Nach dem AKW in Fessenheim: Recycling-Anlage für radioaktives Metall geplant

Umstrittenes AKW im Elsass : Was wird aus dem Kernkraftwerk Fessenheim?

Die Tage des Kernkraftwerks sind gezählt. Doch auch über die neuen Nutzungspläne von Betreiber EdF sind Atomgegner wenig begeistert.

Es war ein langes Poker-Spiel zwischen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Interessen. Über Jahrzehnte und mit zahlreichen Wendungen. Doch in knapp einem Monat startet das letzte Kapitel einer hoch umstrittenen Anlage im Elsass: das Atomkraftwerk (AKW) Fessenheim. Ende Februar wird der erste Reaktor abgeschaltet, im Sommer der zweite. Damit geht Frankreichs ältestes Kernkraftwerk vom Netz.

Dem französischen Staat kommt die Stilllegung teuer zu stehen. Rund 400 Millionen Euro bekommt Betreiber EdF als Ausgleichszahlungen für die vorzeitige Schließung. Diese großzügige Entschädigung halten Umweltorganisationen für rechtswidrig und haben bei der Europäischen Kommission eine Beschwerde wegen staatlicher Beihilfen zugunsten von EdF eingereicht. Laut dem Netzwerk „Sortir du nucléaire“ (deutsch: raus aus der Atomkraft) handele sich bei einem Großteil der Summe um Geld, das die EdF sowieso hätte bei der Stilllegung ausgeben müssen – egal wann diese stattfindet. Dementsprechend hätte die EdF das Geld dafür auf die hohe Kante legen müssen. Das Netzwerk sieht darin einen Versuch des Staates, dem Unternehmen auf Kosten der französischen Steuerzahler finanziell unter die Arme zu greifen.

Unabhängig von diesem finanziellen Aspekt begrüßen die Atomgegner die Schließung der Anlage. Auf die Erleichterung folgte die Frage, was aus Region werden sollte. Nicht nur die Stadt Fessenheim profitierte von der Unternehmenssteuer des AKWs, es ist bis heute ein wichtiger Arbeitgeber in der Gegend. Einige der Beschäftigten werden wohl beim Abbau der Anlage weiter vor Ort arbeiten können. Doch auch der Standort als Ganzes soll weiter industriell genutzt werden. Wie das aussehen könnte, stellte Frankreichs Umweltminister François de Rugy (inzwischen zurückgetreten) vor einem Jahr bei einem Besuch im Elsass vor. Laut Ministerium ist ein „Technocentre“ in Zusammenarbeit mit der EdF geplant. Dort sollten Metallkomponenten aus kerntechnischen Anlagen bearbeitetet und wiederverwertet werden. Gemeint sind damit natürlich Teile aus dem stillgelegten AKW Fesseneheim selber, aber nicht nur. Der Vorschlag der EdF sieht vor, dass metallische Großkomponenten wie Dampferzeuger aus dem Land und Deutschland, wo im Zuge der Energiewende alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden, am Standort Fessenheim dekontaminiert und eingeschmolzen werden.

Der Plan stößt bei den Umweltorganisationen auf viel Kritik. Sie befürchten, dass nun Atomabfall aus ganz Europa nach Fessenheim verfrachtet wird und dass das dort behandelte Metall irgendwann auf dem regulären Markt landet. „Es ist schon bitter. Seit Jahrzehnten kämpft man für die Abschaltung des AKWs, nun ist es soweit, aber EdF legt dieses irrwitzige Projekt vor“, sagt André Hatz vom Verein „Stop Fessenheim“. Das Kernkraftwerk und das „Technocentre“: für ihn sei es wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Dabei könne man das grenzüberschreitende Gebiet um Fessenheim nutzen, um Industriebetriebe aus beiden Ländern zu locken. „Diese werden aber nicht kommen, wenn eine solche nukleare Recycling-Anlage in der unmittelbarer Nachbarschaft entsteht“, sorgt sich Hatz. Warum EdF an dem Projekt festhält, ist für ihn klar: Der Konzern muss seinen verstrahlten Metallmüll los werden und sieht in dem „Technocentre“-Projekt dafür eine gute Gelegenheit.

Rund 180 Arbeitsstellen könnten durch das Projekt entstehen. „Für uns wäre das natürlich eine gute Nachricht“, meint Fessenheims Bürgermeister Claude Brender. „Diese Metallkomponenten müssen behandelt werden und hier in Fessenheim gibt es viel Fachwissen. Durch die Bearbeitung an einem Standort wäre die Rückverfolgbarkeit viel einfacher und zuverlässiger“, so der Bürgermeister. Er bedauert, dass sich die deutsche Seite zurückhaltend zeigt. Die Nachbarn aus Baden-Württemberg seien nicht begeistert.

Noch ist die Entscheidung für oder gegen das „Technocentre“ nicht gefallen. Bis die Zukunft des Standortes wirklich klar wird, werden womöglich noch ein paar Monate vergehen. Doch bereits jetzt wird über die deutsche Beteiligung an dem Projekt spekuliert. Auch hier halten sich alle bedeckt. „Verantwortlich für die Organisation und Finanzierung des Abbaus der Atomkraftwerke in Deutschland im Allgemeinen und die schadlose Verwertung der beim Abbau anfallenden radioaktiven Reststoffe sowie ausgebauten oder abgebauten Anlagenteile im Besonderen sind die jeweiligen Betreiber“, antwortete die Bundesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Hubertus Zdebel, Tobias Pflüger und Gesine Lötzsch (alle Linkspartei). „Nähere Informationen zu einer etwaigen deutsch-französischen Unternehmung zur Betreibung eines solchen ‚Techno-Centre’ oder dessen möglicher Beauftragung durch Betreiber von Atomkraftwerken in Deutschland liegen der Bundesregierung nicht vor“, heißt es weiter.