„Es muss immer jemand bei ihr sein“ Frau aus Trier erleidet Hirnschaden nach Corona-Impfung – wie die Familie damit lebt

Trier/Mainz · Millionen haben sich gegen Corona impfen lassen und nur leichte Nebenwirkungen verspürt. In wenigen Fällen aber kam es zu schweren Schädigungen, die bei den Betroffenen bis heute das Leben auf den Kopf stellen. So wie bei Familie Klöckner in Trier.

 Mandy Klöckner :Sie hat seit einer Corona-Impfung im März 2021 schwere Hirnschädigungen, die den Alltag der Familie stark beeinträchtigen.

Mandy Klöckner :Sie hat seit einer Corona-Impfung im März 2021 schwere Hirnschädigungen, die den Alltag der Familie stark beeinträchtigen.

Foto: dpa/Harald Tittel

Seit einer Corona-Impfung Anfang März 2021 ist bei Familie Klöckner in Trier alles anders. Mandy Klöckner, damals 46 Jahre alt, gehörte als Erzieherin in einem Kindergarten zu einer Gruppe, die relativ früh nach dem Impfstart geimpft wurde. Sie bekam den Impfstoff des Herstellers Astrazeneca – und erlitt einen schweren Impfschaden: Im Gehirn kam es zu einer Sinusvenenthrombose, einer gefährlichen Verstopfung der Venen, mit Blutplättchenmangel, an der sie fast gestorben wäre.

„Sie lag vier Wochen auf der Intensiv im künstlichen Koma und hat um ihr Leben gekämpft“, erzählt ihr Mann Alexander Klöckner. Es folgten mehr als eineinhalb Jahre Krankenhaus und Reha, bis sie im Oktober 2022 wieder nach Hause kam – und ein neues Leben zwischen Betreuung und Therapie organisiert werden musste. Ihr Impfschaden ist laut Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung offiziell anerkannt – als einer von bisher insgesamt neun Fällen in Rheinland-Pfalz.

„Sie ist rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen“

Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts, das in Deutschland für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist, hat es mehr als 192 Millionen Impfungen mit zugelassenen Impfstoffen gegen Corona gegeben. Insgesamt 205 Verdachtsfälle einer Thrombose mit einer Verminderung der Zahl der Blutplättchen nach Gabe von Vaxzevria (Astrazeneca) seien bis Ende März gemeldet worden.

 Familie Klöckner, Jan (l-r), Mandy und Alexander, sitzt an einem Tisch in ihrem Haus.

Familie Klöckner, Jan (l-r), Mandy und Alexander, sitzt an einem Tisch in ihrem Haus.

Foto: dpa/Harald Tittel

Heute sitzt Mandy Klöckner zu Hause am Esstisch, aber nichts ist mehr wie es war. „Sie ist rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen“, sagt ihr Mann. Tagsüber seien Betreuungskräfte bei seiner Frau. Und ansonsten kümmerten er und sein Sohn Jan sich um die heute 49-Jährige. „Das Leben ist komplett auf den Kopf gestellt. Es dreht sich alles nur um Therapie und Organisation.“

Sie könne nie mehr arbeiten gehen, nie mehr Autofahren oder ihren gewohnten Tagesabläufen nachkommen. „Vor dem Ereignis war sie immer sehr selbstständig und ist gerade durchs Leben gegangen. Und sie hatte immer alles im Griff“, sagt ihr Mann (50), der bei der Trierer Berufsfeuerwehr arbeitet, und zeigt Fotos auf seinem Handy aus glücklichen Tagen.

„In Teilbereichen mental auf dem Stand eines Kindes“

„Es muss immer jemand bei ihr sein“, sagt ihr Sohn Jan (23), der an der Universität Trier BWL studiert. Sonst sei die Gefahr zu groß, dass seine Mutter etwas Unüberlegtes mache. „Sie ist sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst. Sie ist in Teilbereichen mental auf dem Stand eines Kindes“, sagt er. Auf die Frage, was sie am Tag am liebsten mache, sagt sie: „Skip-Bo spielen. Und Pik Dame, das mag ich auch.“ Ihr Blick geht immer wieder ins Leere.

Auch wenn heute ein wenig Routine eingekehrt sei – die letzten gut zwei Jahre haben bei Vater und Sohn Spuren hinterlassen. „Ich war wirklich zwei Jahre im Tunnel“, sagt Alexander Klöckner. „Entweder ich war Arbeiten oder ich war im Krankenhaus oder bei der Reha.“ Ohne seinen Sohn, der sich um bürokratische und juristische Dinge gekümmert habe, hätte er es nicht geschafft. Beide hätten in der Zeit auch psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

Denn Mandy Klöckner musste viel durchmachen: zwei Operationen, weil der Hirndruck zu stark war. Die Ärzte gaben ihr eine Überlebenschance von 10 bis 30 Prozent. Dann die Rekonstruktion der Schädeldecke mit einem Implantat aus einem 3D-Drucker in Australien. Und in der Reha musste sie erst stehen, dann gehen und sprechen neu lernen.

Mögliche Klage gegen Astrazeneca auf Schadenersatz

Die Berufsgenossenschaft habe den Impfschaden als Arbeitsunfall anerkannt, sagt Jan Klöckner. Das habe sehr geholfen, um die Kosten für die Reha und auch den behindertengerechten Umbau des Hauses zu finanzieren. „Wir wollten ja nicht, dass sie in ein Pflegeheim kommt“, sagt Alexander Klöckner.

Beide Männer würden sich gerne mit anderen Betroffenen austauschen, auch mit Blick auf eine mögliche spätere Klage gegen Astrazeneca auf Schadenersatz. Sie haben eine E-Mail-Adresse eingerichtet, an die Interessierte schreiben können: impfung.tr@icloud.com. „Vielleicht wissen die anderen Leute nicht, dass sie einen Anspruch bei der Berufsgenossenschaft hätten. Und vielleicht wissen sie auch was, was wir nicht wissen“, sagt Jan Klöckner.

Dass eine Klage gegen das britisch-schwedische Unternehmen Astrazeneca schwierig werden könnte, darüber sind sich die Klöckners bewusst. Bisher sind mehrere Impfschaden-Klagen in erster Instanz abgewiesen worden – mit der Begründung, der Nutzen der Impfung für die Allgemeinheit sei höher als das Risiko eines möglichen Impfschadens.

„Man muss Astrazeneca nachweisen, dass sie zum Zeitpunkt der Impfung Kenntnis hatten, dass es diese Nebenwirkung (der Thrombosen) in einem signifikanten Maß gibt. Der aktuelle Stand ist, dass Astrazeneca nach eigenen Angaben es nicht wusste und damit aus der Haftung raus ist“, sagt Jan Klöckner, der sich intensiv mit der Materie beschäftigt hat.

„Ich bin weder ein Impfgegner noch ein Skeptiker“

Fakt ist, dass nach mehreren Fällen von Thrombosen infolge einer Astrazeneca-Impfung in Deutschland am 19. März 2021 Impfungen mit dem Vakzin vorübergehend ausgesetzt worden waren. Später empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) den Stoff in Deutschland nur noch für Menschen über 60 Jahren. An Gerichten in Deutschland sind mehrere Klagen auf Schadenersatz gegen Hersteller von Corona-Impfstoffen wegen möglicher Impfschäden anhängig. Eine rechtskräftige Entscheidung bisher ist bundesweit nicht bekannt.

Für Alexander Klöckner gibt es „eine gesellschaftliche und politische Verantwortung“ auf Entschädigung. „Ich bin weder ein Impfgegner noch ein Skeptiker. Wir sind alle dreifach geimpft. Auch Mandy. Sie hat im Krankenhaus ihre zweite Impfung bekommen mit Biontech und in der Reha die dritte.“ Er verstehe, dass alles in der Corona-Pandemie sehr schnell gehen musste. „Aber ich finde es fatal, wenn jetzt für die, die Schaden erlitten haben, nicht eingestanden wird mit allen Mitteln“, sagt er.

In Rheinland-Pfalz sind bislang 559 Anträge wegen möglicher gesundheitlicher Schäden nach einer Corona-Impfung gestellt worden, wie das Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung in Mainz mitteilt. In 167 Fällen wurde der Antrag abgelehnt, 16 weitere hätten sich erledigt, 367 Fälle seien noch in Bearbeitung. In den anerkannten Fällen ging es demnach viermal um den Impfstoff von Astrazeneca, dreimal um den von Johnson&Johnson und zweimal um das Vakzin von Biontech, wie eine Sprecherin sagt.

Ende 2022 haben Mandy und Alexander Klöckner zum zweiten Mal geheiratet. Er habe ihr mit einem Blumenstrauß vor dem Rollstuhl knieend noch mal einen Antrag gemacht. Und ob sie gleich ja gesagt habe? „Ja!“, sagt Mandy Klöckner. Und lächelt.

(dpa)