Dämpfer für Strukturreform im Bistum Trier

Bischof Ackermann unter Druck : Dämpfer für Strukturreform im Bistum Trier

Nach dem vorläufigen Stopp aus dem Vatikan liegt die Pfarreienreform im Bistum Trier auf Eis. Wie es weiter geht, ist unklar.

Beteiligung von Laien, Frauen in Führungspositionen und ein anderes Bild des Pfarrers - der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat mit der geplanten Reform im Bistum eine Menge vor. Einige der in der katholischen Kirche diskutierte Themen ist Ackermann auf Bistumsebene angegangen. Das alles unter der Frage: Wie kann eine Kirche von morgen aussehen? Und: Wie kann sie Menschen erreichen?

Das Vorhaben ist als radikaler Wurf angelegt. Die geplante Reform zielt auf neue Strukturen und inhaltliche Schwerpunkte von Seelsorge und religiösem Leben. Bislang gliedert sich das Bistum in 887 kleine Pfarreien, die zu 172 Gemeinschaften zusammengeschlossen sind. Sie sollen künftig 35 Großpfarreien bilden. Im Januar sollte es mit den ersten 15 Großpfarreien losgehen, die weiteren 20 „Pfarreien der Zukunft“ sollten ein Jahr später errichtet werden.

Nicht ständig Entwicklungen hinterherlaufen, sondern rechtzeitig einen Rahmen schaffen, der langfristig Gestaltungsspielraum lässt, so die Idee. Damit verbunden ist aber auch viel Unklarheit und ein Abschiednehmen von Vertrautem. Die Umsetzung der Reform, deren grundsätzliche Linien auf eine Diözesansynode zurückgehen, erfordert von allen Beteiligten Mut und die Bereitschaft, Kirche, Pfarrei und Priestertum neu zu leben. Dazu scheinen nicht alle bereit, jedenfalls nicht in dieser Form und bringen handfeste Argumente ins Spiel.

Mitten in der Umsetzung hat der Vatikan die Reform jetzt erst einmal auf Eis gelegt, um die dort eingegangenen Beschwerden zu prüfen - was vermutlich noch Monate dauern wird. Hoffnungsschimmer für die einen, Enttäuschung für die anderen. Klar ist: Zum Januar werden keine Großpfarreien im Bistum starten. Die entsprechenden Beschlüsse hat der Bischof zurückgenommen.

Auf die Einmischung aus Rom reagiert das Bistum ansonsten eher verhalten. Bei sich andeutenden Unstimmigkeiten in puncto Synodaler Weg in Deutschland hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, prompt erklärt, er werde in Rom das Gespräch suchen. Töne dieser Art hört man aus Trier nicht. Dort scheint man vielmehr auf die Überzeugungskraft der eigenen Argumente zu setzen.

Ackermann wird zu den Beschwerden bei der Kleruskongregation und dem Päpstlichen Rat für die Interpretation der Gesetzestexte Stellung nehmen. Seine Argumente ziehen allerdings bisher bei einigen Katholiken im Bistum nicht - auch wenn er Verständnis für die Beschwerden äußert: „Das steht ihnen rechtlich zu, und wir haben von Seiten des Bistums auch aktiv auf diese Möglichkeit hingewiesen.“

Gegenwind kommt aus zwei Richtungen: Priestern der Gemeinschaft „Unio Apostolica“ widerstrebt das Bild des Pfarrers in den geplanten Großpfarreien. Nur noch 35 anstelle von rund 300, dazu die Einbindung des Pfarrers in ein Leitungsteam mit zwei Laien; das höhle das Sakrament und den Hirtendienst aus, sagt der Vorsitzende der Trierer Gemeinschaft, Pfarrer Joachim Waldorf. Die Leitungsvollmacht des Pfarrers werde beschränkt.

Beschwerden von Laienkatholiken zielen in eine andere Richtung. Sie sehen für sich und ihr Engagement in den Strukturen der Großpfarreien nicht genug Platz, bangen um das Vermögen ihrer Kirchengemeinden und sprechen sich daher für eine „Kirche im Dorf“ aus.

Laienkatholiken und die Priestergruppe eint der Eindruck, dass ihre Argumente im Bistum nicht gehört würden. Der Trierer Pastoraltheologe Martin Lörsch sieht in der Unterbrechung daher „bei allem Ärger die Chance für eine Ruhephase“. Viele Engagierte hätten die vergangenen Monate als sehr hektisch erlebt. Teilweise fehlten Bilder, wie die geplanten Großpfarreien mit Leben gefüllt werden sollen. Die Beschwerde der Priestergemeinschaft schätzt Lörsch als „Spitze des Eisbergs“ ein. Einer Spaltung der auseinanderstrebenden Kräfte im Bistum solle durch Gespräche entgegen gewirkt werden.

Fraglich ist auch, welche weiteren Auswirkungen die Intervention aus Rom hat. Viele Diözesen stellen ähnliche Überlegungen wie Trier an. Einige orientieren sich an kleinteiligen Gemeinschaften, übertragen Laien mehr Verantwortung. Andere liebäugeln mit ähnlich großen Pfarreien wie in Trier. Viele gingen dabei derzeit nur einen „Zwischenschritt“, so die Einschätzung von Lörsch. Auch wenn der flächendeckende
Strukturentwurf aus Trier auf manchen radikal wirke - „über kurz oder lang werden alle Bistümer an diesen Punkt kommen“, ist der Theologe überzeugt.

Dabei geht es auch um ein Abwägen zwischen Bewahren und Aufbruch. Traditionelleren Katholiken ist der Bruch zu groß. Pfarrer Waldorf etwa erklärt: „Reformen hat es immer gegeben, aber ich sehe bei dem Vorhaben keine Kontinuität zum aktuellen System.“ Die Gemeinschaft stehe hinter der Diözesansynode, stelle sich aber eine andere Umsetzung vor.

Andere Gruppen halten eine Zäsur für notwendig. Priester der „Plattform P“ unterstützen in einem Brief an den Bischof gemeinsam mit Diakonen sowie Gemeinde- und Pastoralreferenten den vorgeschlagenen Weg. Weniger Verwaltung, mehr Freiraum, so die Argumentation: „Priester, die nicht mehr Pfarrer sein werden, sind dann noch mehr frei, als Seelsorger und ‚Hirten‘ zu wirken.“

Eine andere wichtige Frage ist, welche Zielgruppe als Orientierung für eine Reform dienen soll: Der aktuelle Bestand der Priester und Kirchenbesucher oder eine neue Größe. Sollte das Eingreifen des Vatikans auf einen generellen Reformstopp zulaufen, werde dies weitreichende Konsequenzen haben, vermutet Lörsch. „Dabei geht es nicht nur um einen Konflikt zwischen Rom und Trier, das hat Auswirkungen auf die gesamte deutsche Kirche einschließlich des Synodalen Weges.“