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SPD-Landtagsabgeordnete Giorgina Kazungu-Haß kämpft gegen Rassismus

Giorgina Kazungu-Haß : Die Abgeordnete und der latente Rassismus

Giorgina Kazungu-Haß kämpft als erste schwarze Abgeordnete im Mainzer Landtag gegen rassistische Stereotypen. Aufrichtig und nachhaltig.

Als der Mainzer Landtag kürzlich in der letzten Plenarsitzung vor der Sommerpause diskutierte, ob das Wort „Rasse“ in der Landesverfassung noch zeitgemäß sei oder ersetzt werden sollte, ging auch die SPD-Politikerin Giorgina Kazungu-Haß ans Rednerpult. „In diesem Raum sitzen 101 Abgeordnete“, begann sie ihren Beitrag. „Davon sind 100 nicht von Rassismus betroffene Menschen und eine von Rassismus betroffene Person. Und das bin ich.“ Die gebürtige Koblenzerin ist die erste schwarze Landtagsabgeordnete seit der Gründung des Bundeslandes.

Wer in Deutschland lebe und nicht weiß sei oder „nicht deutsch“ aussehe, mache regelmäßig Erfahrungen mit Rassismus, berichtet Kazungu-Haß, die den Wahlkreis Neustadt/Weinstraße vertritt. Das reiche von „Positivzuschreibungen, die einem nichts nutzen“ bis hin zu Übergriffigkeiten.

Als Mädchen erlebte sie, wie ihre deutsche Mutter beschimpft wurde, wenn sie mit ihrem kenianischen Vater zusammen durch die Stadt ging. Deshalb habe sie sich als Kind nie in die Sonne getraut – aus Angst, sie könnte noch dunkler werden. Und wenn sich Weiße in die Sonne legten, fand sie das total verrückt: „Ich dachte: Wieso wollen die denn jetzt auch schwarz sein? Das bringt doch nur Nachteile!“

Es gebe in Deutschland „keine nichtweiße Person, die das nicht erzählen kann“, stellt sie klar. Sich selbst identifiziert Kazungu-Haß klar als Rheinland-Pfälzerin und als Deutsche. Zur SPD ging sie einst, weil ihr Vater, der Kenianer, so sehr von Helmut Schmidt schwärmte. In Kenia war sie in ihrem Leben bislang gerade einmal drei Wochen, aber viele Deutsche wollten all das gar nicht akzeptieren. So komme es immer wieder zu grotesken Situationen, wenn sie in einem Gespräch erwähne, dass sie Germanistik und evangelische Theologie studiert habe.

2018 sorgte ein Vorfall für einigen Wirbel, als ein Zugbegleiter die Abgeordnete und ihre Familie aus der 1. Klasse werfen wollte, ohne überhaupt nach den Fahrkarten zu fragen. Nicht das Verhalten des konkreten Schaffners sei das Problem, sondern die Denkweise, die dahinter stehe: „Und das ist der Gedanke, dass Menschen, die anders aussehen, nicht erste Klasse sind.“

Schon zu Beginn ihrer Abgeordnetenzeit hatte sie sich mit einem ehemals populären Radio-Moderator angelegt, der sich im Internet mit fremdenfeindlichen Beiträgen eine erschreckend große Fangemeinde aufgebaut hatte. Ihre Strafanzeige brachte den Mann zwar nicht vor Gericht, führte aber vorübergehend zur Abschaltung seiner Facebook-Seite.

Auch als die Bild-Zeitung im Juni nach den Krawallen in Stuttgart ganz genau aufrechnete, wie viele der festgenommenen Randalierer Deutsche mit und ohne „Migrationshintergrund“ waren, riss der Politikerin der Geduldsfaden – und traf den Nerv vieler. Ihr wütender Twitter-Beitrag bekam schnell über 15 000 „Likes“. Das Wort „Migrationshintergrund“ erwecke viel zu oft den Eindruck, dass die Gesellschaft für Fehlentwicklungen nicht zuständig sei, schließlich gehe es ja nur um Menschen, die keine „richtigen Deutschen“ seien.

Aber genau das sei fatal, klagt Kazungu-Haß. Denn Deutschland könnte nach Überzeugung der Abgeordneten noch viel besser funktionieren, wenn Menschen mit ausländischen Wurzeln nicht ständig ausgegrenzt würden. Seit ihrer Wahl in den Landtag haben vor allem die Angriffe gegen sie im Internet zugenommen. Zunehmend gebe es aber auch Solidarität von Menschen aus dem Wahlkreis.

Manchmal, erzählt die Pfälzerin, schreibe sie den Pöblern auch zurück, zum Beispiel, wenn jemand zwischen den Zeilen erwähne, dass er schwer krank oder arbeitslos sei. Es sei auch schon vorgekommen, dass sich die Verfasser rassistischer Kommentare hinterher entschuldigt hätten.

Überhaupt seien gar nicht die Beleidigungen am Schlimmsten. Viel mehr ärgert sich Kazungu-Haß über pseudo-wissenschaftliche Schreiben, in denen stehe, warum der Kampf gegen Rassismus erst die Ursache für Rassismus sei und warum sie als Schwarze es besser seinlassen möge, dagegen vorzugehen.

Daran, dass sie als Bildungs- und Kulturpolitikerin derzeit häufiger Anfragen zum Thema Rassismus beantworten muss, hat sie sich offenbar auch schon gewöhnt. Zwar hätte sie es bevorzugt, wenn es in den 70 Jahren Landesgeschichte schon früher einmal schwarze Abgeordnete gegeben hätte: „Aber es ist nun einmal so, dass ich die erste bin. Ich bin kein Grund zum Feiern, sondern zum Nachdenken.“