Der Wolf ist zurück in Rheinland-Pfalz, Rudelbildung möglich

Rund elf Tiere wurden gesichtet : Der Wolf ist heimisch in Rheinland-Pfalz

Mehr Artenvielfalt, mehr Ängste: Einst ausgerottet, könnte sich jetzt im Westerwald ein erstes Wolfsrudel bilden.

Ein Wolf hat Ende Mai im Westerwald zwei Mutterschafe und einen kräftigen Schafbock gerissen – „kein schöner Anblick“, sagt der Jäger Gerhard Schneider. Auch ein Lamm hat er bei Dürrholz im Kreis Neuwied wohl gefressen. Vermutlich sieben bis elf Wölfe sind laut dem Mainzer Umweltministerium in Rheinland-Pfalz nachgewiesen worden seit der Rückkehr der Raubtiere nach Deutschland. Sie bereichern die Artenvielfalt – und wecken Ängste, vor allem bei Schäfern sowie manchen Spaziergängern.

Die Attacke auf die Schafe bei Dürrholz hat die Debatte über den Umgang mit den Raubtieren erneut befeuert. Laut Umweltministerium sind seit 2012 landesweit wohl 19 Nutztiere und vier Wildtiere von Wölfen gerissen worden. Einen Menschen aber habe der scheue Beutegreifer seit Gründung des Bundeslands 1946 noch nie in Rheinland-Pfalz angefallen.

Der Vorsitzende des Landesverbands der Schafhalter/Ziegenhalter und Züchter Rheinland-Pfalz, Werner Neumann, sagt in Neuwied: „Wenn ein Wolf in eine Herde einbricht, sind nicht nur mehrere Schafe tot. Die ganze Herde ist dann ein viertel oder halbes Jahr total traumatisiert. Außerdem können Schafe in Panik auf Autobahnen oder ICE-Strecken ausbrechen und Unfälle verursachen.“ Lisa Vesely, eine der wenigen Wanderschäferinnen in Rheinland-Pfalz, erklärt nahe Konz: „Nach einem Wolfsriss kann es bei Schafen auch zu Totgeburten kommen. Oder Lämmer werden von Muttertieren in Panik totgetrampelt.“ Im Rudel könnten Wölfe auch Rinder und Pferde reißen.

Über viele Jahrzehnte hinweg gab es Wölfe in Deutschland nach ihrer Ausrottung im 19. Jahrhundert nur noch in Märchen und Tierparks. Seit der Jahrtausendwende gelangen sie vor allem aus Osteuropa wieder vorwiegend nach Ostdeutschland und Niedersachsen. Naturschützer freuen sich darüber. Rheinland-Pfalz ist bislang eher ein Transitland für Wölfe – sie können viele Kilometer am Tag laufen. Eine Fähe, also eine Wölfin, hat sich jedoch inzwischen dauerhaft im Land angesiedelt, auf dem einstigen Truppenübungsplatz Daaden im Westerwald. „Die Gründung eines Rudels ist langfristig nicht auszuschließen, sollte sich ein weiterer Wolf in Rheinland-Pfalz und dieser Region niederlassen“, teilt das Umweltministerium hierzu mit.

Der Naturschutzbund (Nabu) betont: „Wölfe stehen seit vielen Jahren in Deutschland und Europa unter strengem Schutz und dürfen nicht mehr geschossen werden.“ Der Verband versichert: „Unsere Landschaft ist für den Wolf geeignet und die Bestände der Beutetiere wie Reh, Rothirsch und Wildschwein sind vielerorts hoch.“

Auch das Mainzer Umweltministerium nennt die Rückkehr des Wolfes erfreulich – und verweist auf Hilfen für Schäfer. Die Kreise Altenkirchen, Westerwald, Neuwied sowie die Stadt Koblenz und kleinere Teile der Kreise Mayen-Koblenz und Rhein-Lahn sind als Präventionsgebiet ausgewiesen. Der Kauf von Elektrozäunen und Herdenschutzhunden für Schafe wird hier laut Ministerium seit diesem Jahr mit 100 statt 90 Prozent gefördert. Für vom Wolf gerissene Nutztiere gebe es sogar landesweit 100 Prozent Entschädigung. Insgesamt 3134 Euro sei für 19 seit 2012 getötete Nutztiere gezahlt worden. Belohnungen von 100 Euro könnten für den Fotonachweis eines neuen Wolfes oder eines gerissenen Tieres gezahlt werden. Zweimal sei dies bislang passiert.

Lisa Vesely, die mit ihrer Mutter und ihrem Opa 750 Schafe zwischen Hunsrück und Mosel hütet, sagt: „Wir sind außerhalb des Präventionsgebiets, wir bekommen keine Förderung für unsere Zäune.“ Jeden Tag stelle sie einen mobilen Elektrozaun mit 300 bis 400 Meter Länge für die Nacht auf. „Er ist 90 Zentimeter hoch und angeblich wolfssicher. Aber das stimmt nicht, ein Wolf könnte drüberspringen.“ Ein höherer Zaun wäre teurer und schwerer zu tragen, ergänzt Vesely.

Der Landesverband der Schafhalter zählt laut dem Vorsitzenden Neumann noch etwa 500 Schäfer einschließlich der Hobbykollegen. „Die Zahl der Tiere und der Halter nimmt sowieso seit Jahren ab. Mehr Wölfe können diese Entwicklung noch beschleunigen.“ Nötig wäre endlich eine Weidetierprämie, also eine bestimmte Geldsumme pro Tier und Jahr. Dafür setzt sich auch das Umweltministerium auf Bundesebene ein. Neumann sagt: „Schafhaltung bedeutet auch Landschaftspflege und Förderung der Artenvielfalt.

Der Landesjagdverband sieht in Rheinland-Pfalz keinen geeigneten Lebensraum für Wolfsrudel. Mit der extensiven Viehhaltung, dem Wandertourismus und Hundehaltern könne es viele Konflikte geben. „Wir wollen den Wolf weder verteufeln noch verharmlosen“, betont Verbandssprecher Günther Diether Klein. Die Jäger unterstützten den Wolfs-Managementplan des Landes, der an neue Entwicklungen angepasst werden könne. Bei „Problemwölfen“, die wiederholt Nutztiere gerissen haben, sieht das Papier schon jetzt die „Entnahme“, also eine Tötung, vor.

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