Gedenkveranstaltung zur Deportation von Juden in Luxemburg und der Region Trier

Gedanken an die Deportation von Juden in der Großregion : Gedenken an deportierte Juden

Nächste Woche jährt sich die Deportation von 512 Juden aus Luxemburg und der Region Trier. Daran erinnern Schüler auf beiden Seiten der Grenze.

Als die Lederfabrikanten Ernst und Else Schneider aus der Eberhardstraße 1 in Trier im Oktober 1941 ihre Post öffnen, hoffen sie vermutlich auf die letzten Unterlagen, die ihnen noch für die Flucht in die USA fehlen. Doch stattdessen befindet sich darin ein achtseitiges Formular, in dem sie ihren gesamten Besitz katalogisieren sollen. Alles außer „Sachen, die ordnungsgemäß mitgenommen werden“. Nur wenige Tage später, am 16. Oktober, finden sie sich mit ihrem 14-jährigen Sohn Hans am Bischof-Korum-Haus auf dem Rindertanzplatz ein. Ein Gendarm wird sich später daran erinnern, dass er zwei Stunden mit dem Einsammeln der Formulare beschäftigt war und verspätet Mittagspause machen musste.

Unterdessen füllt sich der Platz immer weiter. Aus der ganzen Region bringen die Nationalsozialisten mit Lastern und Zügen die Juden nach Trier. Als die Dunkelheit hereinbricht, wird Familie Schneider zusammen mit fast 200 weiteren Juden zum Hauptbahnhof geführt. Es ist die erste Deportation dieser Art in der Gegend, daher weiß kaum jemand, was ihn erwartet. Einige werden gehofft haben, dass es sich tatsächlich nur um die angeordnete „Aussiedlung nach dem Reichsgebiet“ handelt. Immerhin war noch wenige Tage zuvor in Luxemburg ein Zug abgefahren, mit dem Juden ganz legal ins sichere Portugal auswandern konnten. Stattdessen teilen sich die Schneiders jetzt mit rund 300 luxemburgischen und 200 Trierer Juden die überfüllten Holzwagons des Zuges Da3, Ziel unbekannt.

René Richtscheid, Geschäftsführer des Emil-Frank-Instituts in Wittlich, das sich für den christlich-jüdischen Dialog einsetzt, sagt: „Das war einer der schwersten Einschnitte in der Region, vielleicht schwerer als die Pogromnacht.“ In Luxemburg, das am 9. November 1938 noch nicht besetzt war, habe sich daher der 16. Oktober vor allem in den vergangenen Jahren im kollektiven Gedächtnis verfestigt. Aus diesem Grund sind die luxemburgischen jüdischen Gemeinden vor einiger Zeit mit einer Idee auf verschiedene Institutionen auf der deutschen Seite der Grenze zugegangen. Herausgekommen ist die erste grenzüberschreitende Gedenkveranstaltung für die Opfer des Deportationszuges.

Auf deutscher Seite werden Schüler in Trier, Schweich, Wittlich und Neumagen an die jeweils von dort deportierten Juden erinnern. In Trier findet eine Gedenkveranstaltung auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs statt, in Neumagen und Wittlich wird es jeweils einen Gang von den damaligen Sammelstellen zu den Abfahrtsorten der Züge geben. In Schweich werden Schüler Gedenksteine auf dem jüdischen Friedhof niederlegen. An allen Orten werden sie Namen der betroffenen Juden verlesen, teilweise auch deren Biografien. Viele enden tragisch, nur 15 von 512 Menschen des Zuges werden die NS- Diktatur überleben.

Richtscheid erklärt, wie es für die Deportierten weiterging: „In Lodz angekommen war das wohl ein absoluter Schock, denn da war bereits ein Ghetto für die Juden, die in Polen gelebt hatten. Das war schon auf engstem Raum zusammengedrängt. Und für 20 000 Juden aus dem Reich, davon die 500 aus Trier und Luxemburg, wurde dann noch schnell Platz geschaffen. Sieben Monate lebt die Familie Schneider dort, Vater Ernst ist als Blockleiter tätig für die Juden, die mit dem Zug aus Trier und Luxemburg gekommen waren. Im Mai 1942 dann die Bekanntmachung: Die Juden aus dem Reich sollen erneut ausgesiedelt werden. Ernst muss geahnt haben, was nun kommen würde, denn er wendet sich in einem Brief an die „Aussiedlungskommission“ – vergeblich. Heute befinden sich vor dem Haus in der Eberhardstraße 1 Stolpersteine. Auf einem steht: „Hier wohnte Hans Schneider, jg. 1927. Deportiert 1941 Lodz-Chelmno. Ermordet 10.5.1942.“ Darüber liegen Stolpersteine für Hans‘ Mutter Else, Vater Ernst, Oma und Onkel.

Es sind fast 500 solcher Schicksale, sie alle betreffen Menschen, die nur unweit von Trier lebten. Und doch ist der 16. Oktober 1941 hier weitgehend unbekannt. Die Organisatoren, zu denen Richtscheid gehört, möchten das ändern: „Wenn man das im Gedächtnis verankern kann, dann ist das ganz wichtig.“

Mehr von Saarbrücker Zeitung