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Haftpflichtprämien für Hebammen steigen drastisch

Geburtshilfe im Saarland : Vom Kampf um eine natürliche Geburt

Seit Jahren steigen die Haftpflichtprämien für Hebammen drastisch. Immer weniger Freiberufliche bieten Geburtshilfe an, da die Kosten kaum noch tragbar sind. Hebamme Maria Wallat und ihre Kollegin Rebekka Prümm kämpfen trotzdem weiter – aus Leidenschaft.

Ihre Arme auf dem kleinen weißen Schreibtisch abgestützt, blickt Maria Wallat durch ihre Brillengläser besorgt auf die blonde junge Frau, die ihr gegenüber auf einem rosa Ecksofa sitzt. "Erst eine Fehlgeburt, dann eine Eileiterschwangerschaft . Bei der Schwangerschaft mit meiner ersten Tochter gab es Komplikationen und jetzt hat der kleine Mensch hier Klumpfüße. Warum muss das alles uns passieren?", klagt die werdende Mutter und betrachtet ihren runden Bauch. "Kinder mit einer Behinderung suchen sich nur Mamas aus, die damit auch umgehen können", antwortet die 62-jährige Hebamme Wallat nach einer kurzen Pause. Sie spricht leise und mit ruhiger Stimme.

Solche Beratungsgespräche gehören zur alltäglichen Arbeit der Britterin, die seit Oktober 1989 als freiberufliche Hebamme arbeitet. Vor anderthalb Jahren eröffnete sie mit ihrer Kollegin Rebekka Prümm die kleine Hebammenpraxis in der Saarburger Innenstadt, außerdem leitet sie das Geburtshaus im Obergeschoss der nahegelegenen Klinik. Die Praxis ist für die beiden eine Sicherheit, falls das Geburtshaus geschlossen werden sollte. So wie etwa die Geburtshilfe-Abteilung des Waderner Krankenhauses 2007 und das Geburtshaus in Saarbrücken 2012 kurzerhand zugemacht wurden. Dass Frauen sich in der Praxis melden, sobald ein positiver Schwangerschaftstest vorliegt, sei mittlerweile fast der Normalfall, sagt Wallat. Der Terminkalender der beiden Hebammen ist voll, kurzfristige Anfragen müssen meist abgewiesen werden.

"Bleibst Du trotzdem dabei, dass das Kind nicht im Krankenhaus auf die Welt kommen soll?", hakt die schlanke, sportliche Frau noch kurz nach und fährt sich mit ihren großen Händen durch die kurzen grauen Haare. "Wenn ab jetzt alles normal verläuft, dann auf jeden Fall", erwidert die Schwangere und erhebt sich langsam vom Sofa. Nachdenklich verabschiedet sich Wallat von ihr: "Alles wird gut. Das weiß ich." Vor der Tür warten Mütter , die mit ihrem Nachwuchs das "Baby-Café" besuchen wollen.

Sie verteilen sich auf den lila Matten, die auf dem Boden des größeren der beiden Räume der Praxis ausliegen. Durch die großen Fenster dringt viel Licht in den Raum. Dahinter ist eine Dachterrasse zu sehen, auf der ein lebensgroßer Storch aus Holz steht. Auf einem Massivholz-Schrank liegen CDs mit Namen wie "Meer, Wind und Wellen", "Engelsklang - Sphärische Musik zum Entspannen und Meditieren" und "Entspannen für zehn Minuten".

An Entspannung ist während des "Baby-Cafés" nicht zu denken. Wo noch vor ein paar Minuten eine etwas bedrückende Stimmung herrschte, füllt nun Gebrabbel der Babys den Raum, die teilweise schon durch den Raum krabbeln können. Immer wieder läutet es an der Tür, lachend begrüßt Wallat die Frauen, die sie während der Schwangerschaft begleitet hat. Ihre Stimme ist nun kräftig und fröhlich. Bald ist kaum noch ein Platz frei, ein gutes Dutzend Mütter sitzen auf dem Boden. Sie unterhalten sich, tauschen sich aus, einige stillen ihre Babys. Wallat, selbst zweifache Mutter, fragt nach, wie es ihnen und den Kleinen geht, gibt Tipps oder hört sich still die Probleme der Mütter an.

Etwa vier bis fünf Geburten begleiten Wallat und ihre 25-jährige Kollegin Rebekka Prümm im Monat. Mehr können sie zu zweit neben all den Vor- und Nachsorgeterminen, Hausbesuchen, Yoga- und Rückbildungskursen nicht leisten. Viele Frauen müssen sie abweisen, wenn möglich vermitteln sie diese weiter an Kolleginnen, beispielsweise jene des Merziger Geburtshauses.

Nach Angaben des Saarländischen Hebammenverbandes sind schätzungsweise 300 Hebammen im Saarland tätig, genaue Erhebungen gibt es nicht. Etwa 200 arbeiten freiberuflich, davon bieten lediglich 65 Geburtshilfe an. Die ständig steigenden Kosten der Haftpflichtversicherung zwingen viele Hebammen , die Geburtshilfe aus ihrem Angebot zu streichen. 8000 Euro muss Maria Wallat jährlich an die Versicherung zahlen, die Kosten von zwei Geburten monatlich. Als sie sich vor 27 Jahren selbstständig machte, waren es 350 D-Mark.

Nach dem "Baby-Café" setzt sich Wallat in ihren schwarzen Geländewagen und macht sich auf den Weg zu einem Hausbesuch. Um die 20 000 Kilometer legt sie mit ihrem Auto im Jahr zurück. Am Rückspiegel hängt ein orangefarbener Fisch aus Stoff, an seinem Schwanz sind lange Fäden befestigt. Ein Glücksbringer, den die Hebamme vor über zehn Jahren von einer Chinesin geschenkt bekommen hat, die sie betreute. Je mehr Fäden, desto mehr Glück.

An der Haustür steckt außen der Schlüssel, ein Zeichen, dass sie erwartet wird. Drinnen sitzt eine junge Frau und stillt ihren Sohn, den sie vor einer Woche entbunden hat. Die Rollläden sind halb runtergelassen, es riecht nach Baby. "Wie läuft es?", fragt Wallat. Die junge Frau zögert etwas, dann antwortet sie: "Na ja, er hängt eigentlich ständig an meiner Brust. Aber nur an der linken, und ohne wirklich viel zu trinken." Alle zwei Stunden soll er eigentlich gestillt werden, rät Wallat. "Der soll nicht an deiner Brust kuscheln oder schlafen", mahnt sie, "wenn er eindöst, weck ihn wieder auf". Sie kitzelt den Säugling an den Füßen, er beginnt sofort wieder zu saugen. Wallat schaut besorgt auf die rechte Brust der jungen Mutter, die gerötet und angeschwollen ist. "Die müssen wir abpumpen", sagt sie bestimmt und holt eine cremefarbene elektrische Milchpumpe aus der Küche. Die zweifache Mutter legt den Saugaufsatz an ihre Brustwarze und drückt den Anschalt-Knopf. Surrend pumpt die Maschine die Muttermilch aus der angeschwollen Brust - Wallat bleibt, bis der letzte Tropfen in die Auffangflasche geflossen ist. "Ich komme morgen noch einmal vorbei", sagt sie. Sie will die junge Frau zurzeit noch nicht lange alleine lassen.

Nach einer Entbindung besucht Wallat die jungen Mütter eine Woche lang jeden Tag, danach mindestens zwei- bis dreimal die Woche - je nach Bedarf. Eine intensive Betreuung ist ihr wichtig. Sie arbeitet sieben Tage die Woche, manchmal verbringt sie zwei Tage am Stück im Geburtshaus. Während einige ihrer freiberuflichen Kolleginnen höchstens ein bis zwei Wochen Urlaub im Jahr machen, nimmt sie sich allerdings auch mal länger frei. In dieser Zeit legt sie die Betreuung der Frauen in die Hände ihrer jungen Kollegin, manchmal übernehmen auch Hebammen aus Merzig ihre Arbeit. Sie alle kennen sich gut, helfen einander. Anders wäre eine umfassende Betreuung der Schwangeren nicht zu gewährleisten.

Nach dem Hausbesuch schaut Wallat im Geburtshaus vorbei. Bei ihrer Ankunft führen Rebekka Prümm und die 21-jährige Auszubildende Luisa Feilen eine Schwangere durch die Räume, zeigen ihr die Küche, das Bad mit der großen Wanne und Blick auf die Weinberge. "Was ist, wenn das Kind zu früh oder zu spät kommen sollte?", fragt die werdende Mutter. Dann müsse sie in der Klinik gebären, klären die Hebammen auf. "So sind die Auflagen der Krankenversicherung", begründet Prümm, die vor zwei Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Wenn der errechnete Geburtstermin um mehr als 21 Tage unter-, oder um mehr als drei Tage überschritten werde, entscheide ein Arzt über den Ort der Geburt. Egal, wie unkompliziert die Schwangerschaft vorher verlaufen sei.

Bei einer Entbindung im Saarburger Geburtshaus sind immer zwei Hebammen vor Ort, ein Gynäkologe stets zumindest rufbereit. Auf Medikamente wird verzichtet, die Geburt soll ganz natürlich ablaufen, was heutzutage längst nicht mehr normal ist. Die Kaiserschnittrate im Saarland betrug 2015 nach Informationen des Saarländischen Hebammenverbands 38,5 Prozent, bei einem Bundesdurchschnitt von 31,1 Prozent.

 Beim „Baby-Café“ treffen sich junge Mütter zum Austausch.
Beim „Baby-Café“ treffen sich junge Mütter zum Austausch.
 Das Team: Maria Wallat, Luisa Feilen und Rebekka Prümm (v.l.).
Das Team: Maria Wallat, Luisa Feilen und Rebekka Prümm (v.l.).

"Warum hast du dich für eine Ausbildung zur Hebamme entschieden?", fragen die beiden Kolleginnen die junge Auszubildende bei einer Tasse Kaffee im Büro des Geburtshauses. Luisa Feilen lacht, die Frage wird ihr angesichts der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen anscheinend öfters gestellt. "Meine Schwester ist sieben Jahre jünger als ich. Nach ihrer Geburt kam regelmäßig eine Hebamme zu uns nach Hause", erzählt sie. Da habe sie sich das erste Mal mit dem Berufsbild beschäftigt, schon damals habe die Tätigkeit sie fasziniert. Die Arbeit mache ihr Spaß. Auch wenn ihr klar sei, dass die Bedingungen zurzeit nicht gut seien. Wallat, die 1976 ihre Ausbildung abschloss, erinnert sich: "Zu meinem Abschluss schrieb mir eine Hebamme eine Widmung in das Buch ‚Hebamme im Wandel‘: ‚Für die Generation der Computer-Hebammen‘. Als hätte sie es damals schon gewusst." Apparaten würde heute mehr vertraut als Hebammen . Aber Geburt sei Geburt, damals wie heute. "Ich lasse mich nicht zur Assistentin eines Arztes degradieren", lautet ihr Standpunkt, "Ärzte sollen sich um Kranke kümmern, Hebammen um Schwangere ".