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Polizistenmorde von Kusel: Staatsanwaltschaft will Sicherungsverwahrung

Bei einer Verurteilung : Staatsanwaltschaft zieht für Andreas S. Sicherungsverwahrung in Betracht

Die Tat in der Pfalz erschüttert das Land: Zwei Polizisten werden bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle erschossen. Akribisch untersucht das Gericht die Hintergründe. Die Schilderungen sind oft drastisch.

In Handschellen und begleitet von Justizwachtmeistern betritt der Hauptangeklagte im Kaiserslauterner Polizistenmord-Prozess den Saal. Stets schon zu Beginn der bisher zehn Prozesstage wird ganz deutlich, dass hier im Landgericht kein gewöhnliches Verbrechen verhandelt wird. Hat der 39-Jährige bei einer nächtlichen Fahrzeugkontrolle Ende Januar bei Kusel eine Polizistin und ihren Kollegen mit Kopfschüssen ermordet? Der Mann bestreitet dies. Der deutschlandweit beachtete Prozess war im Juli in die Pause gegangen. Am Donnerstag und Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt.

Im holzvertäfelten Saal 1 nimmt dann auch der Nebenangeklagte wieder Platz. Einst sollen die beiden Männer zusammen illegal Wild gejagt haben. Heute trennen sie mehr als nur vier Stühle. Den Ermittlern zufolge hatte der Nebenangeklagte kurz nach der Tat den Hauptangeklagten für die tödlichen Schüsse verantwortlich gemacht. Im Prozess schweigt der Mann. Der Hauptangeklagte wiederum hatte gesagt, er habe zwar den Polizisten in einer Art Notwehrlage getötet. Sein damaliger Komplize habe aber die Polizistin erschossen. Im Prozess würdigen sich die Männer keines Blickes. Manchmal schüttelt der Nebenangeklagte bei Aussagen des 39-Jährigen leicht den Kopf.

Fall Kusel: Tonaufnahmen im Gerichtssaal

Wenn ein mutmaßlicher Mord verhandelt wird, sind die Beweismittel oft erschütternd. Das ist in Kaiserslautern nicht anders. An einem Tag werden Tonaufnahmen einer Überwachungskamera unweit des Tatorts abgespielt. Darauf sind deutlich Schüsse zu hören – und ein harter lauter Knall am Ende. „Wie ein Fangschuss“, sagt ein Zeuge.

An einem anderen Tag ist der nächtliche Notruf des Polizeikommissars zu hören. Mit Todesangst in der Stimme bittet der 29-Jährige mit seinen letzten Worten um Hilfe. „Die schießen, die schießen“, ruft er fast panisch in das Funkgerät, wenig später ist ein letzter Schuss zu hören. Dann beklemmende Stille. In solchen Momenten ist auch in dem Gerichtssaal mit den deckenhohen Fenstern kurz kein Ton zu hören.

Gelegentlich sorgt der Hauptangeklagte bei Prozessbeobachtern für Verwunderung. So bringt der 39-Jährige sein Wissen über Waffen und Munition, das prozessgeladene Jäger bestätigen, stellenweise eher wie ein Experte ein. Einmal erklärt er dem Vorsitzenden Richter die Funktion eines Wärmebildzielfernrohres („Wenn Sie es scharf haben wollen, müssen Sie es kalibrieren“), ein anderes Mal fachsimpelt er mit Sachverständigen und erzählt detailreich seine Version des Tatablaufs - etwa unter Berücksichtigung eines Klanggutachtens.

„Mal aus der Erinnerung, mal als Erkenntnis“, sagt er an einem Tag, an dem er gleich zwei Mal die Schusswechsel nachstellt. Er steht auf, läuft herum, geht bei den Schilderungen in die Knie und hält die Hände so, als trügen sie eine Waffe. Als er zum Richter geht, um Unterlagen zu erklären, sagt der Oberstaatsanwalt: „Sie verkennen offensichtlich Ihre Lage. Setzen Sie sich wieder auf Ihren Platz!“

Wie sehr der Fall die Öffentlichkeit bewegt, ist an den Zuschauern zu sehen. Nach einem peniblen Sicherheitscheck am Eingang warten vor jedem Termin Dutzende auf Einlass - darunter etliche, die regelmäßig kommen. „Ich habe bisher fast keinen Tag ausgelassen“, sagt ein Frau, die mit dem Zug aus dem nahen Saarland anreist. Sie habe keinen persönlichen Bezug zu den Beteiligten, es interessiere sie einfach.

Wie auch ein Paar, ebenfalls aus dem Saarland, das wiederholt in den fast komplett besetzten Reihen Platz nimmt. „Wann hat man schon mal die Möglichkeit, so ein Verfahren live zu verfolgen“, so die beiden.

Andreas S. : Staatsanwaltschaft zieht Sicherungsverwahrung in Betracht

Rund 40 Kilometer von Kaiserslautern entfernt gibt der Wald bei Kusel an einer Stelle den Blick frei auf Hügel und Dörfer. Was hier geschah, nannte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) „eine Tat, die an eine Hinrichtung erinnert“. Nahe Ulmet sind Ende Januar die 24 Jahre alte Polizeianwärterin und ihr Kollege um kurz nach 4.00 Uhr morgens unterwegs. Ein geparkter Kastenwagen mit Saarbrücker Kennzeichen kommt ihnen verdächtig vor, sie steigen zur Kontrolle aus und entdecken im Laderaum gewildertes Fleisch, insgesamt mehr als 20 Damhirsche und Rehe. Wenige Minuten später sind die beiden tot.

Was geschah in der Januar-Nacht? Im Prozess werden Bekannte der Angeklagten und Vernehmungsbeamte, IT-Techniker, Jägerkollegen und viele mehr gehört. Es ist eine langwierige Aufarbeitung. Derzeit sind Termine bis Ende November geplant. Parallel laufen Ermittlungen im Saarland, dem Wohnort des Hauptverdächtigen. Er durfte eigentlich keine Waffen besitzen. Auch einen Jagdschein hat er nicht mehr besessen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft kommt bei ihm bei einer Verurteilung auch Unterbringung in Sicherheitsverwahrung in Betracht.