Alles unter Dach und Fach: Nordsaarland-Werkstätte übernimmt ab April

Alles unter Dach und Fach : Nordsaarland-Werkstätte übernimmt ab April

Die Tochter der Lebenshilfe St. Wendel gibt den Angestellten der insolventen B.-Paulus-Betriebe eine neue berufliche Heimat. Beide Produktionsstandorte bleiben zunächst.

Die Tinte ist getrocknet. Die Unterschriften auf dem Vertrag besiegeln den Abschluss langwieriger Verhandlungen. Zum 1. April übernimmt die Lebenshilfe Nordsaarland Werkstätte gGmbH (Lebenshilfe NSW) den Geschäftsbetrieb der insolventen B. Paulus GmbH und deren Tochter, der Delimar Tiefkühlspezialisten GmbH (wir berichteten).  Die hundertprozentige Tochter der Lebenshilfe St. Wendel sichert damit 162 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz. Darunter 100 Menschen mit Behinderung. Das sei das oberste Ziel gewesen, betont Hermann Josef Scharf, Geschäftsführer der Lebenshilfe St. Wendel. „Denn viele der Menschen mit Behinderung arbeiten schon seit mehr als 20 Jahren in dieser Werkstatt. Für sie ist dieses Unternehmen zu ihrer zweiten Heimat geworden“, sagt Scharf. Der Paulus-Betrieb war eine Besonderheit im Saarland. Denn die seit 1980 eingetragene Werkstatt für Behinderte wurde als einzige privatrechtlich und nicht gemeinnützig geführt. Eines der Kerngeschäfte des Betriebs ist das Verpacken von Tiefkühlprodukten. Es gibt zwei Standorte – in Merzig und Rehlingen-Siersburg. An beiden soll zunächst die Produktion weitergehen. „Für zwei Jahre haben wir die Objekte mit Option auf Fortsetzung gemietet“, erläutert dazu Bernhard Müller, Aufsichtsratsvorsitzender der Lebenshilfe St. Wendel. Wobei der Stammsitz in Merzig in keinem guten Zustand sei. Dort stünden auf Dauer hohe Investitionen an. Daher plant die Lebenshilfe NSW, den Produktionsschwerpunkt nach Rehlingen zu verlagern. Durch Mietkauf soll die Immobilie in den Besitz der Lebenshilfe NSW übergehen.

Im Dezember 2017 stellte das Traditionsunternehmen B. Paulus Insolvenzantrag. Nicht das erste Mal, dass der Betrieb in Schieflage geraten war. Bei einer ersten Insolvenz in Eigenregie wurden zwei Standorte in Thüringen geschlossen. Die dazugehörigen Immobilien sollten verkauft, das Unternehmen so saniert werden. Dies gelang allerdings nicht. Während die Mitarbeiter in Thüringen ihre Jobs verloren, geht es für die Beschäftigten hier weiter. Bernhard Müller lobt deren Durchhaltevermögen in den zurückliegenden 15 Monaten: „Alle sind an Bord geblieben.“

Einen langen Atem haben auch all jene bewiesen, die an der Übernahme mitgearbeitet haben, weshalb wohl Müller jenen Moment der Vertragsunterzeichnung am Freitag als „historisch“ beschreibt. „Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit unserer Entscheidung, und unsere Gremien haben sehr aufmerksam und kritisch diesen Prozess einer möglichen Übernahme begleitet und letztendlich dann die Übernahme aller Geschäftsbereiche der beiden Paulus-Firmen beschlossen“, sagt Peter Schön, Lebenshilfe-Geschäftsführer. Trotz des Wunsches, die Werkstätte für Behinderte weiterzuführen, so ergänzt Bernhard Müller, durfte kein Risiko für die Lebenshilfe St. Wendel selbst entstehen. Denn die zählt aktuell etwa 850 Beschäftigte. Eine Herausforderung laut Müller bestand darin, dass aus einem gemeinnützigen Träger wie der Lebenshilfe St. Wendel nicht ohne weiteres Mittel fließen dürfen. Daher habe erst ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet und vom Finanzamt anerkannt werden müssen, um dann Geld transferieren zu können.

Aber warum engagiert sich die Lebenshilfe St. Wendel mit der neuen Tochtergesellschaft ausgerechnet in Betriebsstätten außerhalb des eigenen Landkreises? „Historisch verwachsen“ – so beschreibt der Aufsichtsratsvorsitzende die Verbindung zwischen der Lebenshilfe St. Wendel und der Lebenshilfe Merzig-Wadern. Letztere habe den Prozess der Übernahme mit aller Kraft unterstützt.

Rudi Geßner unterschreibt gerade den Übernahme-Vertrag. Daneben sitzt Dionysius Eisenharth, sein Geschäftsführer-Kollege bei der neugegründeten Lebenshilfe Nordsaarland Werkstätte gGmbH. Es bezeugen die Unterschrift jene, die im Vorfeld an der Übernahme der B.-Paulus-Betriebe beteiligt waren. Foto: Georg Lauer

Geleitet wurde der Paulus-Betrieb zuletzt von dessen Insolvenzverwalter, Jurist Günther Staab. Dem attestiert Rudi Geßner eine gute Arbeit. Geßner wird mit Dionysius Eisenbarth das Geschäftsführer-Duo der Lebenshilfe NSW. Durch die Insolvenz sei Vertrauen verloren gegangen, sagt Geßner. „Aber wir haben bereits jetzt positive Resonanz der Kunden erfahren. Denn mit den Produkten geht eine hohe soziale Kompetenz einher.“ Dass Menschen mit Behinderungen an der Produktion beteiligt sind, komme an. Handelsketten zählen zu den Kunden. Geßner ist froh, dass die Betriebsstätten gemietet werden konnten. So bleibe mehr Spielraum für den Wareneinkauf. „Es geht am Ende darum, positive Ergebnisse zu erwirtschaften“, gibt Bernhard Müller die Marschrichtung vor.

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