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Gendarmen räumen Protestlager in Bure
Polizei räumt Atomgegner-Lager in Bure

Am Donnerstag haben Gendarmen in Bure Atomgegner vom Gelände des zukünftigen Atommüllendlagers vertrieben. Danach kamen Bulldozer zum Einsatz, um das Protestlager zu zerstören. (Symbolbild)
Am Donnerstag haben Gendarmen in Bure Atomgegner vom Gelände des zukünftigen Atommüllendlagers vertrieben. Danach kamen Bulldozer zum Einsatz, um das Protestlager zu zerstören. (Symbolbild) FOTO: picture alliance / dpa / Patrick Pleul
Bure. 500 Gendarmen haben gestern früh das von Aktivisten besetzte Gelände geräumt, auf dem ein Atommüllendlager gebaut werden soll. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Alles war noch still und die Temperaturen lagen im Minusbereich, als die Scheinwerfer der Gendarmerie-Fahrzeuge plötzlich für Licht in der Dunkelheit sorgten. Kurz nach sechs Uhr rückten gestern rund 500 Gendarmen auf das Gelände „Bois Lejuc“ vor. In diesem ländlichen Gebiet in Lothringen, in unmittelbarer Nähe des 80-Seelen-Dorfes Bure, plant die französische Regierung ein unterirdisches Endlager für hochradioaktiven Müll. Seit Jahren machen Bewohner aus der Umgebung und Umweltaktivisten gegen das Projekt mobil. 15 von ihnen hatten sogar in Baumhäusern und Holzhütten dauerhaft das Waldgelände „Bois Lejuc“ besetzt. Und sie bekamen gestern Besuch von der Gendarmerie. Ziel sei, der „illegalen Besatzung ein Ende zu setzen“, teilte das Innenministerium mit. Das geplante Projekt in Bure sei von nationalem Interesse. „Wir haben gehandelt, um eine Gerichtsentscheidung umzusetzen“, schrieb Innenminister Gérard Collomb auf dem Sozialen Netzwerk Twitter.


In der Tat hatte ein Gericht im April den dauerhaften Aufenthalt der Atomgegner im Wald für rechtswidrig erklärt. Doch zehn Monate lang ließ die Räumung auf sich warten. Bis gestern. Dass die Evakuierung jetzt stattfindet, hat womöglich mit einem anderen Protestherd in Frankreich zu tun: mit dem geplanten Flughafen Notre-Dame-des-Landes im Westen des Landes. Jahrelang hatten Projektwidersacher dagegen protestiert und ähnlich wie in Bure hatte sich auf dem Gelände ein Protestlager gebildet. Damit war der Ort zum Epizentrum des ökologischen Protestes gegen Großprojekte in Frankreich geworden. Umweltaktivisten aus dem ganzen Land pilgerten dorthin und blieben. Vor ein paar Wochen dann das überraschende Ende: die Regierung nahm das Flughafen-Projekt vom Tisch. Für die Aktivisten ein Riesenerfolg, der hartnäckige Widerstand hatte sich gelohnt. Und könnte auch woanders von Erfolg gekrönt werden. Zu groß war nun für die Regierung das Risiko, dass sich der Kampf nach Bure verlagert.

Und so zog Innenminister Collomb gestern die Notbremse. Der Einsatz der Gendarmen dauerte den ganzen Vormittag an. Nachdem die Menschen, die sich selbst „die Eulen von Bure“ nennen, weil sie in Baumhäusern wohnen, das Gelände verlassen hatten, rückten die Bulldozer an, um das Protestcamp zu zerstören. Gendarmen bleiben für die nächsten Wochen in Bure, um zu verhindern, dass Atomgegner das Gelände zurückerobern. Doch kampflos werden diese das Feld nicht überlassen. Mehrere Umweltverbände kündigten bereits gestern neue Aktionen an. „Diese Machtdemonstration wird den Protest nicht zum Schweigen bringen“, sagte Charlotte Mijéon, Sprecherin der Initiative „Sortir du nucléaire“ (deutsch: „Raus aus der Atomkraft“). Außerdem seien die Besitzverhältnisse für den „Bois Lejuc“ nicht endgültig geklärt. Vor ein paar Jahren hatte die französische Atommüllbehörde Andra das Gelände, das sie für Zugangswege und Lüftungsschächte braucht, mit der Kommune gegen ein anderes Waldstück getauscht. Gegner fochten den Tausch an, seitdem beschäftigen sich Gerichte mit dem Fall.

Projektgegner kritisierten gestern auch eine doppeldeutige Herangehensweise der Regierung. Anfang der Woche hatte der zuständige Staatssekretär Sébastien Lecornu seinen Besuch in Bure angekündigt. Für den heutigen Freitag stand ein Treffen mit Projektgegnern auf der Tagesordnung. „Die Regierung spricht von Dialog, aber tatsächlich lässt sie die Muskeln spielen und setzt auf Räumung“, empörte sich Jean-Marc Fleury, Vertreter einer Gruppe von Abgeordneten, die das Endlagerprojekt ablehnen. Das Treffen mit den Aktivisten kann der Staatssekretär erstmal von der Tagesordnung streichen.