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Alltag in Coronavirus-Quarantäne: Mit „Mensch-ärger-dich-nicht“ gegen den Lagerkoller

Alltag in Coronavirus-Quarantäne : Mit „Mensch-ärger-dich-nicht“ gegen den Lagerkoller

Seit Samstagnacht harren rund 120 China-Rückkehrer in einer Kaserne in der Pfalz aus. Frühestens in einer Woche wissen sie zuverlässiger, ob sie mit dem Coronavirus infiziert sind. So geht es den Menschen nach einer Woche in Isolation.

Erst gab es Pichelsteiner Eintopf, dann kam die erfreuliche Nachricht. Bei keinem der rund 120 China-Rückkehrer in Quarantäne im pfälzischen Germersheim lässt sich derzeit das Coronavirus nachweisen, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. Aber den abgeschirmten Block 4 in der Bundeswehrkaserne dürfen die Männer, Frauen und Kinder trotzdem vorerst nicht verlassen. Rund 14 Tage dauert ihre Isolation, fast die Hälfte ist jetzt wohl vorbei. Bis zu ihrer Entlassung richten sich die Menschen ein, so gut es geht. Für manchen ist es ein Alltag zwischen Hygieneregeln und Eintönigkeit.

„Die Stimmung unter den Rückkehrern ist insgesamt gut“, sagt der Germersheimer Landrat Fritz Brechtel (CDU). Dass manch einer nach fast einer Woche unruhig werde, sei nachvollziehbar. „Das würde einem ja selbst so gehen“, erklärt der CDU-Politiker. Und was machen die Menschen den lieben langen Tag so? „Einige widmen sich Brettspielen“, sagt Brechtel. Die Betreuer hätten unter anderem Klassiker wie „Mensch ärgere Dich nicht“ oder „Monopoly“ zur Verfügung gestellt. „Sehr beliebt ist "Die Siedler von Catan"“, sagt Brechtel. Dabei geht es unter anderem um Rohstoffeinnahmen zum Städtebau.

„Alle Beteiligten sind nach wie vor mit großem Engagement dabei, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten“, betont das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium. Auch Kai Kranich vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) unterstreicht den respektvollen Umgang. Die Kinder hätten für die freiwilligen Helfer Bilder gemalt und die Erwachsenen Dankesbriefe geschrieben. Brechtel zufolge sind auch vier Geburtstagskinder in Quarantäne. „Wir werden ihnen ein Präsent überreichen, damit sie Germersheim in guter Erinnerung behalten.“ Das Beste daraus machen - so lassen sich die Stimmen wohl zusammenfassen.

Insgesamt 128 Zimmer stehen den Rückkehrern in dem noch recht neuen Block zur Verfügung. Es sind eher kleine Räume mit Tisch und Etagenbett sowie Kühlschrank, Fernseher und Badezimmer. Wer rauchen oder sich die Beine vertreten möchte, kann dies auf einem umzäunten Areal rund um den Block tun. Allein sind die Rückkehrer nicht: Rund 20 DRK-Betreuer sind freiwillig mit in Quarantäne gegangen.

In dem Gebäude mit der aufgemalten Zahl 4 gelten klare Regeln. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens herrscht Nachtruhe, und mindestens dreimal täglich soll der Mundschutz gewechselt werden, heißt es in einem Aushang. Händeschütteln ist grundsätzlich untersagt. An vielen Stellen hängen Handdesinfektionsspender. Täglich wird Fieber gemessen, und ein Arzt erkundigt sich regelmäßig nach dem Wohlbefinden der Rückkehrer. Sie waren am Samstag an Bord einer Sondermaschine in Frankfurt gelandet. Bei zwei Passagieren wurde das Coronavirus nachgewiesen, sie kamen in das Uniklinikum Frankfurt.

Einer, der weiß, wie sich Reizarmut und Zeitüberfluss in Quarantäne überstehen lassen, ist Oliver Knickel. Der damalige Bundeswehrsoldat simulierte 2009 in einem Experiment 105 Tage lang mit fünf Männern in einem nachgebauten Raumschiff einen Flug zum Mars. „Am meisten vermisst man die kleinen Dinge des Alltags, etwa gute Gespräche, Freunde oder Hobbys“, sagt er. Über die Situation zu jammern, helfe aber nicht weiter und mache es nur für alle schwerer.

„Man sollte sich jeden Tag selbst einige Aufgaben stellen und Ziele setzen und auch ohne äußere Zwänge einen geregelten Tagesablauf etablieren“, rät Knickel. Wichtig sei, kollegial miteinander umzugehen und Beschäftigungen zu suchen. „Und man sollte überlegen, was man macht, wenn die Zeit vorbei ist. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude“, erzählt der gebürtige Düsseldorfer.

In der Germersheimer Kaserne gibt ein Kiosk im Quarantäne-Block Getränke und kleine Snacks aus. Aus Gründen der Hygiene sollen die Rückkehrer in ihren Zimmern essen. Als Mahlzeiten werden etwa Reis mit Hühnchen sowie Kartoffelsuppe oder Spätzle mit Gulasch angeboten.

Zwei Wochen in einem Gebäude auf einem eingezäunten Areal: Besteht da nicht die Gefahr von Lagerkoller? „Wir versuchen alles, damit es nicht dazu kommt“, sagt DRK-Mann Kranich. So gebe es unter anderem eine psychologische Betreuung. Kranich fügt augenzwinkernd hinzu: „Quarantäne, das können Sie sich so vorstellen, als ob Sie Stubenarrest von Ihrer Mama bekommen.“ Damit es nicht langweilig wird, werden den Rückkehrern auch Bücher angeboten.

Durch ein Videokonferenzsystem können die Menschen im Quarantäne-Block künftig einfacher mit ihren Betreuern außerhalb des Sicherheitsbereichs sprechen. Auch ein Sorgentelefon sei eingerichtet worden, sagt Landrat Brechtel. Einige Rückkehrer hätten sich etwa darüber gewundert, dass Pakete mit bestellten Waren nicht zu ihnen durchgelassen worden wären. Die Vorschriften ließen dies nicht zu.

Die Behörden wollten einerseits keine möglichen Krankheitserreger einschleppen - andererseits dürften sie die Pakete mit Hinweis auf das Postgeheimnis auch nicht einfach öffnen und kontrollieren.

(dpa)