„Nach 51 Jahren kann ich diesen Schritt gehen“ Missbrauchsopfer verklagen Bistum Trier auf hohe Summen

Trier · Missbrauchsopfer wollen das Bistum Trier verklagen. Die Opferinitiative Missbit unterstützt das Vorgehen von Betroffenen – und hat einen Hilfsfonds errichtet.

 Thomas Kiessling, Rudolf Fischer, Hermann Schell und Jutta Lehnert (von links) von der Opferinitiative Missbit während der Presekonferenz.

Thomas Kiessling, Rudolf Fischer, Hermann Schell und Jutta Lehnert (von links) von der Opferinitiative Missbit während der Presekonferenz.

Foto: dpa/Harald Tittel

Als Kind wurde Thomas Kiessling von einem Benediktinerpater der Abtei St. Matthias in Trier vergewaltigt. Jetzt, mit 61 Jahren, will der Trierer Startenor den Orden auf Schmerzensgeld verklagen. „Nach 51 Jahren kann ich diesen Schritt gehen“, sagte Kiessling während einer Pressekonferenz des Vereins der Missbrauchsopfer und Betroffenen im Bistum Trier (Missbit) in Trier.

Insgesamt seien zwei Klagen in Vorbereitung, informierte Missbit-Sprecher Hermann Schell. Eine Befragung unter Mitgliedern der Opferinitiative habe ergeben, dass zehn weitere Opfer bereit seien, den juristischen Schritt auch zu gehen.

Die möglichen Kläger orientierten sich dabei an einem Urteil des Kölner Landgerichts vom Juni 2023, das einem Opfer 300.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen hatte.

Am Wochenende hatte der Trierische Volksfreund über das zweite Opfer, das klagen möchte, berichtet. Doch vorab versucht der Mann mit seinem Anwalt eine außergerichtliche Einigung mit dem Bistum Trier zu erzielen. Er verlangt 300.000 Euro.

Ein Pfarrer hatte den heute Anfang 60-Jährigen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre in einer Pfarrei im Kreis Trier-Saarburg jahrelang schwer missbraucht. Rudolf Fischer, ein ehemaliger Richter, der Missbit ehrenamtlich berät, sagte während der Pressekonferenz, bis Ende des Monats rechne man mit einer Antwort und ob eine Einigung möglich sei. „Ich habe noch Hoffnung“, sagte Fischer.

Missbit kritisiert das Bistum Trier

Missbit-Sprecher Schell ist weitaus skeptischer: Er kritisiert die Aufarbeitung und den Umgang mit Opfern im Bistum Trier heftig. So habe Bischof Stephan Ackermann während eines Gesprächs mit Missbit außergerichtliche Vergleichsverhandlungen abgelehnt. Ebenso den Vorschlag der Opferinitiative, formell zusammenzuarbeiten und gemeinsam einzelne Fälle aufzuarbeiten. Die Erfahrungen der letzten vierzehn Jahre Betroffenenarbeit zeige, sagte Schell, Betroffenenorientierung, Anerkennung des Leids und Kultur der Aufmerksamkeit seien Worthülsen. Nach wie vor werde vertuscht und das System Kirche mit aller Macht geschützt.

Daraus ziehe Missbit nun Konsequenzen und konzentriere sich darauf, Betroffene bei ihren Zivilklagen zu unterstützen. „Das wird belastend und kostspielig sein“, so Schell.

Missbit möchte Missbrauchsopfer unterstützen

Deshalb hat die Opfervereinigung am Mittwoch einen Hilfsfonds errichtet. Missbit bittet um Spenden und versucht, Kredite zur Vorfinanzierung der Klagen einzuwerben. Eine Zivilklage kostet teils mehr als 30.000 Euro. Auch appelliert die Opferinitiative an die Öffentlichkeit, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren, etwa indem sie vor Gericht mit dabei sind.

Thomas Kiessling betont, es gehe ihm bei der Zivilklage nicht nur um Schmerzensgeld. Er wolle Aufklärung. „Jumbo“, so der Spitzname des Paters der Abtei, der ihn als Kind jahrelang vergewaltigt habe, habe noch weitere Kinder missbraucht. Er hofft, dass sich weitere Betroffene melden. „Und ich möchte meine Frage beantwortet wissen, ob die Abtei, der Abt und Ackermann mit schuldig sind, denn sie wissen Bescheid“, sagte Kiessling. Er sei sich bewusst, dass eine Klage vor Gericht ein schwerer Weg sei, aber mithilfe seiner Familie, Freunden und Missbit schaffe er dies, so der Startenor.

Missbit hat nach eigenen Angaben aktuell rund 70 Mitglieder. Mehr als die Hälfte davon waren laut Schell von Missbrauchstaten betroffen.

Seit der Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche im Jahr 2010 hat das Bistum Trier bis Ende 2022 insgesamt gut 2,1 Millionen Euro zur Anerkennung des Leids an 164 Opfer gezahlt. Zum Bistum Trier gehören gut 1,2 Millionen Katholiken in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Bis Mittwoch Mittag seien noch keine Klagen seitens eines Gerichts beim Bistum eingegangen, sagte Bistumssprecherin Judith Rupp auf Anfrage unserer Zeitung. In einer Stellungnahme zur Pressemeldung Missbits heißt es, das Bistum werde sich Klagen grundsätzlich stellen. Jeder Fall werde einzeln zu betrachten und rechtlich zu prüfen sein. Außergerichtliche Vergleiche neben dem von den Bistümern und Orden gemeinsam eingerichteten Verfahren zur Anerkennung des Leids lehne das Bistum ab. Der Umgang mit Akteneinsicht, den die Opferinitiative ebenfalls scharf kritisiert hatte, solle verbessert werden.

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