| 00:00 Uhr

Schlaraffen-Ritter stürmen die Völklinger Hütte

Völklingen. Mainz gegen Heidelberg, so lautete am Samstag das Duell zweier „Reyche“ der „Schlaraffen“. Der kleine Völklinger Ableger dieses Männerbundes hatte sich als Ausrichter des großen Ereignisses angeboten – und begeisterte 400 Gäste aus 50 Städten. Peter Wagner

Im Grunde ist es ein Jammer mit den Schlaraffen. Sie hätten so viel vorzuzeigen und kommen so Aufsehen erregend daher, dass Fernsehsender und Theater sie mit Kusshand nehmen würden. Aber ach, die vor 156 Jahren in Prag gegründete Männervereinigung möchte für sich sein. Sie hat sich Freundschaft, Kunst und Kultur als Zwecke verordnet - und sonst gar nichts, keine Veranstaltungen für Publikum, keine Botschaften und Missionen, keine Wohltätigkeiten. Man genügt sich selbst und bedient das eigene Seelenheil. Wer das "politisch unkorrekt" nennen will, trifft daneben, weil Schlaraffen sich nicht um Politik scheren.

Die Mitglieder frönen einem intellektuellen mittelalterlichen Spotten, das Adel und sonstige Obrigkeiten hochnimmt. Sie nennen sich Ritter und tragen Kunstnamen, die sich aus Beruf und Hobby ableiten. Der Völklinger Walter Ruffing heißt "Eause-cours", weil er bei der DLRG und bei der Versicherung war. Die Ritter führen Schwerter aus Holz oder Eisen, hüllen sich in Fantasie-Uniformen und treffen sich im Winterhalbjahr wöchentlich in ihren "Burgen", also Rittersaal-ähnlichen Räumen, zu "Sippungen". Dort grüßen sie einander und ihr Wappentier, den Uhu, mit "lulu"-Rufen, singen, dichten, juxen und feixen. Die Rituale und die Sprache sind für Außenstehende kaum zu verstehen. Was bedrohlich ernst wirkt, löst sich als besonders witzig auf.

Ausgesprochen bedeutungsschwer, also dann doch wieder extrem heiter, ging es am Samstagabend in der Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte zu. Dort kam es zu einer "Reychsfehde", die die Ortsgruppen ("Reyche") aus Mainz (Moguntia) und Heidelberg (Haidelberga) austrugen. Selbst alt gediente Schlaraffen wie der 84-jährige Egon Geisler ("Prahlinetto", weil er aus der Schokoladenbranche kommt) hatten dergleichen nie zu Gesicht bekommen. Ausrichter des farbenprächtigen Spektakels, einem nur für den Abend inszenierten Ritter-Theaterstück, war das 1966 (aus dem älteren Reych Sarebrucca heraus) gegründete Reych Fulkolinga, also Völklingen .

Über ein halbes Jahr hatten Ober-Schlaraffe Walter Teusch ("Ritter Phil-Jus", Jurist und Sohn eines philantropischen Schlaraffen) und seine Mitstreiter an der Vorbereitung des Ereignisses gefeilt. Da auch die "Burgfrauen" zugegen sein durften, waren fast 400 Personen aus über 50 Städten aus der ganzen Republik sowie angrenzender Länder unterzubringen, zu bewirten und mit einem Rahmenprogramm zu erfreuen. "Allschlaraffenrat" Beat Kaech ("Ritter Drill", Armeeangehöriger) aus Solothurn in der Schweiz, einer der ranghöchsten der weltweit gut 10 000 Ritter, war begeistert von der "perfekten Veranstaltung" und der "Eysenburg Fulkolinga", in die die meisten ohne Schlaraffia nie gefunden hätten.