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„Emser Depesche“ und Deutsch-Französischer Krieg

„Emser Depesche“ und Deutsch-Französischer Krieg : Otto von Bismarcks „Fake News“

Vor 150 Jahren begann der Deutsch-Französische Krieg – nachdem der damalige Ministerpräsident die „Emser Depesche“ deutlich gekürzt hat.

Der preußische König Wilhelm I. geht gerade auf der Kurpromenade in Bad Ems spazieren, als der französische Botschafter Graf Vincent de Benedetti auf ihn zutritt. Es ist der 13. Juli 1870. Frankreich verlange von Preußen, sagt Benedetti, dass niemals ein Mitglied der Hohenzollern-Herrscherfamilie auf dem spanischen Thron sitzen würde. Der Thron in Madrid ist zu diesem Zeitpunkt verwaist. Spanien hat seine Krone Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, einem entfernten Cousin des preußischen Königs.

In Frankreich ruft dieses Angebot große Unruhe hervor. Dessen Kaiser Napoleon III. steht unter Druck – in seinem Land gibt es starke soziale Spannungen und politischen Streit zwischen dem liberalen und dem konservativen Lager. Er sucht dringend einen außenpolitischen Erfolg. „Nicht unbedingt durch einen Krieg“, erläutert der Marburger Historiker Eckart Conze. Ein diplomatischer Erfolg würde es auch tun. „Die Wahrnehmung in Frankreich zu jener Zeit ist die, dass sich die Gewichte in Europa zuungunsten Frankreichs verschieben“, erläutert Andreas Fahrmeir, Historiker in Frankfurt am Main. Nicht ganz zu Unrecht: Vier Jahre zuvor hat Preußen einen siegreichen Krieg gegen Österreich geführt und war damit zum stärksten deutschen Staat aufgestiegen. Preußen sucht unter seinem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck seinerseits nach Wegen, seine Macht auszubauen. In Berlin wie in Paris betrachten viele Entscheidungsträger einen Krieg als unvermeidlich.

Den Kriegsgrund liefert dann die Frage der spanischen Thronfolge. Napoleon III. befürchtet, zwischen zwei mit Hohenzollern besetzten Thronen in Madrid und Berlin eingekreist zu werden. Tatsächlich ist diese Gefahr gering. Denn Leopold wäre als spanischer Monarch vor allem spanischen Interessen verpflichtet gewesen, nicht preußischen. Am 9. Juli schickt Frankreich seinen Diplomaten Benedetti zum ersten Mal zu Wilhelm I.. Leopold solle auf den spanischen Thron verzichten, lautet die französische Forderung. Der Cousin des preußischen Königs erklärt daraufhin den Rücktritt von seinen Plänen. Das Spiel scheint gelaufen, da erhöht Frankreich den Einsatz. Sein Außenminister schickt den Diplomaten vier Tage später in Bad Ems erneut zu Wilhelm I., diesmal mit der weitergehenden Forderung nach einem Thronverzicht der Hohenzollern für immer.

Wilhelm I. lehnt diesmal ab. „Da geht es um Kategorien wie Ehre und Stolz, die Monarchen in damaligen Zeiten sehr ernst nehmen müssen“, erläutert Conze. Sein Frankfurter Kollege Fahrmeir ergänzt: „Es spielen auch dynastische Erwägungen eine Rolle. Wilhelm steht ja einer Herrscherfamilie vor, auf deren Belange er Rücksicht nehmen muss.“ Der König lässt Bismarck in einer Depesche über das Gespräch mit Benedetti informieren und bittet ihn, die Presse zu informieren. Das tut Bismarck. Aber er kürzt den Text der Depesche und verändert dadurch ihre Tonlage. Die eigentlich höfliche Ablehnung Wilhelms erscheint nun sehr brüskierend und beleidigend. Auf diese gekürzte „Emser Depesche“ hin erklärt Frankreich Preußen am 19. Juli 1870 den Krieg.

Heute könnte man sagen, dass Bismarck „Fake News“ produziert habe. Wobei Historiker Andreas Wirsching im Gespräch mit dem Deutschlandfunk präzisierte, es sei ja keine Falschmeldung gewesen, sondern eine „von Bismarck mit dem Willen zum Krieg versehene Kürzung. Die Forschung geht heute davon aus, dass die Entscheidung zum Krieg in Paris schon vor Bekanntwerden der Depesche gefallen ist. „Für die Kriegserklärung ist das nicht entscheidend“, sagt daher Fahrmeir, „wohl aber für die Interpretation.“ Denn Frankreich steht in der Öffentlichkeit nun als der Angreifer da.