Kleiner Ball, große Erfolge

Für Tobias Thomas war 2014 ein erfolgreiches Jahr. Der 28-Jährige aus Dörsdorf ist trotz einer geistigen Behinderung eine echte Sportskanone. Tischtennis ist seine große Leidenschaft, und die betreibt er auch sehr erfolgreich.

Bei den Deutschen Tischtennismeisterschaften für Menschen mit geistiger Behinderung war Tobias Thomas klasse in Form. Im fränkischen Marktheidenfeld verteidigt der 28-Jährige aus Dörsdorf mit Hartmut Freund seinen Titel im Teamwettbewerb und feiert erstmals die Meisterschaft im Einzel in der Wettkampfklasse 11 (WK 11, geistige Behinderung). Thomas belegt in der Weltrangliste nun Platz 38. "Ich muss eine Vitrine anbauen, so viele Pokale stehen schon da drin", freut sich der Werkstattbeschäftigte auf dem Wendelinushof. Der Behindertensportler ist im Gespräch mit der SZ völlig offen und ergänzt sofort, dass er lernbehindert sei. Frei weg erzählt er, wie es zu seiner Krankheit gekommen ist. Im Alter von sechs Jahren soll er in der Grundschule bei einem Sturz mit dem Kopf auf dem Boden aufgekommen sein. "Durch den Sturz haben sich Gehirnkrämpfe gebildet, die sich anschließend verschlimmert haben", klärt Thomas auf. Plötzlich lebt der gesunde Junge in einer anderen Welt. "Meine Freunde waren nicht mehr da", bedauert er bis heute. Sein Krankheitsbild gibt der Uniklinik Heidelberg Rätsel auf, später wird bei ihm das Landau-Kleffner-Syndrom (siehe Infobox) festgestellt.

Drei Jahre später begleitet er seinen Freund Stefan Noß zum Tischtennistraining. "Ich wusste zunächst nicht, wie die Sportart zum Krankheitsbild passt", sagt er. Jedoch Tischtennis zu spielen, habe ihm auf Anhieb gut gefallen. "Und es hat mir gut getan, und ich bin dabei dabeigeblieben", schwärmt Tobias Thomas .

Trainer Klaus-Dieter Giebel kümmert sich um den Schützling. Ab der C-Jugend geht er für den Tischtennisclub (TTC) Dörsdorf an die Platte, baut Kondition auf und schult Konzentration und Koordination. "Die Angriffsbälle zu spielen, liegt mir am besten", sagt er. Für den TTC spielt er mittlerweile auf der Eins in der ersten Kreisklasse. "Die Ballwechsel sind sehr schnell geworden. Wenn man gewinnen will, darf man nicht so viele Fehler machen", weiß Thomas.

Tagsüber erledigt er mit viel Spaß seinen Job im Hofladen, abends hat er nicht nur den Schläger in der Hand. "Ich gehe zudem noch tanzen und fahre in einem Drachenboot mit", erzählt der vielseitige Behindertensportler.

Seit 2012 wird er vom Deutschen Behinderten-Sportverband (DBS) gefördert und trainiert teils zwei Mal wöchentlich bei Saar-Verbandstrainerin Jang Jing in Saarbrücken und übt einmal pro Woche zusätzlich zum Vereinstraining im Urexweiler Werkstattzentrum. Trainingsfleiß und Begeisterung haben sich ausgezahlt. Vor zwei Jahren hat er in Frankreich an einem Europameisterschafts-Turnier teilgenommen. Beim Weltranglistenturnier 2012 in San Diego (USA) belegte er den überragenden Platz vier. "Ein riesiger Erfolg für mich und ein tolles Erlebnis", schwärmt Thomas. Von seinen Eltern und dem Bruder werde er super unterstützt. "Sonst wären die Erfolge nicht möglich", stellt er fest. Tatkräftig engagiert er sich mittlerweile beim Heimatclub auch in der Jugendbetreuung. "Ich bin noch jung und kann noch 40 Jahre Tischtennis spielen", blickt er voraus. Sein Ziel: Mit dem TTC Dörsdorf viele Spiele gewinnen und sich für die Europa- und Weltranglisten-Turniere qualifizieren.

Zum Thema:

HintergrundDas Landau-Kleffner-Syndrom ist eine seltene Kombination aus Sprachstörung und Epilepsie (Krampfanfälle ). Symptome und Folgen: Die Krankheit beginnt zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Die vorher altersgemäß entwickelten sprachlichen Fähigkeiten des Kindes gehen innerhalb von Tagen und Wochen verloren, hinzu kommen häufig auch epileptische Anfälle. Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Beginn der Krampfanfälle und dem Sprachverlust ist variabel, sowohl das eine als auch das andere können vorausgehen. Dabei werden die Sprachstörungen im Allgemeinen als Folge der Krampfanfälle gewertet. Die verloren gegangenen beziehungsweise mangelnden lautsprachlichen Fähigkeiten schränken das soziale Leben und die Kommunikation stark ein und können sie unmöglich machen. Schulbesuch, Berufsausbildung und Arbeitsleben sind beeinträchtigt. Die epileptischen Anfälle bergen die Gefahr von Verletzungen und Unfällen. Ursachen: Die genauen Ursachen des Syndroms sind unklar, es wird ein entzündlicher Prozess im Gehirn vermutet. frf