal im Café. Die Teilnahme an den Veranstaltungen der Studentinnen werde immer größer. „Dadurch sind auch unter den Bewohnern Kontakte entstanden, die sonst vielleicht nicht entstanden wären.“ Klar sei: Mit dem Studentinnen-WG-Projekt wolle man „auch dem Alleinsein der Bewohner entgegenwirken“.

Anne Bourgmeyer, die Erziehungswissenschaften studiert, begleitet Bewohner auch mal bei einem Bootsausflug. Demnächst will sie mit ihrer Kommilitonin und Bewohnern die hauseigene Bibliothek neu gestalten. „Sie sind alle superlieb hier. Manche sind offener als andere, aber mit jedem kommt man hier super aus“, sagt die junge Frau. Neben den Studenten im Haus engagieren sich noch vier weitere Studenten, ohne im Heim zu wohnen.

Die Idee für die „Residenz-WG“ kam aus den Niederlanden: Da gibt es Cremer zufolge ein ähnliches Projekt, mit dem gleichen Ziel: Dem „Grijze Druk“ (dem grauen Druck) entgegenzuwirken und eine immer älter werdende Gesellschaft bunter zu gestalten. Nach der Recherche von Cremer ist die Trierer WG in ihrer Form in Deutschland die erste. „Nach dem Start haben wir viele Anrufe von Interessierten bekommen.“

Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, ist vom Ansatz des Projektes begeistert. „Der Kontakt mit jungen Leuten ist für ältere Menschen extrem wichtig.“ Junge, agile Menschen könnten Senioren „losreißen“. „Dann werden sie geistig rege: Man bleibt einfach in Action“, sagt der Chefarzt der Geriatrischen Klinik und Tagesklinik im nordrhein-westfälischen Schwelm. Es sei ein idealer Weg aus der Einsamkeit.

Auch im Mainzer Wohnprojekt „Wohnen in Gemeinschaft“ leben seit Ende 2015 Senioren, Studenten und Menschen mit Behinderung gemeinsam unter einem Dach. „Das ist ein ganz normales Wohnhaus, nur sind die Wohnungen nicht abgetrennt voneinander. Es gibt gemeinsame Küchen und Aufenthaltsräume“, sagt der Sprecher der Kreuznacher Diakonie, Heiko Schmitt. Die Studenten verpflichteten sich, am Programm „Wohnen für Hilfe“ teilzunehmen. „Statt hoher Mieten, können Studierende bei uns durch das Erbringen von Hilfeleistungen die Miete verringern“, sagt er. Die Studenten erledigten Einkäufe, Behördengänge und Aufgaben im Haushalt. Pflegerische Aufgaben müssten sie ausdrücklich nicht übernehmen, betont Schmitt.

(dpa)