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Besuch in der E-Sportakademie in Freyming-Merlebach
Morgens Jura, nachmittags Computerspiele

Pierre-Eric Becker leitet die Videospiel-Akademie Helios Gaming School in Freyming-Merlebach.
Pierre-Eric Becker leitet die Videospiel-Akademie Helios Gaming School in Freyming-Merlebach. FOTO: Hélène Maillasson
Freyming-Merlebach. An einer E-Sport-Akademie im lothringischen Freyming-Merlebach werden Studenten zu professionellen Videospielern ausgebildet. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Es ist dunkel im Klassenzimmer. Die Rollos wurden runter gezogen, damit die Sonne nicht auf den Bildschirmen reflektiert. Mit Kopfhörern auf den Ohren blicken die Studenten konzentriert nach vorne. Es wird gekämpft, zerstört, getötet. In der virtuellen Welt, versteht sich. In der echten Welt wird gejubelt, aber auch immer wieder geflucht. „Sie müssen lernen, mit Enttäuschungen umzugehen. Und wenn sie verlieren, sich wieder dran zu setzen“, sagt Axel Desgardin, während er durch die Reihen geht. Die Studenten nennen ihn Neylan  – sein Spielername. Ähnlich wie manche Künstler nutzen auch Videospieler Pseudonyme. Neylans Spiel heißt „League of Legends“. Er ist darin so gut, dass er das auch unterrichtet. Seit September arbeitet er als Coach bei der Helios Gaming School im lothringischen Freyming-Merlebach.


Hier werden 23 Männer und Frauen zu professionellen E-Gamern ausgebildet. Aber nicht nur. Denn, damit jeder von ihnen künftig seinen Lebensunterhalt mit Videospielen am Computer finanzieren kann, ist unrealistisch. „Das ist beim E-Sport genauso wie bei anderen Spitzensportarten. Viele arbeiten hart an dem Traum, Profi zu werden. Aber nur einige schaffen es wirklich. Die anderen wollen wir trotzdem nicht im Stich lassen“, sagt Pierre-Eric Becker, pädagogischer Leiter der Akademie. Er hat den Stundenplan konzipiert: Vormittags Theorie mit Fächern wie Marketing, Englisch, Ernährungswissenschaft und Jura. Und nach der Mittagspause üben die Studenten ihre Fertigkeiten bei „League of Legends“ und „Rainbow 6“. Wie bei einer Sportakademie wählt jeder seine Spezialität.

In Freyming-Merlebach haben sich die meisten für „League of Legends“ entschieden. Grob erklärt kämpfen dabei zwei fünfköpfige Teams um mehrere Schlachtfelder. In Wirklichkeit ist es natürlich viel komplizierter. Die Sache als obskuren Zeitvertreib für ein paar gelangweilte Nerds abzustempeln, wäre falsch. Sieben Millionen Menschen spielen es weltweit täglich. Noch mehr verfolgen in Live-Streams die Wettkämpfe, die sich Teams rund um den Globus liefern. Es gibt Europa- und Weltmeisterschaften in „League of Legends“. Es ist eine ernste Sache, womit sich auch Geld verdienen lässt. Als Spieler, aber auch als Kommentatoren oder als Planer solcher E-Sport-Großveranstaltungen.



„Deshalb bereiten wir die Studenten auch auf andere Berufe vor, die zwar ursprünglich mit der E-Sport-Welt in Verbindungen stehen, aber Kompetenzen erfordern, die man leicht übertragen kann“, berichtet Becker. Wer ein großes E-Game-Turnier auf die Beine stellt, kann womöglich Konzerte organisieren oder bei der Organisation von Messen tätig sein. Wer für den eigenen Youtube-Kanal Beiträge über Videospiele dreht, schneidet und online stellt, würde einen guten Manager für Kommunikation in sozialen Netzwerken abgeben.

„Die meisten Studenten kommen hierher mit dem Traum einer Profi-Karriere. Nach ein paar Monaten landen viele wieder auf dem Boden der Tatsachen“, sagt Becker. Von 23 hoffen noch drei darauf. Die anderen würden gerne nebenberuflich im Gaming-Bereich bleiben, sind sich aber dessen bewusst, dass sie auch ein Standbein brauchen. Erfahrung dafür können sie in Pflichtpraktika sammeln. Einen halben Tag pro Woche arbeiten die 23 Studenten für eine Firma. Becker erzählt von einem Student, der sein Praktikum als Community Manager bei einem lothringischen Betrieb macht, der Holzhäuser plant und baut. Die 21-jährige Léa Benaddou unterstützt eine Cosplay-Darstellerin aus Köln, die Kostüme zusammenstellt und die dargestellten Figuren aus japanischen Mangas, Comics oder Computerspielen auf Wettbewerben oder Veranstaltungen der Szene verkörpert. In Léas Zimmer stehen neben dem Hochbett eine Nähmaschine und jede Menge bunte Stoffe.

Die Studenten kommen aus ganz Frankreich und wohnen in einem Loft, das für sie über den Unterrichtsräumen eingerichtet wurde. 200 Bewerbungen bekam Becker für diesen ersten Jahrgang. Das Abitur ist Voraussetzung und natürlich das Schulgeld. 7900 Euro kostet die einjährige Ausbildung, Unterkunft inklusive. Nicht alle Eltern können und wollen das zahlen. Auch Léas Eltern waren skeptisch. „Am Anfang haben sie mich nicht unterstützt. Sie dachten, die Schule hier wäre eine Laune“, erzählt sie. „Doch als sie gemerkt haben, wie sehr ich mich engagiere, haben sie meine Entscheidung akzeptiert.“

Währenddessen dreht Coach Neylan weiter seine Runden durch die Klasse und seufzt. Nicht alle sind so fleißig wie Léa. „Als sie nach den Weihnachtsferien zurückkamen, hatten sie soviel vergessen. Ich muss jetzt mit ihnen einiges wiederholen.“ Wie in jeder Schule.

Léa Benaddou konnte auch ihre Eltern von ihrer Ausbildung überzeugen.
Léa Benaddou konnte auch ihre Eltern von ihrer Ausbildung überzeugen. FOTO: Hélène Maillasson